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14.12.2020

06:09

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

in normalen Zeiten würde sich vorweihnachtliche Freude breitmachen. Jetzt hat man Glück, heute oder morgen noch einen Friseurtermin zu bekommen. Verbunden mit dem Hinweis, den zu erwartenden Mehrverkehr einzuplanen und bloß pünktlich zu ein. Deutschland legt Sonderschichten ein – ehe die Republik dann von Mittwoch an bis zum 10. Januar dichtmacht. Nur Versorgungsstellen fürs alltägliche Leben wie Supermärkte oder Apotheken sind geöffnet, Kontakte werden radikal eingeschränkt.

dpa

Die Ministerpräsidenten sind am Ende der Hardcore-Strategie gefolgt, die Kanzlerin Angela Merkel mit Blick auf die hohen Corona-Fallzahlen schon vorher vorgeschlagen hat.

Die Ministerpräsidenten sind am Ende der Hardcore-Strategie gefolgt, die Kanzlerin Angela Merkel mit Blick auf die hohen Corona-Fallzahlen schon lange vorgeschlagen hat. Eine Stimmung der Angst greift um sich, auch ausgelöst durch Merkels Warnung vor dem „letzten Weihnachten mit den Großeltern“, falls wir zu viele Kontakte haben. Und von der Suggestivfrage des Regierenden Bürgermeister von Berlin, Michael Müller: „Wie viele Tote sind uns ein Shopping-Erlebnis wert?“ Der Aufrüstung der Sprache folgt die Aufrüstung der Corona-Maßnahmen.

Angela Merkel nennt als Zeugen für ihre Politik Experten der Wissenschaftsakademie Leopoldina. Doch so eindeutig, wie die Regierung tut, ist die Causa Corona hier nicht. So weist mit dem Lausanner Philosophieprofessor Michael Esfeld ausgerechnet ein Mitglied der Leopoldina darauf hin, dass der vor einer Woche erfolgte Appell zum harten Lockdown aus der Leopoldina heraus „die Prinzipien wissenschaftlicher und ethischer Redlichkeit verletzt“. Es existierten keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, die eine solche Maßnahme rechtfertigten. Vielmehr sei der Umgang mit dem Virus selbst im engeren Kreis der Experten für Virologie und Epidemiologie eine Streitfrage. Im weiteren Kreis der Wissenschaftler wiederum sei „höchst umstritten“, ob der Nutzen scharfer politischer Maßnahmen die dadurch verursachten Schäden aufwiegt.

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    Und so schrieb Esfeld einen Offenen Brief an den Präsidenten der Leopoldina. Die Akademie sollte „ihre Autorität nicht dazu verwenden, einseitige Stellungnahmen zu verfassen, die vorgeben, eine bestimmte politische Position wissenschaftlich zu untermauern“. Sogar vom „Offenbarungseid der deutschen Corona-Politik“ spricht Wirtschaftsethik-Professor Christoph Lütge von der TU München. Man habe immer gesagt, der Lockdown sei „das Schlechteste, was kommen kann.“ Lütge warnt vor schweren wirtschaftlichen und gesundheitlichen Schäden sowie psychischen und sozialen Langzeitfolgen. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat über den Mann, der ihn im Bayerischen Ethikrat berät, eine klare Meinung: „Ich glaube, der Professor irrt.“

    Für die von der „Mission Stillstand“ – so der aktuelle Handelsblatt-Titel – betroffenen Firmen sieht die Bundesregierung Überbrückungshilfen und verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten vor. Das belaste den Haushalt mit monatlich 11,2 Milliarden Euro, schätzt Kassenwart Olaf Scholz – und fängt sich Kritik des Handelsverbands HDE ein: Die geplanten Gelder reichten „bei weitem nicht aus, um eine Pleitewelle in den Innenstädten zu verhindern“. Der Verband fordert eine Umsatzerstattung wie bei der Gastronomie. Unterdessen sinnt die Große Koalition nach unseren Informationen darauf, die Frist bis Ende Januar zu verlängern, in der überschuldete Firmen von der Pflicht zum Insolvenzantrag befreit werden können. Geld sei der sechste Sinn, sagte William Somerset Maugham einmal: „Der Mensch muss ihn haben; denn ohne ihn kann er die anderen fünf nicht voll ausnützen.“

    Jenseits des Ad-hoc-Krisenmanagements zur Pandemie stellen sich weiter dringende Fragen. Warum wissen wir so wenig über die Gründe für das Scheitern der „Lockdown-light“-Strategie? Wo sind die wissenschaftlichen Studien, die Erklärungen liefern? Warum ist der versprochene spezielle Schutz für Alten- und Pflegeheime – mit FFP2-Masken, Tests und so weiter – noch so löchrig? Wo ist die Strategie für die Zeit nach dem 10. Januar, die der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit zu Recht einfordert? Nun will sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zur „aktuellen Lage in der Pandemie“ äußern – und hoffentlich nicht auch den Weg der Angstmacherei gehen.

    AP

    Impfen statt Shoppen: In mehr als 5000 Walmart-Supermärkten mit ihren oft eigenen Apotheken wird die Impfung vorbereitet.

    Gespannt warten die Deutschen in diesen Tagen auf den Corona-Impfstoff, den die Mainzer Firma Biontech mit dem US-Konzern Pfizer entwickelt hat. Erste Impfzentren sind errichtet. In den USA haben die Behörden das Vakzin genehmigt, nun soll es in dem Flächenstaat mit seinen 328 Millionen Einwohnern verteilt werden – mit Hilfe der Apothekenketten Walgreens und CVS sowie dem Handelsriesen Walmart. Dessen Chief Medical Officer – ja, so etwas gibt es dort – bereitet die Impfung in mehr als 5000 Supermärkten mit oft eigenen Apotheken vor. Auch verhandelt Walmart über Impfungen in Seniorenheimen. Dem Einzelhandelsgiganten kommt sein weitverzweigtes Filialnetz in den dünn besiedelten USA zugute, analysiert unser Report. Von Aldi und den Albrechts, dem deutschen Pendant zum Konzern der Familie Walton, sind ähnliche Pläne nicht bekannt.

    Während Bund und Länder in Sachen Pandemie gestern im Ruck-Zuck-Verfahren eine Einigung fanden, quälen sich die Unterhändler beim Brexit. Großbritannien und die Europäische Union haben noch jede Frist gerissen, also auch die letzte am Sonntag. Man streitet um fairen Wettbewerb und Fischereirechte in britischen Gewässern.

    Was dabei verloren geht ist der Blick auf den Kalender: Noch 17 Tage bis zum Jahresende und damit bis Ultimo, um einen dicken Vertrag final auszuhandeln und zu unterschreiben. Es wird also im Stress weiterverhandelt. Das Motto des Tages heißt „Extra Mile“, die jetzt zu gehen sei – das kennt man aus dem Wörterbuch der größten Manager-Leerformeln. Am wahrscheinlichsten seien WTO-Bedingungen, also keine Regelungen durch ein Abkommen, gibt der britische Premier Boris Johnson zum Besten. Er wollte schon Marineboote zum Schutz seiner Fischer einsetzen.

    Er war ein Beispiel dafür, dass Scheitern die Basis für eine Karriere sein kann. Als Agent für die britischen Geheimdienste MI5 und MI6 war der studierte Germanist einst alles andere als eine James-Bond-Begabung – aber er lernte das Sujet für seine späteren erzählerischen Beobachtungen genau kennen. Mit „Der Spion, der aus der Kälte kam“ schaffte John le Carré dann den Durchbruch.

    Es folgten viele Spionageromane der intelligenten Art, oft im Kalten Krieg angesiedelt, für die sich ein großes Publikum fand. Einer der wichtigsten Akteure in dieser Agentenwelt war George Smiley, ein Meisterspion ohne Illusionen, der in „Dame, König, As, Spion“ einen Großauftritt hat. „Ein guter Mann weiß, wann er sich selbst opfern muss, ein schlechter Mann überlebt, verliert aber seine Seele“, sagte le Carré einmal. Der philosophierende Bestsellerautor ist am Samstag im Alter von 89 Jahren an einer Lungenentzündung gestorben.

    Gildas Boclé

    Die Frauen aus den Familienunternehmen verstehen sich als eine Art Thinktank werben auf Videokonferenzen für ihr Produkt.

    Und dann sind da noch neun Frauen, die Champagnerhäuser leiten und sich mit ihrer Vereinigung „La Transmission“ viel vorgenommen haben. Die Gruppe wurde einst gegründet von Anne Malassagne von Lenoble und Maggie Henriquez des Hauses Krug, das heute zum Luxuskonzern LVMH gehört. Es sollte eine Gruppe von Frauen sein, „die die Vielfalt des Champagners repräsentieren“, sagt Anne Malassagne dem Handelsblatt über „La Transmission“.

    Die Frauen aus den Familienunternehmen verstehen sich als eine Art Thinktank, organisieren Champagner-Proben und werben auf Videokonferenzen für ihr Produkt, das 2020 mit einem Geschäftsrückgang von rund 30 Prozent zu kämpfen hat – nach einem Umsatzrekord von mehr als fünf Milliarden Euro in 2019. „Wir wollen die Geschichte des Champagners erzählen“, sagt Vitalie Taittinger, Präsidentin der gleichnamigen Champagnerfirma. Einig sind sich alle, dass sich das Image ändern soll: von luxuriös und arrogant zu leicht zugänglich, gewissermaßen demokratisch genussvoll. Das schönste Zitat zum Thema lieferte Honoré de Balzac: „Großartige Liebesaffären starten mit Champagner und enden mit Kräutertee.“

    Ich wünsche Ihnen einen angenehmen, auch prickelnden Start in die Woche.

    Es grüßt Sie herzlich
    Ihr

    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

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