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29.07.2022

06:25

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

der für mich wichtigste Satz im Interview, das wir mit Unternehmerin Susanne Klatten führten, lautet: „Wir brauchen eine Vielfalt von Unternehmen – Dax-Konzerne oder Techgiganten allein halten keine Wirtschaft auf Dauer am Laufen.“

Es ist das Bekenntnis der reichsten Frau Deutschlands (die genau darauf nicht reduziert werden will) zu Familienunternehmen und Neugründungen, zu einer lebendigen Wirtschaftsstruktur. Dafür hat die BMW-Großaktionärin aus der Quandt-Dynastie vor 20 Jahren mit ihrem Kapital und mit Geschäftsführer Helmut Schönenberger ein eigenes Start-up für Start-ups geschaffen. Es ist heute – Umsatz: 40 Millionen Euro – Europas größtes Gründerzentrum.

Firmen wie Celonis, Personio, Flixmobility, Sono Motors oder Lilium reiften bei UnternehmerTUM, einer gemeinnützigen GmbH, die 2021 mehr als drei Milliarden Euro Risikokapital einwarb – für eine „neue Gründerzeit“ und neue „Technologieführer“, wie Schönenberger im Doppelinterview sagt.

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    So wie im Industriekapitalismus des 19. Jahrhunderts oder nach 1945 braucht die Republik eine Welle zukunftsträchtiger Jungfirmen. Sie habe den Gedanken mit sich getragen, „dass wir mehr Familienunternehmen brauchen, Gründerinnen und Gründer, die sich ihre Geschäftsidee so zu eigen machen, dass sie zur Lebensaufgabe wird“, erläutert Klatten.

    „Unternehmerin“ ist sie erst so richtig durch ihr Münchener Start-up geworden. Es bringt Forschung, Talent, Wissenschaft, Unternehmer und Venture Capital zusammen. Beim „CEO-Dinner“ versucht man, den Kreis der Unterstützer noch größer werden zu lassen.

    Die große Vision ist, erfuhren Chefredakteur Sebastian Matthes und ich beim 90-Minuten-Gespräch im „Munich Urban Colab“, das eigene Modell zu europäisieren. Europa brauche am Ende 50 Gründerzentren, die so groß sind wie UnternehmerTUM. Ein Netzwerk soll entstehen. Derzeit nehme man Kontakt zu anderen Unternehmerfamilien und Forschungsinstituten in Europa auf.

    Klatten sagt: „Wir gehen auf eine neue Weltordnung zu. Die Frage ist, welche Rolle Europa dabei einnehmen kann. Wenn wir technologisch unabhängig bleiben, bewahren wir auch unsere Kultur und europäische Identität.“

    Meine Kollegin Larissa Holzki hat für unseren Wochenendtitel („Von der Erbin zur Ermöglicherin“) recherchiert, was Start-ups über UnternehmerTUM erzählen und wo die Münchener in Europa stehen. Ein Ergebnis: Nur in London, Paris, Barcelona und Madrid haben Universitäten mehr Gründer hervorgebracht als in München.

    Grafik

    Als kleines Dankeschön kassiert CEO Ben van Beurden, 64, nun 16 Millionen Euro (vorher 7,5 Millionen) im Jahr. Das ist übrigens der Experte, der uns Europäer vor einem „harten Winter“ warnte. Auch Shell-Aktionäre ärgern sich an der Zapfsäule, streichen aber schöne Dividenden und Kursgewinne ein.

    Aus Frankreich wiederum meldet Total Energies einen bereinigten Quartalsgewinn von fast zehn Milliarden Dollar, nach 2,2 Milliarden im Vorjahr. Die Bonanza von Big Oil ist ein Plädoyer für eine Übergewinnsteuer – so wie sie die britische Regierung eingeführt hat.

    Wir denken unwillkürlich an Mark Twain: „Mensch: das einzige Lebewesen, das erröten kann. Es ist aber auch das einzige, was Grund dafür hat.“

    imago images/ZUMA Wire

    Joe Biden bei seinem letzten Gespräch mit Xi Jinping im März.

    Die Stoppuhr lief mit, als sich gestern US-Präsident Joe Biden und Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping nach vier Monaten Pause wieder per Videocall unterhielten. Es dauerte zwei Stunden und 17 Minuten.

    Einig waren sich beide in der Ablehnung der avisierten Reise der US-Politikerin Nancy Pelosi nach Taiwan, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Biden will in dieser Frage nicht reizen, Xi nicht mit dem Griff nach der Insel geizen. Chinesische Staatsmedien kolportierten ein Zitat ihres Herrschers in Sachen Ein-China-Politik: „Wer mit dem Feuer spielt, verbrennt sich bloß.“

    Die beiden redeten in dieser langen Zeit, in der Top-Läufer ihren Marathon hinter sich bringen, übrigens auch über Klimawandel und Gesundheitsschutz. Eine gute Unterhaltung bildet, aber die Streichhölzer lagen hier immer griffbereit.

    Was, Rezession? Dazu werde es nicht kommen, verkündeten jüngst in den USA der Präsident und die Notenbank. Nun jedoch schwand die Wirtschaftsleistung Amerikas im zweiten aufeinanderfolgenden Quartal: diesmal um 0,9 Prozent nach vorher 1,6 Prozent. Nach der Definition der Ökonomie ist damit die „technische Rezession“ eingetreten wie der Teufel beim Doktor Faustus.

    Das löste im Weißen Haus einen wahren Vulkanausbruch an Kreativität aus, um zu beschreiben, warum eine echte Rezession sich anders anfühlen würde (nämlich mit Arbeitslosen, die es nun nicht gibt). Joe Biden sieht sich zusätzlich gestärkt, weil sein lange angekündigtes Klima-, Sozial- und Steuerpaket zum Vollzug kommt.

    dpa

    Wall Street: Offiziell wird eine Rezession durch das National Bureau of Economic Research ausgerufen.

    Joe Manchin, Senator aus West Virginia und im eigenen demokratischen Lager zu Hause, gab seinen Widerstand auf. Nun sind 430 Milliarden Dollar für Energie, Elektroautos und Krankenversicherung vorgesehen – und eine Mindeststeuer von 15 Prozent für Großunternehmen. Biden braucht rasch Erfolg, will er nicht wie Erdnussfarmer Jimmy Carter 1981 nach nur vier Jahren abdanken.

    Mein Kulturtipp zum Wochenende: eine Ausstellung der zeitgenössischen Malerin Cecily Brown in der Pinakothek der Moderne in München. Ihre aufregenden Bilder sind abstrakt und figürlich zugleich.

    Extra für diese Schau entstanden Gemälde, die den Englischen Garten, ein paar hundert Meter vom Museum entfernt gelegen, thematisieren. Die in New York lebende Britin zeigt auch eine eindrucksvolle Aquarellserie zum Mythos von „Leda und dem Schwan“.

    In einem Interview hat die 53-Jährige erklärt, dass sie der permanente Widerspruch des menschlichen Lebens interessiere, also das Gute und Böse, das an ein und demselben Platz und zur gleichen Zeit existieren kann. Diese Erfahrungen machen wir außerhalb des Museums derzeit täglich.

    Und dann ist da noch Tarek Müller, 33, Gründer und Mitgeschäftsführer des Online-Modehändlers About You aus der Otto Group. Er war im November 2021 in einem Hamburger Szeneviertel mit 1,3 Promille Alkohol auf dem E-Roller unterwegs – und wird dafür härter bestraft als gedacht.

    Hatte die Staatsanwaltschaft den rollenden Delinquenten zunächst noch zu zehn Monaten Führerscheinentzug, drei Punkten in Flensburg und 1500 Euro Geldstrafe verdonnert, so legte das Amtsgericht Hamburg erst so richtig los und erhöhte auf 80.000 Euro Geldstrafe.

    Als im Gericht klar wurde, dass hier ein Wirtschaftsprominenter mit einem monatlichen Nettoeinkommen deutlich über den zunächst veranschlagten 1500 Euro vom rechten Weg abgekommen war, machte die Richterin aus 50 Euro Tagessatz dann 2670 Euro: „Eine Strafe muss spürbar sein.“

    Vielleicht war ihr der Philosoph Nicolas Chamfort bekannt und sie wollte sozial ausgleichen: „Die Gesellschaft setzt sich aus zwei großen Klassen zusammen: die einen haben mehr Mahlzeiten als Appetit, die anderen weit mehr Appetit als Mahlzeiten.“

    Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende, vielleicht mit Frauenfußball – so wie Olaf Scholz, der zum EM-Finale nach London fährt.

    Ihr
    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

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