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28.07.2022

06:28

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

nichts mehr mit kleinen Schritten, mit dem Trippeln eines Verzagten. Nichts mehr mit vorsichtigem Herantasten, ob ein um nur 0,25 Prozentpunkte erhöhter Zins nicht ausreicht. Nein, die amerikanische Notenbank Federal Reserve hält es aktuell mit der Martin-Luther-Weisheit, dass auf einen groben Klotz ein grober Keil gehört.

9,1 Prozent mehr Inflation, das heißt für die Herren des Geldes in Washington, den Zins zum zweiten Mal kurz hintereinander um 0,75 Punkte zu liften – nun auf eine Spanne von 2,25 bis 2,50 Prozent.

Die Botschaft soll klar sein, die Politik rigoros: Kredite verteuern sich, die Preissteigerungen sollen runter, auch wenn das Wirtschaftswachstum leidet. Er glaube ohnehin nicht, dass Amerika in einer Rezession sei, sagt Fed-Chef Jerome Powell – und löst ein Kurs-Tischfeuerwerk an der Wall Street aus (plus 1,4 Prozent). Der frustrierte Aktionär freut sich auch über kleine Geschenke.

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    Das Fatale an den westlichen Sanktionen gegenüber der Kriegsnation Russland sind die Nebelspalter im eigenen Lager. Eine heimliche – manchmal auch nicht so heimliche – deutsche Fraktion vom CSU-Generalsekretärsdoktor Martin Huber bis hin zu Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, international ergänzt von windigen Figuren wie dem Ungarn Viktor Orban, weckt Zweifel, ob die Anti-Putin-Maßnahmen uns nicht viel mehr schaden als dem Kreml.

    Ein Papier der US-Universität Yale räumt auf der Basis von Daten jenseits der Putin-Propaganda mit solchen Vorbehalten auf: Die Sanktionen würden Russlands Wirtschaft „katastrophal lähmen“, es gebe für das Land „keinen Weg aus der wirtschaftlichen Vergessenheit“.

    Zwar sei Europa erpressbar durch seine Gas-Abhängigkeit, Russland aber werde durch ein Embargo noch viel schlimmer getroffen. 83 Prozent der Gasexporte gingen 2021 in die EU. China könne die Lücke nicht füllen, da die meisten Pipelines nach Westen führten. Öl sei zwar leichter zu transportieren, aber China und Indien hätten 35 Dollar Rabatt auf Ural-Öl durchgesetzt. Überhaupt

    China: Die Exporte nach Russland sind demnach von Januar bis April um mehr als 50 Prozent auf bescheidene 3,8 Milliarden US-Dollar eingebrochen.
    Aus dem Yale-Report folgt: Dem russischen Staatschef gehen die Alternativen aus. Und deshalb könnten die Politiker des Westens bei aller berechtigten Vorsicht beginnen, den Bürgern ihre Angst auszutreiben.

    Grafik

    Deutschlands Konzerne sehen die Entente des Pekinger Potentaten Xi Jinping mit Hasardeur Putin offenbar entspannter als weite Teile der Politik. In den ersten fünf Monaten des Jahres stiegen ihre Investitionen in China im Vorjahresvergleich um satte 21 Prozent. Die Wachstumschancen dort wolle sich – trotz aller Warnungen und Risiken – kaum ein Firmenchef entgehen lassen, analysieren wir in unserer Titelgeschichte.

    • Der Ludwigshafener Chemiekonzern BASF gab jüngst die Mittel frei für die entscheidende Phase zum zehn Milliarden Euro teuren Bau eines Verbundstandortes im Süden Chinas in der Provinz Guangdong – und zwar ohne Joint-Venture-Partner. Im Verbundwerk Nanjing ist noch der Staatskonzern Sinopec groß dabei.
    • Der Autozulieferer Hella verkündete jetzt, seine Produktionskapazitäten mit einem neuen Lichtwerk nahe Schanghai auszuweiten.
    • Der Discounter Aldi will Hunderte Supermarktläden in der kommunistischen Republik eröffnen.

    Die Bundesregierung weist auf den Ukraine-Lerneffekt hin. „Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine zeigt die Probleme wirtschaftlicher Abhängigkeiten von autokratischen Systemen“, sagt uns Franziska Brantner (Die Grünen), Staatsekretärin im Bundeswirtschaftsministerium.

    Solche Erfahrungen hat auch BASF gemacht, einst einer der fanatischsten Förderer der Putin-Kooperation und heute beständiger Warner vor einem Energieembargo. Nun verteidigt BASF-Chef Martin Brudermüller das Geld für China mit ähnlichen Argumenten wie einst seine Vorgänger das Geld für Russland: „China ist der am stärksten wachsende Chemiemarkt und wird 2030 die Hälfte des Weltmarkts ausmachen. Es ist schwierig zu sagen, man nehme daran nicht teil.“

    Es war zum Standard deutscher Regierungskunst geworden: Die Beiträge zur Sozialversicherung sollten 40 Prozent nicht überschreiten. Dass die Ampelkoalition eine entsprechende Garantie nicht geben wollte, stimmte schon mal sehr skeptisch. Jetzt kommt die Rechnung. Die symbolische Marke wird bald überschritten, Grund dafür sind wuchernde Kosten der gesetzlichen Krankenversicherung.

    Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach dpa

    Es drohen noch höhere Beitragssteigerungen als von Karl Lauterbach geplant.

    So will Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD), von dem man sich fast entwöhnt hat, den Zusatzbeitrag um 0,3 Punkte auf 1,6 Prozent erhöhen. Das soll das für 2023 erwartete Krankenkassendefizit von 17 Milliarden Euro ausgleichen. Kritisch ist auch die Lage in der gesetzlichen Pflegeversicherung (Beitragssatz: noch 3,05 Prozent). Und in der Arbeitslosenversicherung gilt die Anhebung von 2,4 auf 2,6 Prozent als gesetzt. Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands BDA: „Man kann nicht auf der einen Seite zu Inflationsgipfeln laden und auf der anderen Seite munter die Sozialbeiträge anheben.“

    Vielleicht hat Lauterbach das Wesen einer „konzertierten Aktion“ falsch verstanden.

    Wenn heute VW die Halbjahrszhalen präsentiert, fehlt der zu Ende August scheidende CEO Herbert Diess – und zwar entschuldigt. Finanzchef Arno Antlitz vertritt ihn, denn man geht in Wolfsburg zurecht davon aus, dass ansonsten statt dem Gewinn des Konzerns der Verlust der Arbeitskraft Diess im Mittelpunkt gestanden hätte. Es gibt zu dieser Personalie so viele Fragen, dass auch eine funktionierende Software sie nicht beantworten könnte.

    Am vorigen Dienstag hatte der 63-Jährige wohl seine letzte Vorstandssitzung bei Volkswagen geleitet. Er kassiert künftig Zehrgeld, ist Berater und hat Sperrklauseln für Konkurrenten wie Tesla, aber nicht fürs Beherbergungsgewerbe.

    Im Herbst will er in Nordspanien sein erstes Hotel eröffnen. In München hat Diess für einige Zeit mal die Tapas-Bar „Itxaso“ betrieben, mit der sein Sohn deutliche Verluste machte. Nun geht es in ein neues Abenteuer, frei nach Miguel de Cervantes: „Nur zweierlei Familienstämme gibt es auf der Welt, das Hab-ich und das Hätt-ich.“

    dpa

    Die Nationalspielerinnen stehen im EM-Finale gegen England.

    Wembley, Fußballfinale, England gegen Deutschland. Das hat eine historische Dimension, auch weil da die Sache mit dem „Wembley-Tor“ 1966 ist, woran erst jüngst wieder bei den Nachrufen auf den damaligen Spielführer Uwe Seeler intensiv gedacht wurde.

    Nun wiederholt sich die Konstellation – allerdings nicht mit den zuletzt enttäuschenden männlichen Kickern, sondern bei den Nationalspielerinnen. Weil sie die Torschützin Alexandra Popp und etwas Glück hatten, steht das deutsche Team am Sonntag nach dem 2:1 gegen Frankreich im Endspiel der Europameisterschaft. Gegen die zuletzt im Torrausch spielenden Engländerinnen dürfte es vor 90.000 Zuschauern schwer werden, aber, na klar, „you’ll never walk alone“.

    Und dann ist da noch der Hörgeräte-Unternehmer Martin Kind, 78, ein sendungsbewusster Mittelständler, der nun eine ganz ungewöhnliche Erfahrung macht: Er wurde abgesetzt.

    Das Drama spielte sich beim Fußball-Zweitligisten Hannover 96 ab. Kenner erinnern sich an bessere Jahre, als Kind mit Kapital und Kniffen lenkte – auch als Vereinspräsident – und ein gewisser Gerhard Schröder, sein Freund, den Aufsichtsratschef gab wie bis vor Kurzem 2000 Kilometer weiter östlich bei Rosneft in Moskau.

    Doch Kind ist nach einer gescheiterten Übernahme des Profifußballgeschäfts schon länger intern auf schwankendem Boden, nun wurde er als Geschäftsführer der Profifußball-Gesellschaft „mit sofortiger Wirkung aus wichtigen Gründen“ vom Amt entfernt.

    Zwar ist Kind Mehrheitsgesellschafter der betreffenden GmbH & Co. KGaA, doch über den Chefposten entscheidet nach der „50+1-Regel“ der Deutschen Fußball-Liga der Mutterverein, also die Vereinsmitglieder. Und im Aufsichtsrat und im Präsidium geben mittlerweile Kind-Gegner den Ton an.

    Fazit: Dem abgesetzten Familienunternehmer bleibt nur die Einsicht, dass es ein guter Spieler versteht, ein Spiel zu gewinnen, ein guter Charakter aber, es lachend zu verlieren.

    Ich wünsche Ihnen einen siegreichen Tag, und das mit einem Lächeln.

    Ihr
    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

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