Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

01.10.2021

06:00

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

nach dem jahrelangen Herbeibeten von Inflation, das Regenbeschwörungsgesängen in extremer Trockenheit gleichkam, sind jetzt auf einmal zu viele der einst so begehrten Prozentpunkte zu registrieren. Drei Prozent in der Euro-Zone, 4,1 Prozent in Deutschland: Diese Alarmwerte lösen eine heftige Debatte aus.

Die einen argumentieren mit Sonderfaktoren: höhere Mehrwertsteuer, Nachfrageboom nach dem Lockdown, Rohstoff-Engpässen. Aber irgendwann wirkt das wie kumulierte Ausreden. Zur Fraktion der Mahner gehört US-Ökonom Larry Summers: „Die Inflationsrisiken werden unterschätzt – in den USA und global.“ Es sei so wie Ende der 1960er-Jahre, als sich Inflationserwartungen sukzessive aufbauten.

Grafik

Unser Wochenendtitel zeigt vier Risiken auf:

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen
    • Risiko eins: Aufgrund der rapiden Alterung in den Industrieländern werden Arbeitskräfte knapp. Dann steigen Löhne – und anschließend Preise. Noch ist von dieser Spirale nichts zu sehen.
    • Risiko zwei: Der Kampf gegen die Klimakatastrophe verursacht hohe Kosten. Höhere CO2-Preise spüren Verbraucher direkt bei Benzin und Heizstoffen, was sich weniger stark auswirken würde, falls es wie erwünscht zu Verhaltensänderungen käme.
    • Risiko drei: Der günstige Effekt einer entfesselten Globalisierung, in der Wettbewerb die Preise gedämpft hat, lässt im Zuge von Wirtschaftskriegen und Protektionismus stark nach.
    • Risiko vier: Die galoppierende Staatsverschuldung ist ein Problem, wenn Notenbanken aufgrund von Inflationsgefahren weg von den Nullzinsen müssen. Ohnehin hat die ultralaxe Geldpolitik zu einem Überangebot an Kapital geführt, das wiederum extreme Immobilienpreise bewirkte.

    Schlimmer als die Angst vor der Inflation ist derzeit nur eines: die Angst vor Stagflation. Hohe Preise und wenig Wachstum waren die toxische Mischung der 1970er-Jahre.

    Für die Europäische Zentralbank (EZB), die Hüterin des Geldes, ist eine bestimmte Wirkungskette fatal: Je mehr die Leute über Inflation reden, desto höher wird sie auch. Das deutsche Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel versichert, man werde „entschieden reagieren“, falls sich – über temporäre Schwankungen hinaus – ein Inflationsdruck aufbaue, der das Ziel von zwei Prozent Teuerung gefährde. Es zeichne sich bislang aber auch nicht ab, so Schnabel, dass die Menschen ihre hohen Ersparnisse in großem Umfang ausgäben.

    Den Verdacht, die Niedrigstzinsen würden als Schutz für die hochverschuldeten Länder im Süden Europas beibehalten, weist sie entschieden zurück. Vorsichtshalber beschreiben wir einmal, wo Geld noch sicher ist – und wo nicht.

    Grafik

    Eine moralische deutsche Außenpolitik müsste Sanktionen gegen China vorsehen, die sich eine pragmatische Außenpolitik gar nicht erlauben kann. Die ökonomischen Bindungen werden immer stärker, wie die Autoindustrie zeigt. Beispiel Daimler: Wenn am heutigen Freitag in Stuttgart die US-lastige Trucktochter abgespalten wird, schlägt die hohe Asien-Abhängigkeit im Pkw-Geschäft voll durch. 32 Prozent des Umsatzes stammen von dort. Und mit Geely und BAIC sind Chinesen neben Kuwait die wichtigsten Daimler-Aktionäre.

    Ein Klumpenrisiko hat auch der Volkswagen-Konzern, dessen Stammmarke fast 50 Prozent der Autos in China verkauft. BMW kommt auf 35 Prozent. Und 2022 werden die Münchener noch „chinesischer“: Dann übernehmen sie die Mehrheit am Joint Venture mit Brilliance und konsolidieren in der Bilanz zu 75 Prozent. Alle eint ein Denken, was der große Reformer Deng Xiaoping so beschrieb: „Es ist egal, ob eine Katze weiß oder schwarz ist – Hauptsache, sie fängt Mäuse.“

    Aus Berlin gibt es nur von nervösen Aufmarschübungen vor den Koalitions-Kennenlern-Kaffeekränzchen zwischen Freitag und Dienstag zu berichten. Die CSU mokiert sich mit einigem Recht, dass neben ihren eigenen fünf Mitgliedern die CDU mit einem Zehn-Personen-Großaufgebot aufläuft. Auch Grüne und FDP brauchen jeweils diese Mann- und Frauschaftsstärke, während die SPD lediglich mit sechs Personen aufkreuzt. Vielleicht hat ein Wahlsieg auch damit zu tun, sich beschränken zu können.

    Alt-Strategen wie Jürgen Trittin oder Wolfgang Schäuble gehören nicht mehr zu den Teams. Der 79-jährige CDU-Veteran muss seinen Posten als Bundestagspräsident abgeben, da die SPD nun die stärkste Partei ist. Immerhin darf er als Alterspräsident am 26. Oktober die Eröffnungsrede im 20. Bundestag halten. „Isch over“ für den Mann, der den Kandidaten Armin Laschet durchgesetzt hat.

    Reuters

    Allianz: Besonders die Nachfolge von Vorständin Jacqueline Hunt war im Vorfeld mit Spannung erwartet worden.

    Die amerikanischen Probleme der Allianz haben sich gestern verschärft. Eine New Yorker Richterin ließ zwölf Klagen, darunter zwei Sammelklagen, gegen den deutschen Versicherungskonzern zu. Dessen Tochter Allianz Global Investors (AGI) hatte Hedgefonds als Geldanlage angeboten, die nach Kurseinbrüchen in der Pandemie teilweise jedoch liquidiert werden mussten. Investoren fordern nun Schadensersatz.

    Im Vorstand muss sich Jacqueline Hunt künftig nicht mehr mit der tickenden Zeitbombe befassen. Sie wird nun von Andreas Wimmer, 47, beerbt, einem Eigengewächs, zuletzt Chef von Allianz Leben. CEO Oliver Bäte hat das US-Fiasko zudem zur Chefsache erklärt.

    Mein Kulturtipp zum Wochenende: „Radikalisierter Konservatismus“ von Natascha Strobl, eine flotte Analyse über den Flirt konservativer Großparteien mit der Neuen Rechten und über eine „rohe Bürgerlichkeit“. Diese kommt hier als Folge der gewachsenen Bedeutung von Social Media daher, mit Sebastian Kurz und Donald Trump als prototypische Figuren. Der Regelbruch ist die Kampagne, Polarisierung der Inhalt, das „Ich, ich, ich“ der Führungsstil.

    In der Politik des 21. Jahrhunderts zähle das Narrativ und die damit verbundenen Gefühle, schreibt Strobl. Die Politologin liefert denjenigen Hinweise, die sich fragen, wie es in Deutschlands Mitte nach dem Unionsdebakel weitergeht – und ob „Konservatismus“ wohl wieder stark wäre, wenn wir nur Atommeiler bauen, Jugend kollektiv zur Waffe bringen, Grenzen schließen sowie Frauen in Küche und Kirche zurückschicken würden.

    Getty Images

    Zusammen mit dem Model Karlie Kloss posierte der Firmenchef Robert Buchbauer bei der Eröffnung eines Flagship-Stores in New York (Archivfoto). Nun kündigt er seinen Abschied an.

    Und dann ist da noch der österreichische Kristall-Spezialist Swarovski, der nach fast 130 Jahren eine Revolte erlebt. Zwei Vertreter der Eigentümerdynastie ließen es gestern in einem Townhall-Meeting klirren und knallen – und versprachen den sofortigen Rückzug. Nach Management-Chaos und nachlassender Bilanzqualität war die Autorität von CEO Robert Buchbauer und Finanzchef Mathias Margreiter weg. Als Zwischenlösung gilt der neue Vorstandschef Michele Molon, der aus dem Haus, aber nicht aus der Familie kommt. Sein Nachfolger wird gesucht – extern.

    Zuvor hatte es in Wattens bei Innsbruck einen Aufstand gegen das alte Führungsduo gegeben. Zwölf Familienmitglieder, die für 40 Prozent der Anteile stehen, hielten schriftlich fest: „Wir fordern unbelastet von Familienpolitik und Interessenkonflikten spätestens ab dem 1. Januar 2022 die Einsetzung eines nicht der Familie angehörigen CEOs und CFOs.“ Zum kostenwirksamen Aufräumen gehört auch, dass sich Swarovski von seiner hauseigenen Fluglinie Tyrolean Jet Services trennt. Die aus dem Amt gedrängten Familienmanager könnten es mit Karl Kraus halten: „Man könnte größenwahnsinnig werden: so wenig wird man anerkannt.“

    Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende mit ganz viel Anerkennung.

    Es grüßt Sie herzlich
    Ihr
    Hans-Jürgen Jakobs
    Senior Editor

    Hier können Sie das Morning Briefing abonnieren:

    Morning Briefing: Alexa

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×