Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

25.07.2022

06:27

Morning Briefing

Vorfahrt: Warum Volkswagen einen neuen Chef hat  

Von: Hans-Jürgen Jakobs

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

das neue Nationalmotto kennt man aus englischen Fußballstadien, es wurde bekanntlich am vorigen Freitag vom Kanzler höchstselbst ausgerufen: „You’ll never walk alone.“ Für einen jedoch gilt die Solidaritätsmelodie nicht, jedenfalls nicht im größten deutschen Industriekonzern Volkswagen: für Noch-CEO Herbert Diess, 63. Der muss, was intern wohl nur ihn selbst überrascht hat, ruckzuck per 1. September Platz machen für Oliver Blume, 54.

Der sportive Manager soll den Job zusätzlich zu seinen Aufgaben als Chef von Porsche schultern wie weiland Atlas die Erdkugel – schließlich hat der Hersteller eleganter Sportwagen und weniger eleganter SUVs einen Börsengang vor der Brust. Investoren wundern sich – auch über die jüngste Idee, dass CFO Arno Antlitz zusätzlich als Chief Operating Officer den CEO unterstützen soll. So wird die Überlastung des einen durch die Überlastung des anderen kompensiert.

Grafik

Bei VW wurde dadurch en passant auch eine Richtungsentscheidung gefällt: Der jüngere Manager, der irgendwann Verbrenner mit synthetischen Kraftstoffen (E-Fuels) retten will, obsiegt gegen seinen österreichischen Chef, der wie ein zweiter Elon Musk hundertprozentig auf Elektromobilität setzt. Da der Diess-Vertrag bis 2025 läuft, kann er ein Schmerzensgeld von 20 Millionen bis 30 Millionen Euro erwarten sowie – nach den Usancen des Hauses – einen Beratervertrag. Ein Berater muss Visionen produzieren und in der Regel für die Umsetzung nicht geradestehen: Eine Rollenbeschreibung, die Herbert Diess liegen könnte.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen
    IMAGO/Political-Moments

    Christian Lindner: Dem FDP-Chef wird vorgeworfen, E-Fuels vor allem auf Bitten von Porsche durchgesetzt zu haben.

    In der Sache fällt auf, wie genau sich die Kommunikationsprofis aus Wolfsburg und Stuttgart bei dieser kniffligen Personalie an zwei Obergebote der PR-Branche gehalten haben.

    • Erstens: Gib brisante Interna möglichst am Freitag, 18 Uhr, bekannt, wenn ein Journalist geistig schon im Wochenende und der Andruck der Zeitungen gelaufen ist. Dann könnte die Chance groß sein, dass am Montag eine frischere Geschichte das Altpapier vom Freitag vergessen lässt.
    • Zweitens: Bügele negative Spins am besten mit einer nicht zu knapp bemessenen Dosis Humor weg. So war bekanntgeworden, dass Blume vor der Porsche-Belegschaft ausplauderte, er habe im regelmäßigen Kontakt mit dem damals angehenden Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) dabei geholfen, dass die E-Fuels im Koalitionsvertrag erscheinen. Den VW-Profis fiel zu #Porschegate der Hinweis ein, es sei ja bekannt, dass Herr Lindner Porschefahrer sei, einen Liveticker zur Koalitionsverhandlung habe es aber nicht gegeben. Das dürfte nicht ausreichen, um in der ZDF-Satiresendung „Die Anstalt“ als Texter anzufangen.

    Die inzwischen erfolgten Viertel- und Halb-Dementis sowie beredte Entschuldigungen lassen den Schluss zu, dass entweder der Porsche-Boss ein Prahlhans war oder dass er sich nun aus Gründen der Staatsraison kleiner macht als eine Isetta. Dass Christian Lindner viel von E-Fuels hält, konnte man – auch das sei vermerkt – schon lange vor den Koalitionsgesprächen nachlesen.

    imago images / Jan Huebner

    Oliver Blume: Der Nachfolger von Herbert Diess muss zunächst Ruhe ins Unternehmen bringen.

    Meine Kolleginnen und Kollegen legen heute einen profunden Schwerpunkt zur Wolfsburger Zeitenwende vor. Im Detail beschreiben wir das Pflichtenheft des Neu-Chefs Blume: Es ist so dick, dass man schon Batman sein müsste, um zu reüssieren. Nach unseren Informationen hatte der Aufsteiger schon vor dem Abgang des Solotänzers Diess mit Top-Vertretern in Vorstand und Aufsichtsrat darüber geredet, wie man wieder zum Team werden könne, zum Ballett der guten Taten.

    In der Produktion und im Auslandsgeschäft ist eine ordnende Hand nötig, der XXL-Vorstand mit elf (!) Mitgliedern ist reif für eine Magermilchkur. Blume war schon bisher der heimliche „Spielmacher im Konzern, der nie vergaß, sich das Plazet der Eigentümerfamilien Porsche und Piëch zu holen“, schreiben wir im Porträt. Seltsam stimmt nur, dass der von Diess bisher gehaltene Aufsichtsratsvorsitz des von Missmanagement verunstalteten Software-Kombinats Cariad frei bleibt. Fazit: Das ist eine Dauerbaustelle à la „Stuttgart 21“, bei der man nur hoffen kann, dass irgendwann doch mal Züge durchfahren.

    Ein weiteres Zündstoffthema liefert unser Politikaufmacher. Wir legen offen, wie der Streit um den innovativen chinesischen IT-Konzern Huawei, den Kritiker im 007-Dienst eines autoritären Staates sehen, erneut mit ganzer Wucht ausbricht. Die Bundesregierung behält es sich nach unseren Informationen vor, den Netzbetreibern in Deutschland zu verbieten, „kritische Komponenten“ chinesischer Hersteller einzusetzen. Das Bundesinnenministerium bestätigt, dass sogar die Verwendung bereits verbauter Teile untersagt werden könne, „wenn die öffentliche Ordnung oder Sicherheit der Bundesrepublik voraussichtlich beeinträchtigt“ werde. Das gelte insbesondere, wenn ein Produzent „nicht vertrauenswürdig“ sei. Von Bertolt Brecht wissen wir: „Vertrauen wird dadurch erschöpft, dass es in Anspruch genommen wird.“

    AP

    Jair Bolsonaro ist seit Anfang 2019 Brasiliens Präsident.

    Richtungswahlen sind die neue Pein der Demokratien, dieses extreme „Links“ gegen „Rechts“, das etwa die USA 2024 erleben dürften. Brasilien gibt mit seinen für den 2. Oktober terminierten Präsidentenwahlen ein weiteres gutes Beispiel. Gegen den amtierenden Staatschef Jair Bolsonaro, einen Copacabana-Trump, tritt der linke Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva an. Der am vorigen Donnerstag von seiner Arbeiterpartei PT nominierte Lula liegt in Umfragen weit vor Bolsonaro. Der herausgeforderte Präsident hat schon einmal prophylaktisch das elektronische Wahlsystem in Brasilien generell infrage gestellt.

    Gäbe es einen Schmähpreis „Gespaltene Zunge“, der russische Außenminister Sergej Lawrow hätte ihn sich verdient. Hatte der Propagandist im April noch rundweg abgestritten, dass sein Land in der Ukraine einen Regierungssturz anstrebe, so erklärt er nun: „Wir helfen dem ukrainischen Volk auf jeden Fall, sich von dem absolut volks- und geschichtsfeindlichen Regime zu befreien.“ Mit dreisten Lügen warteten auch russische Sprecher auf, die zunächst abstritten, dass eigene Verbände am Sonntag den wichtigen ukrainischen Hafen Odessa mit seinen Anlagen für Getreidelieferungen beschossen haben – einen Tag, nachdem Moskau und Kiew ein Abkommen zur Wiederaufnahme der Getreidelieferungen unterzeichnet hatten. Inzwischen gab Russland zu, Odessa doch mit Raketen attackiert zu haben.

    Und dann ist da noch die amerikanische Box-Legende Muhammad Ali (1942 bis 2016), der mal „Cassius Clay“ hieß, ausgesprochen spruchstark war und früh – zum Erstaunen der Welt – für die deutsche „Capri-Sonne“ warb. Einer seiner berühmten Weltmeistergürtel wurde kürzlich für 6,18 Millionen Dollar versteigert. Ali trug die Requisite 1974 bei seinem berühmten Kampf gegen George Foreman im damaligen Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo („Rumble in the Jungle“). Jim Irsay, Eigentümer der US-Footballmannschaft Indianapolis Colts, zahlte für den Boxgürtel einen der höchsten Geldbeträge, der jemals für eine historische Trophäe fällig wurde. Der Sammler macht Andeutungen, den Boxgürtel im August bei einer Ausstellung in Chicago zeigen zu wollen.

    Zum Abschluss und Übergang in eine neue Woche könnten wir das Großmaul mit den starken Fäusten zitieren: „Schwebe wie ein Schmetterling, stich wie eine Biene“. Wir könnten aber auch, wenn es uns angesichts der Newslage zu mulmig wird, an unser von den Fans des FC Liverpool entlehntes Nationalmotto „You’ll never walk alone“ denken. Dort heißt es: „At the end of a storm / There´s a golden sky / And the sweet silver song of a lark.“

    Ich wünsche Ihnen einen goldenen Tag mit Lerchengesang.

    Es grüßt Sie herzlich

    Ihr
    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

    Morning Briefing: Alexa

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×