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23.09.2019

06:00

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

heute Nachmittag in New York, MESZ, bekommt Angela Merkel ein Glaubwürdigkeitsproblem: Sie muss auf dem UN-Klimagipfel verteidigen, was nicht zu verteidigen ist – das am vorigen Freitag verabschiedete Klimakonzept. Es fällt bei Experten und Umweltaktivisten durch wie ein Flokati, der zum Berber erklärt wird. Es handele sich um ein „Dokument der politischen Mutlosigkeit“, wettert Ottmar Edenhofer, Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, im Handelsblatt-Interview. Der CO2-Preis für Verkehr und Gebäude müsste bei 50 Euro pro Tonne liegen und nicht bei zehn Euro. Die Grünen kündigen Total-Opposition im Bundesrat an und sind damit „Konterrevolutionäre“ – wenn der Spruch von CSU-Maestro Markus Söder stimmt, es handele sich bei dem eigenen Klimaplan um eine „Revolution“.

dpa

Bundeskanzlerin Angela Merkel reist zum UN-Klimagipfel in New York.

Das Umweltspektakel in Manhattan wird flankiert durch eine neue Studie der Weltwetterorganisation (WMO). Sie fasst in Zahlen, was jeder fühlt: Dass die Jahre von 2015 bis 2019 die heißeste Fünfjahresperiode seit Beginn der Messungen vor 150 Jahren waren. Die Temperatur lag um 1,1 Grad über den Vergleichswerten der vorindustriellen Zeit. Die WMO fordert daher neue Anstrengungen im Umweltschutz, den die Deutschen jedoch nicht zeigen. Das Kabinett will zwar Fliegen verteuern, doch nun jetten innerhalb weniger Tage ausgerechnet die Kanzlerin und gleich vier Minister mit vier Fluggeräten in die USA. Seltsam: Offenbar wollten Merkels Macher in ihrer Maschine keinen Mitflug von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer und Delegation. „Die Menschen sind nicht immer, was sie scheinen, aber selten etwas Besseres“, kommentiert Gotthold Ephraim Lessing.

In der UN-Versammlung am Mittwoch plant auch Irans Präsident Hassan Ruhani einen großen Auftritt. Er präsentiert ein Konzept zur Sicherheit am Golf, das naturgemäß keine Rolle für die USA vorsieht. Fremde Mächte würden nur Probleme bereiten, findet der Mann aus Teheran. Für Ruhani soll die Stabilität – vor allem an der Straße von Hormus – künftig durch die Golfstaaten selbst garantiert werden. Also auch durch den Intimfeind Saudi-Arabien, dem Waffenpartner der USA.

Der „Trump des Tages“ kommt diesmal aus einer Ukraine-Connection. Der US-Präsident bestätigte, mit Wolodimir Selenski, dem neuen Präsidenten in Kiew, Ende Juli über Korruption in dem osteuropäischen Land geredet zu haben – und in diesem Zusammenhang auch über den demokratischen Politiker und Präsidentschafts-Aspiranten Joe Biden und dessen Sohn. CNN berichtete, Donald Trump habe seinen Kollegen Selenski achtmal gedrängt, Untersuchungen gegen Hunter Biden aufzunehmen. Der saß im Vorstand der ukrainischen Gasfirma Burisma – die wiederum fiel durch Bestechung auf, nicht aber Biden Jr. Dessen Vater wiederum sieht in Trumps Telefonat „einen überwältigenden Fall von Machtmissbrauch“.

Vielleicht liegt es an seinem exzentrischen Gehabe, vielleicht an seinem einstigen Drogenkonsum, vielleicht aber auch einfach nur daran, dass er den angekündigten Super-Börsengang vermasselt hat: Jedenfalls soll im Bürovermittlungskonzern WeWork („The We Company“) CEO Adam Neumann seinen Titel verlieren und die Sachen packen. Wenn sich ein Scheitern in Form unerfüllter Milliardenträume ausdrückt, werden Investoren nun einmal recht verhalten. Vor allem die Geldanlage-Maschine Softbank plädiert für Neumanns Abgang und dessen Ende in der Wir-Show.

Auf eine weltweite Aktien-Schmelze bereitet sich offenbar Paul Singer vor, der umtriebigste Geld-Aktivist unter den Hedgefondsgrößen dieser Welt. Vertraute berichten, dass sein Gebilde Elliott derzeit bis zu fünf Milliarden Dollar bei Investoren einsammelt, um im Moment von Kursstürzen mit Aktienkäufen zur Stelle zu sein. Vor einigen Wochen lamentierte er über Rekordstände bei Schulden und Derivaten, es habe all die Politik des leichten Geldes gebraucht, um dort hinzukommen. Jüngst fiel Singer auf, als er mehr als drei Milliarden Dollar in den US-Telekommunikationsriesen AT&T steckte.

Die besten Zeiten scheinen auch im deutschen Immobilienmarkt vorbei zu sein. „Wir sind am Ende eines Booms“, verkündet Experte Ralph Henger vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Der vom IW quartalsweise erhobene Immobilienindex zeigt schon zum dritten Mal in Folge eine Verschlechterung des Klimas in diesem Gewerbe auf – und nun wurde sogar der schlechteste Wert seit 2014 erreicht, beschreibt unsere Titelgeschichte. Weiter steigende Kaufpreise und Mieten erscheinen angesichts dieser Verhältnisse als Illusion.

Reuters

Der Reisekonzern Thomas Cook hat sein Geschäft eingestellt.

Der britische Reisekonzern Thomas Cook ist pleite. Den ganzen Sonntag über verhandelten die Konzernmanager in der Londoner City mit Banken und Investoren, unter anderem aus China, über eine zusätzliche Finanzierung in Höhe von 200 Millionen Pfund – offenbar ohne Erfolg. Man habe keine Alternative gehabt, als mit sofortiger Wirkung das Konkursverfahren einzuleiten, teilte der Touristikkonzern in der Nacht mit. Ein entsprechender Insolvenzantrag vor Gericht sei bereits gestellt worden. Kurz zuvor hatte die britische Flugbehörde eine Rückholaktion für Urlauber angekündigt. Von der Pleite des Unternehmens, zu dem Neckermann-Reisen gehört, sollen insgesamt 600.000 Touristen betroffen sein. „Condor erhält den Flugbetrieb aufrecht“, hatte die Tochtergesellschaft am Wochenende noch in die Welt getwittert – und will nun einen Überbrückungskredit bei der Bundesregierung beantragen.

Und dann ist da noch der erste Deutsche im All, der 1978 – nach dem „Sojus“-Schock für die Amerikaner – der alten Bonner Bundesrepublik mit dieser Premiere eine Enttäuschung bereitete. Sigmund Jähn flog damals zusammen mit einem sowjetischen Kommandanten zur Raumstation „Saljut 6“ und widmete seine sieben Tage und 20 Stunden im All seinem „sozialistischem Vaterland“, der DDR. Deutsche und europäische Raumfahrtmanager fühlten sich düpiert, wurden aber nach der Wende vom einstigen „Helden der DDR“ erfolgreich beraten. Jetzt ist der Pionier im Alter von 82 Jahren im heimischen Strausberg in Brandenburg gestorben – und die Trauer ist gesamtdeutsch.

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in die Woche, mit dem schönen Spruch von Antoine de Saint-Exupéry, eines anderen Fliegers“: „Überlegen macht überlegen.“
Es grüßt Sie herzlich

Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

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