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19.01.2022

06:24

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

wenn Sie das Gefühl haben, Fusionen und Übernahmen in der Wirtschaft legten an Tempo zu, liegen Sie richtig. Wenn Sie weiter glauben, die fünf US-Internetgiganten seien dabei stets besonders verhaltensauffällig, treffen Sie wieder ins Schwarze.

Der moderne Monopolismus übertrifft sich selbst und arbeitet beständig an der Abschaffung des Wettbewerbs. Diese Causa wird zur ökonomischen Schicksalsfrage – und alarmiert die obersten amerikanischen Kartellbehörden, das Justizministerium und die Federal Trade Commission (FTC).

Sie arbeiten derzeit daran, die Fusionsregeln zu verschärfen – und fordern dafür Input von der Öffentlichkeit. Allein zwischen 2020 und 2021 hätte sich die Zahl der Deals verdoppelt, teilen beide Behörden jetzt mit.

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    „Wir müssen verstehen, warum so viele Industrien so wenige Wettbewerber haben“, sagt Jonathan Kanter, der neue Chef der Anti-Kartell-Einheit im Justizministerium. Es gehe darum, die wettbewerbspolitischen Instrumente fit zu machen für die moderne Wirtschaft.

    Reuters

    Lina Khan: Die Chefin der US-Kartellbehörde FTC sieht die Macht der Tech-Riesen kritisch.

    Der Mangel an Wettbewerb habe Sektoren der Wirtschaft „brüchiger“ zurückgelassen, warnt FTC-Chefin Lina Khan. Das konzentrierte Angebot und reduzierte Investments in Kapazität könnten uns – bei möglichen Störungen – weniger resilient machen.

    Fazit: Angesichts des Live-and-let-die-Kapitalismus fällt einem der kürzlich verstorbene Herbert Achternbusch ein: „Aufwärts geht’s hat der Spatz gesagt, als ihn die Katze das Dach hinaufgetragen hat, um ihn zu fressen.“

    Am Tag, als Washingtons politische Gegenwehr bekannt wurde, vermeldete einer der Mega-Konzerne prompt den nächsten Super-Deal. Fast 70 Milliarden Dollar bietet Microsoft für den Computerspiele-Hersteller Activision Blizzard, dessen Produkt „Candy Crush“ zuletzt den thüringischen Ministerpräsident Bodo Ramelow so perfekt von Corona-Krisenkonferenzen mit Angela Merkel abgelenkt hatte.

    Reuters

    Microsoft stärkt mit dem Kauf von Activision Blizzard seine Gaming-Sparte massiv.

    Neben Software-Produkten (Windows), der Job-Plattform Linkedin, den Kommunikations-Tools Teams und Skype hält sich der US-Konzern für seine Spielekonsole X-Box längst schon Spielestudios wie Doom oder Minecraft. Gaming sei „die dynamischste und aufregendste Kategorie in der Unterhaltungsbranche“, so CEO Satya Nadella.

    Er sieht hier eine Schlüsselrolle für künftige „Metaverse“-Plattformen in virtuellen Welten. Die übers irdische Geschäft hinausgewachsenen Commander der Neuzeit investieren gerade in Science-Fiction – sei es ins Leben auf dem Mars oder im Cyberspace, wo jedes Erden-Ding einen digitalen Zwilling hat. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hat seine Datengroßsammelstelle sogar schon Meta Platforms getauft.

    Aufmerksamen Beobachtern des bunten Treibens wird nicht entgangen sein, dass die US-Regulierer jüngst erst eine Versicherungs-Ehe zwischen Aon und Willis Towers Watson abgeschlossen haben – und dann den Kauf des britischen Chipherstellers ARM durch den IT-Konzern Nvidia fürs Erste stoppten.

    Grafik

    Das europäische Ergebnis mehrerer Fusionen im Automarkt heißt Stellantis. Das Sternen-Wort aus dem Lateinischen steht für Peugeot und Citroen aus Frankreich, Fiat aus Italien, Chrysler aus den USA und Opel aus Deutschland. CEO Carlos Tavares, 63, fährt privat Autorennen, ein Ausdruck seines Willens, das eigene Team stets zum Sieg zu führen.

    Im Handelsblatt-Interview sagt er über den Plan, die Werke in Eisenach und Rüsselsheim aus Opel herauszulösen: „Unser Ziel ist es, unsere deutschen Standorte autonomer zu machen. Leider hat man unseren Ansatz für politische Zwecke verzerrt. Es wird viel von dem kritisiert, was wir bei Opel seit 2017 gemacht haben. Was aber niemanden stört, ist, dass Opel jetzt Geld verdient.“

    Dabei geht es um Mitbestimmung: „Ich spreche lieber davon, gemeinsam mit den Arbeitnehmern etwas aufzubauen. Man muss feststellen, dass sich Opel während 20 Jahren Mitbestimmung wirtschaftlich nicht erholt hat. Aber zwei Jahre ,Mitaufbau‘ haben das ermöglicht.“

    Er spricht auch die Elektromobilität an: „Es sind auch die neuen Technologien, die die Preise in die Höhe treiben. Vor allem die Elektroantriebe, die 50 Prozent teurer sind als Verbrenner. Die Elektrifizierung ist die Technologie, die von der Politik gewählt wurde, nicht von der Industrie.“

    Fazit: Wahrscheinlich gefällt dem kauzigen Manager ein Zitat des Ex-Rennfahrers Jacques Villeneuve recht gut: „Ich bin Nonkonformist.“

    In die Rolle des Geldbriefträgers rutscht Robert Habeck. Der Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz versprach sowohl der Industrie als auch den Endverbrauchern auf dem Handelsblatt-Energiegipfel deutliche Finanzhilfen. Das soll den Weg zur Klimaneutralität erleichtern und angesichts hoher Energiepreise die Finanzlage entspannen.

    „Es soll nicht an staatlicher Unterstützung mangeln“, lockte der Grünen-Politiker. Für die Bürger entfalle ja die EEG-Umlage und die Regierung wolle zudem Billigstromanbieter überprüfen, die nach Lieferproblemen Verträge mit den Kunden gekündigt haben. Die dürften nicht „am Ende die Geprellten sein“. Eon-Chef Leonhard Birnbaum nimmt dagegen grundsätzlich Engpässe in Stromnetzen wahr: „Ich befürchte, wir werden dem Ausbau der Erneuerbaren an vielen Stellen hinterherbauen.“

    dpa

    Boris Palmer war wegen Provokationen unter Druck geraten.

    Das baden-württembergische Establishment der Grünen hat sich in der Vergangenheit wiederholt über schiefe, angeblich rassistische Sprüche von Boris Palmer geärgert – und dessen Rauswurf betrieben. Nun hadern sie nicht mit Aussagen, sondern mit möglichen Auftritten des seit 2007 amtierenden Tübinger Oberbürgermeisters. Der könnte bei der im Herbst anstehenden Wahl als Unabhängiger vermutlich leicht gewinnen, zwei von drei Tübingern finden ihn gut.

    Für die Grünen jedenfalls wird er nicht kämpfen, das steht fest. Man könne als OB-Kandidat, der von der Partei in einer Urwahl bestimmt wird, nicht gleichzeitig deren Ausschlusskandidat sein, hieß es. 500 prominente Grüne wie Antje Vollmer oder Ludger Volmer unterstützen inzwischen Palmer. Zur Gründungs-DNA der Partei gehöre nun mal ein breites Spektrum, sagen sie.

    Fazit: Die Grünen suchen die innere Toleranz, die sie von anderen erwarten.

    Und dann ist da noch Larry Fink, 69, Chef des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock, dem zehn Billionen Dollar zur Betreuung anvertraut sind. Der Mann startete nun seine jährliche Briefaussendung an wichtige CEOs, in der er den Stakeholder-Kapitalismus pries, aber auch tektonische Kapitalverschiebungen hin zu nachhaltigen Anlagen.

    Die nächsten 1000 „Einhörner“ würden weder Suchmaschinen noch Social-Media-Firmen sein, sondern Start-ups, die den Verzicht auf fossile Brennstoffe ermöglichen und die Klimawende erschwinglich machen.

    Der bei passiven Investmentfonds (ETF) führende Konzern gibt die Höhe seiner nachhaltigen Investitionen mit 509 Milliarden Dollar an. Deutschland-Chef Dirk Schmitz sagt im Handelsblatt, man schaue sich aktuell drei bis fünf größere „Green“-Projekte an. Erst im November wurde Blackrock mit rund 700 Millionen Euro Investment größter Gesellschafter bei Ionity, dem E-Auto-Ladenetz deutscher Pkw-Hersteller.

    Fazit: Für Larry Fink gilt ganz offenbar Cicero: „Keine Festung ist so stark, dass Geld sie nicht einnehmen kann.“

    Ich wünsche Ihnen einen gesprächsreichen Tag im Stakeholder-Land.

    Herzliche Grüße
    Ihr

    Hans-Jürgen Jakobs

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