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25.05.2022

06:18

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

als das Geld noch locker saß und Bigtech, manchmal auch nur Lowtech, die Investoren anlockte, war eine Foto-App wie Snap ein veritabler Börsenhit. Es war wie vor dem Platzen der Dotcom-Bubble rund um die Jahrtausendwende: In Erwartung eines Superzyklus der digitalen Disruption rechnete man nicht nach.

Am gestrigen Dienstag kassierte der Mutterkonzern von Snap nach Börsenschluss nach nur einem Monat die Prognose für Umsatz und den operativen Gewinn wieder ein. Die Snap-Aktie stürzte um mehr als 30 Prozent ab.

Weil CEO Evan Spiegel auf das makroökonomische Umfeld verwies, das sich „stärker und schneller als erwartet“ verschlechtert habe, wurde Wall Street zu „Zitter Street“, zur nervösen Zone. Es erwischte im Feld der zuletzt schon gerupften Techkonzerne jene, die wie Snap von der Onlinewerbung und damit von der Konjunktur abhängen.

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    Twitter und die Google-Mutterfirma Alphabet büßten rund vier Prozent ein. Besonders schlimm erwischte es den Facebook-Konzern Meta Platforms: War der Kurs seit Jahresbeginn schon um 40 Prozent gefallen, so gab er jetzt nochmal um acht Prozent nach. Die Probleme für Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, haben nicht nur mit Werberückgängen zu tun – sondern mit einem totalen Reputationsverlust.

    Auf die ganze Unfähigkeit, verantwortlich mit einem Massenmedium umzugehen, das weltweit drei Milliarden Menschen erreicht, deutet die jüngste Klage des Generalstaatsanwalts von Washington D.C. hin. Er wirft „The Zuck“ Versagen beim Datenschutz vor, weil die Firma Cambridge Analytica Zugriff auf Millionen von Facebook-Daten hatte und so 2016 zielgenau Wahlkampf für Donald Trump machte.

    Intern ist die Stimmung am Boden, schildert unser Korrespondent Stephan Scheuer. Es gibt einen Einstellungsstopp, selbst im Metaversum-Zukunftssektor „Reality Labs“ wird gespart. Mit uns sprach der Deutsche Niklas Steenfatt, der im Bereich „Integrity“ schmutzigen, rassistischen, verleumderischen Facebook-Inhalten nachspürte und nebenbei einen Kanal auf Youtube betrieb.

    Deshalb geriet er ins Visier der internen Überwachungseinheit „Employee Investigation“, wurde verhört und ausspioniert. Steenfatt kündigte und wurde kurz vor Dienstschluss noch mal vom Arbeitgeber gekündigt – fristlos.

    Neulich trat EU-Kommissionsvizepräsidentin Margrethe Vestager vor Studenten auf und forderte: „Stellen Sie sich vor, alle Dinge in diesem Raum, die außerhalb Europas produziert wurden, wären auf einmal weg. Wir würden aussehen, als hätten wir eine Runde Strip-Poker gespielt.“

    Reuters

    Margrethe Vestager: „Diversifizierung der Versorgung hat ihren Preis.“

    Um im Kampf um Rohstoffe mit Russland und China nicht nackt auszusehen, fordert die EU-Kommissarin nun Europa auf, sich mit Ländern wie den USA, Südkorea, Japan, Singapur und Kanada gegenseitig auszuhelfen.

    Statt dem alten „Off-shoring, dem Auslagern von Wirtschaftsaktivitäten irgendwohin, gilt nun ein „friend-shoring“. Vestager glaubt übrigens, dass wir im Verhältnis zu Russland und seinem Gazprom-Kapitalismus nicht „naiv“ waren, sondern nur „gierig“. Ihre Lektion, die sie gelernt hat: „Wir müssen eine Sicherheitsprämie zahlen.“

    Auch gegenüber China ist niemand naiv, aber viel Moral wollte sich bisher kaum einer leisten. Anders als im Verhältnis zu Russland, wo es nur das Klumpenrisiko „Energie“ gab, sind wir im Verhältnis zu China doppelt abhängig: beim Absatz (etwa von Autos) sowie beim Einkauf von Rohstoffen. So werfen die von Medien verbreiteten Schockfotos aus Internierungslagern in der chinesischen Uiguren-Provinz Xinjiang neue Fragen bei einem alten Thema auf.

    Zu sehen sind in den „Xinjiang Police Files“ Bilder wie aus dem Folter-Camp: gefesselte Inhaftierte mit Sack über dem Kopf, Uniformierte, die Gefangene mit Sturmgewehr und Holzknüppel in Schach halten und ähnlich Schlimmes. Amnesty sieht ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, Außenministerin Annalena Baerbock nennt die Fotos „verstörend und erschreckend“ und forderte im Videocall mit dem chinesischen Kollegen Wang Yi Aufklärung.

    Die Konzerne VW und BASF wiederum erklären, an ihren Werken in Xinjiang festzuhalten. Man prüft, hält aber auf jeden Fall an Menschenrechten fest. Dagegen klagt ein Sprecher des Außenministeriums in Peking, die Lage in Xinjiang werde schlecht geredet. Die Gesellschaft dort sei stabil, die Menschen lebten in Frieden.

    Die SPD stellt zwar derzeit den Kanzler, was ihr unter dem Strich jedoch so wenig nutzt, dass sie mit den aktuellen Regierungsbildungen in Kiel und Düsseldorf nichts zu tun hat. Es läuft hier auf die politische Trendfarbe der nächsten Jahre hinaus, auf Schwarz-Grün.

    Schlimmer ist noch, dass Personalien der Sozialdemokratie zusetzen. Zum Beispiel in Hessen: Da wäre Nancy Faeser die logische Spitzenkandidatin für den Landtagswahlkampf im Herbst 2023. Aber da sie Bundesinnenministerin ist, darf darüber nur im Stil geredet werden, in dem man über Affenpocken spricht.

    In Frankfurt wiederum hat Skandal-Oberbürgermeister Peter Feldmann für heute das Verlesen eines kurzen Statements mit alsbaldigem Abgang (ohne Rückfragen) angekündigt. Dafür ist er vorzeitig vom Weltwirtschaftsforum in Davos zurückgereist und lässt sich dort bei einem Termin vom Offenbacher Kollegen vertreten.

    Fazit: So kündigen sich Rücktritte von Politikern an, die in ihrer Partei jeglichen Rückhalt verloren haben. Zuletzt hatte Feldmann Fußballfans von Eintracht Frankfurt auf dem Flug zum Europapokalfinale in Sevilla erzählt, das Flugpersonal habe ihn „hormonell außer Gefecht“ gesetzt.

    IMAGO/SNA

    Gerhard Schröder: Der Altkanzler stand schon vor dem Ukrainekrieg in der Kritik für seine Lobbyposten.

    Etwas Entlastung in der sozialdemokratischen Bewältigung schwieriger Themen kommt durch den früheren Lanzenträger Gerhard Schröder. Er teilt überraschend mit, schon „vor längerer Zeit“ auf die Nominierung für den Aufsichtsrat des Staatskonzerns Gazprom verzichtet zu haben. Erst in der vorigen Woche hatte er sein Aufsichtsratsmandat im russischen Ölkonzern Rosneft aufgegeben.

    Der Altkanzler, der fortwährend irgendwelche Ehrenbürgerrechte oder Vereinsmitgliedschaften verliert, sah sich mit immer heftigeren Vorwürfen konfrontiert, er stelle seine Freundschaft zum Kriegstreiber Wladimir Putin über die Sanktionen der EU.

    Das Europaparlament wollte Schröder sogar auf die Sanktionsliste gegen Oligarchen setzen. Das dürfte sich erübrigt haben, und auch die Putin-Schröder-Kumpelei verliert ihren Sinn. Die beiden können sich gegenseitig nicht mehr nutzen, nur noch schaden.

    Freedom Day ist Pay Day für die Kreuzfahrtbranche. Vergessen ist die Corona- und Umsatzplage, die Urlauber wagen sich zurück aufs Schiff, analysiert unser Report. Die Reedereien haben Maskenpflicht und Abstandsregeln über Bord geworfen, ab Juli sind die meisten der Vergnügungskähne mit Kleinstadtkapazität ausgebucht.

    Man kann in einem Fall auch „Best of the Eighties“ buchen und tagelang mit Markus „Ich will Spaß, wir geben Gas“ gegen die Krisen dieser Zeit singen. Alles ist so auf gute Laune ausgerichtet, dass der Branchenverband CLIA für 2024 sogar ein Plus von zwölf Prozent gegenüber dem Vor-Coronajahr 2019 erwartet.

    Die hochverschuldeten Reedereien brauchen dringend Einnahmen. Da sie in der Pandemie Altschiffe verschrotteten, trifft eine nun sprunghafte Nachfrage auf ein verknapptes Angebot – auch ein Inflationsbeitrag.

    Grafik

    Und dann ist da noch Bill McDermott, 60, Amerikaner mit getönter Brille, den die Deutschen als langjährigen, flamboyanten CEO des Softwarehauses SAP kennen, als es noch Nummer eins im Dax war.

    Nun ist er Chef des Cloud-Spezialisten Service Now, verdient noch immer extrem gut (2021: 165 Millionen Dollar) und greift seinen leicht schwächelnden Ex-Arbeitgeber mit alten Ideen und neuer Lebensfreude an. Er hat etwa ein Programm zur Verfügung, das SAP-Daten analysieren und effizienter machen soll.

    Ein anderes Produkt hilft Kunden, ihr betriebswirtschaftliches Kernsystem zu optimieren – als Datenlieferant tritt das allseits gepriesene Start-up Celonis auf, in das Service Now 100 Millionen Dollar investiert hat. Die Erlösplanung McDermotts sieht superoptimistisch eine Verdreifachung bis 2026 auf mehr als 15 Milliarden Dollar vor – mit schönen Grüßen nach Walldorf auch.

    Bei dieser Strategie gilt eine Weisheit von François VI. Herzog de La Rochefoucauld: „In dem Unglück unserer besten Freunde werden wir immer etwas finden, was uns nicht missfällt.“

    Es grüßt Sie herzlich

    Ihr
    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

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