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04.06.2019

06:05

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

die Faszination ist der Furcht gewichen: Amerikanische Regulierer und Aufsichtsbehörden entdecken am Beispiel der global mächtigen Techkonzerne, dass Trusts einer Marktwirtschaft nicht guttun. Besonders Politiker der Demokraten sind nun auf dem Besorgnis-Level der EU-Kommission angelangt. Und so wird sich das US-Justizministerium mit Beschwerden über wettbewerbsfeindliche Aktionen von Apple beschäftigen. Die Federal Trade Commission (FTC) wiederum setzt sich mit der Macht von Facebook auseinander; als Ausgleichssumme für Anti-Datenschutz-Vergehen sind fünf Milliarden US-Dollar im Gespräch. Auch die Macht von Google und Amazon rückt ins politische Zentrum, alles Gift für die Aktienkurse. „Gafa“ – also Google-Apple-Facebook-Amazon – könnte sich von Anlegers Darling zu Anlegers Albtraum entwickeln.

Reuters

Italiens Ministerpräsident Giuseppe Conte fordert vom Spitzenpersonal in Rom, die Schuldenregeln aus Brüssel einzuhalten.

Wenn morgen die EU-Kommission über die hohen Staatsschulden des EU-Gründungsmitglieds Italien urteilt, werden alle Blicke auf das Spitzenpersonal in Rom gerichtet sein. Ein offizielles Defizitverfahren droht. Ministerpräsident Giuseppe Conte fordert in dieser Bedrängnis, die Schuldenregeln aus Brüssel einzuhalten und setzt auf „maximale Konzentration“. Damit kommt der Mann jedoch den beiden Regierungsparteien ins Gehege, der nationalistischen Lega und den Spaßpolitikern der „Fünf Sterne“. Da die beiden Koalitionäre seit Wochen eine Art „Stellungskrieg“ ohne Schützengräben führen, ging der parteilose Ministerpräsident Conte nun seinerseits dazu über, mit Rücktritt zu drohen. Die Streithansel gelobten Besserung. „Überall“, formulierte Dante, „wo Zwist herrschen kann, da muss es auch eine Entscheidung geben.“

Keiner von ihnen will an die Spitze, aber als Trio wollen sie gemeinsam wenigstens ein paar Wochen lang die SPD einer neuen Doppelspitze zuführen: Das ist der neue (traurige) Plan der Sozialdemokraten nach dem Abgang von Andrea Nahles. Management auf Zeit in einer Traditionspartei, vollführt und vorgeführt von einem Emergency-Dreibund bestehend aus Thorsten Schäfer-Gümbel (der im Oktober Vorstand der GIZ wird) sowie den erfolgreichen Ministerpräsidentinnen Malu Dreyer (Rheinland-Pfalz) und Manuela Schwesig (Mecklenburg-Vorpommern), die aber lieber in ihren Regionen bleiben wollen. Nahles verabschiedete sich mit einem persönlichen „Glück auf“: „Machen Sie’s gut!“ Und versichert ihrer Partei: „Ich werde weiter Plakate kleben.“

Irgendwann wird das Volk in der unglücklichen SPD jemanden erleben wollen, der „Ja“ sagt und nicht immer nur Personen, die „Nein“ sagen. Wahrscheinlich ist es soweit, wenn sich das Ungemach der Landtagswahlen von Brandenburg, Thüringen und Sachsen verzogen hat. „Führung muss man wollen“, dekretierte einst Deutsche-Bank-Legende Alfred Herrhausen. Doch bei Deutschlands ältester Partei werden derzeit in der Stunde der Not die eigenen Ansprüche kollektiviert.

Heute wird Astrid Hamker, 52, zur Präsidentin des CDU-Wirtschaftsrats gewählt. Im Handelsblatt-Interview gibt sich die bisherige Schatzmeisterin schon mal als Mitglied des Freundeskreises der klaren Aussprache – sie sei „sehr skeptisch“, dass die Große Koalition bis Herbst 2021 halte. Der Stimmenverfall von CDU und SPD setze sich fort, analysiert sie, und bei der Union gebe es eine „inhaltliche Entkernung seit über einem Jahrzehnt“. Die Breitseite gilt Kanzlerin Angela Merkel, die zum heutigen Wirtschaftstag (wohlweislich?) nicht kommt, dafür erscheint aber Neu-CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer. AKK sollte schnell, merkt Ober-Rätin Hamker an, die Regierungsgeschäfte übernehmen.

dpa

Dietmar Hopp gehört zu jener Gruppe, die die Regierung zu mehr Ehrgeiz beim Klimaschutz auffordern.

Die großkoalitionäre Langsamkeit in Berlin in Sachen Klimaschutz fällt nicht nur „Fridays-for-Future“-Aktivisten auf, sondern auch gestandenen Personen der deutschen Wirtschaft. Einen Tag vor dem Jahrestreffen Deutscher Stiftungen fordern namhafte Unternehmer, Stiftungschefs und Generalsekretäre die Regierung zu mehr Ehrgeiz auf. Das Land habe „das Potenzial, eine glaubwürdige und kraftvolle Energie-, Mobilitäts- und Landwirtschaftswende zu gestalten“, heißt es in einem Appell, der uns vorliegt. Zentrale Forderung der Autoren, darunter Dietmar Hopp (SAP), Michael Otto und Joachim Rogall, Chef der Bosch-Stiftung: Einführung eines CO2-Preises. Damit liegen sie quer zu CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer.

Einen markanten Tag erleben heute Frankreichs Autokonzerne. Der Verwaltungsrat von Renault berät über eine Fusionseinladung von Fiat-Chrysler. Zuletzt hatten die potenziellen Partner aus Chicago verbindlichere Jobzusagen gegeben und zudem mit einer Sonderdividende gelockt. In Paris soll das Hauptquartier sitzen. Und schließlich erlebt auch der gallische Autokonzern PSA einen Hallo-wach-Küsschen-Effekt bei der deutschen Tochtergesellschaft Opel. Die Rüsselsheimer stellen den neuen „Corsa“ vor, in sechster Generation ausschließlich mit Elektromotor versehen (Reichweite 330 Kilometer).

Und dann ist da noch Mark Getty, Spross der bekannten US-Milliardärsfamilie, der sein Foto-Imperium Getty Images für schätzungsweise drei Milliarden Euro zurückgekauft hat. Der Verkauf vor zehn Jahren sei ein Fehler gewesen, bilanziert Getty im Handelsblatt-Interview; er kritisiert die Langsamkeit der bisherigen zwei Finanzinvestoren (Hellmann & Friedman) sowie ihre Usancen, die Schulden ins Orbitale abdriften zu lassen. „Kommerzielle Disziplin“ sei ihm wichtig, sagte der Amerikaner meinem Kollegen Axel Höpner beim Treffen in München, und er glaube weiter fest an die Mission, „die Welt mit kraftvollen Bildern zu bewegen“. Getty will mit seinen Lageeinschätzungen auf den lachsroten Seiten der Wirtschaftspresse landen – und nicht, wie der Skandalteil seiner Dynastie früher, auf den blutroten Seiten der Boulevardpresse.

Ich wünsche Ihnen einen lehrreichen Tag, mit kraftvollen Bildern schöner Art. Es grüßt Sie herzlich

Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

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