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23.10.2019

06:19

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

„was List verborgen, wird ans Licht gebracht; wer Fehler schminkt, wird einst mit Spott verlacht“. So wie bei „King Lear“ von Shakespeare ergeht es dem britischen Premier Boris Johnson. Erst war er Sieger, weil das Unterhaus mit 329:299 den Rechtsrahmen für den Austritt Großbritanniens aus der EU im Grundsatz billigte. Doch dann war er im nächsten Moment schon wieder Verlierer, weil die Abgeordneten gegen seinen weiteren Brexit-Zeitplan votierten. Der Plan mit Deadline 31. Oktober – in acht Tagen – ist damit im „Dead End“ gelandet, ein Sackgassen-Projekt. Johnson kündigt an, seinen Brexit-Deal auf Eis zu legen. Jetzt redet er mit der EU über Fristverlängerung – und über einen ungeregelten Austritt.

Vergleiche sind bekanntlich Glückssache, aber wenn ein weißer, mit Privilegien aufgewachsener Präsident beim morgendlichen Tweet-Ritual behauptet, er werde „gelyncht“, so scheint doch eine Art Synapsen-Problem vorzuliegen. Das „Lynchen“ sah gestern so aus, dass Bill Taylor, Top-Diplomat der USA in der Ukraine, vor dem Kongress Brisantes bezeugte: Ihm sei gesagt worden, die Militärhilfe für die Ukraine werde zurückgehalten, um mehr Druck auf die Regierung in Kiew auszuüben. Diese sollte öffentlich Untersuchungen gegen das Umfeld von Hunter Biden ankündigen, Sohn des demokratischen Politikers Joe Biden – der als Präsidentschaftskandidat gegen Donald Trump antritt. Dieses „quid pro quo“ bringt den Präsidenten einem Impeachment näher.

AP

China plant einem Medienbericht zufolge, Hongkongs Regierungschefin Carrie Lam auszutauschen.

Das war es wohl für Carrie Lam mit der Regierungsverantwortung in Hongkong. Seit Monaten wird die einstige Kronkolonie und heutige Sonderverwaltungszone Chinas von teils gewaltsamen Protesten lahmgelegt. Lam fand keine Strategie dagegen. Nun erwägt die Zentralregierung in Peking offenbar, sie durch einen temporären Regierungschef zu ersetzen, schreibt die „Financial Times“. Der Nachfolger soll bis März ernannt werden und dann die Restlaufzeit von Lams Amtszeit bis 2022 übernehmen.

Die weitere Karriere der Ökonomin Isabel Schnabel wird heute vom Bundeskabinett offiziell beschlossen: Sie wird im Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB) die Knall auf Fall demissionierte Sabine Lautenschläger ersetzen. Die Bonner Wirtschaftsprofessorin war bislang eine von fünf „Wirtschaftsweisen“. In der Vergangenheit hat Schnabel die federleichte Geldpolitik der EZB partiell auch kritisiert, meistens aber die Institution aus dem Frankfurter Ostend verteidigt. Die EZB werde in Deutschland „ständig zum Sündenbock gemacht“, beklagte sie jüngst im Handelsblatt-Interview. Das mit dem Sündenbock lag auch am unnahbaren Präsidenten Mario Draghi, der jetzt durch die wesentlich kommunikativere Christine Lagarde abgelöst wird.

Wie der ins Bizarre gesteigerte amerikanische Techno-Erlösungskapitalismus funktioniert, zeigt der Fall WeWork. Gründer Adam Neumann hat den Wert des Büro-Vermieters innerhalb weniger Monate von märchenhaft spekulativen 47 Milliarden Dollar auf acht Milliarden geschrottet, dann nach dem Aufdecken von Horrorverlusten den Börsengang vermasselt und zudem mit seinen Ego-Trips die Crew nachhaltig irritiert. Und doch wird er vom neuen Machthaber Softbank des Großinvestors Masayoshi Son mit Geld geradezu überhäuft: eine Milliarde Dollar für seine Aktien, 500 Millionen Kredit, 185 Millionen Beratungsgebühr. Nicht-Leistung muss sich lohnen, ist das neue erste Gesetz in diesem System.

AFP

Nike zieht die Konsequenz aus den Skandalen der vergangenen Monate und lässt den Vorstandsvorsitzenden Mark Parker gehen.

Erst kommen die Skandale, dann der Rücktritt, und schließlich die PR-Erklärung, dass beides wirklich nichts miteinander zu tun habe. So läuft es jetzt bei Nike, wo CEO Mark Parker nach 13 Jahren im Januar 2020 Abschied nimmt. Zuerst waren im Frühjahr 2018 im US-Sportkonzern Gerüchte über einen „Boys Club“ und Sexismus bekannt geworden, bis zuletzt Doping-Vorwürfe das Lauf-Camp „Oregon Project“ von Trainer Alberto Salazar so sehr schädigten, dass es geschlossen werden musste. Parker, der sich hinter Salazar gestellt hatte, soll nun Executive Chairman werden – und die digitale Transformation dem neuen CEO John Donahoe überlassen.

Wenn Angela Merkel so richtig Leadership beweisen will, wird es heikel. Im Spionage-Streit um Chinas Tech-Musterknaben Huawei hatte die Kanzlerin darauf hingewirkt, dass der Konzern aus Shenzhen Zugang zum deutschen 5G-Netz findet, andererseits aber seine Komponenten technisch prüfen lassen muss. Gegen diesen Kompromiss per Verwaltungsweg formiert sich in Merkels Partei Widerstand, das Parlament müsse entscheiden: „Nichts weniger als die nationale Sicherheit und die technologische Souveränität Deutschlands und Europas stehen auf dem Spiel“, schreiben die Unions-Politiker Norbert Röttgen, Peter Beyer, Christoph Bernstiel, Stefan Rouenhoff, Roderich Kiesewetter und Mark Hauptmann im Handelsblatt-Gastkommentar. Mit ihrer SOS-Analyse wagen sie eines: den offenen Aufstand gegen die Kanzlerin.

Wie eine deutsche Rettung vor „Amazon Echo“ und „Google Home“ erschien der Plan der Telekom, einen eigenen smarten Lautsprecher mit hohem Datenschutz zu lancieren. Doch Hamburgs Datenschützer Johannes Caspar und die Verbraucherzentrale Bundesverband sehen Mängel im Umgang mit Nutzerdaten. Anders als propagiert, räumt sich der Konzern das Recht ein, Daten auch außerhalb der EU auszuwerten – wegen der nötigen Kooperation mit einem Drittanbieter, etwa für Wartungszugriffe. Das rügen die Experten im Handelsblatt ebenso wie die Telekom-Regelung, dass Nutzer aktiv einer Datenverwertung widersprechen müssen. Datenschützer Caspar argumentiert, bei so sensiblen Daten sollte der Konzern seine Nutzer aktiv um Erlaubnis fragen.

Bankhaus Lampe: Drei Interessenten prüfen angeblich Angebot dpa

Die Familie Oetker denkt über einen Verkauf ihres Geldhauses nach.

In früheren Jahren strahlte das Bankhaus Lampe in seiner Gediegenheit einen ähnlichen Glanz aus wie das Brenners in Baden-Baden oder das Hotel du Cap-Eden-Roc in Antibes. Alles Assets der Puddingpulverdynastie Oetker. Doch die Geschäfte der 1852 gegründeten Privatbank liefen zuletzt immer schleppender und die Oetkers sind in einem Familienkrieg gefangen. So kommt es, dass Chinas Warren-Buffett-Verschnitt Fosun und die Bethmann Bank (ABN Amro) nun für Lampe bieten, stets ein wenig im Hintertreffen gegen Bank-Patron Philippe Oddo (Oddo BHF), der wohl Favorit ist. Die Oetkers beten die Standardformulierung für solche Fälle herunter („sehr frühes Stadium, alle Optionen werden geprüft“). Der kolportierte Kaufpreis von 200 Millionen bis 300 Millionen Euro wird erst recht mit einem vornehmen Schweigen kommentiert.

Zum Auto-Unternehmen Porsche gehören über die Tochter Porsche Design auch Uhren, Taschen, Brillen, Schuhe, Accessoires. Mein Kollege Thomas Tuma diskutiert am Donnerstag in Hamburg mit CEO Jan Becker und CDO Roland Heiler über den Mythos von Kultmarken, das Erschaffen neuer Ikonen und das Design von morgen. Wenn Sie live dabei sein und mitdiskutieren wollen – ich konnte für Sie eine Handvoll Tickets reservieren. Schreiben Sie mir: [email protected] Das Los entscheidet.

Und dann ist da noch der Lichtkünstler Ingo Maurer, dessen erste Leuchte („Bulb“) ihn 1966 gleich berühmt machte. Seine ungewöhnlichen Objekte und Installationen fanden den Weg in die größten Museen. Und wer in München lebt, begegnet in gleich drei U-Bahnhöfen seinem außergewöhnlichen Lichtdesign. Am Montag ist der Mann, der unser Leben erhellte, im Alter von 87 Jahren in München gestorben. Über das Ende seiner „großen Liebe“, der Glühbirne, sei er nicht wirklich hinweggekommen, hat Maurer melancholisch erst im April verkündet: „Der glühende Wolframdraht war das letzte Feuer, das wir hatten.“

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag und, natürlich, dass alles im richtigen Licht erscheint. Es grüßt Sie herzlich

Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

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