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12.04.2022

06:17

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

gut 17 Wochen nach ihrem Start beklagt die neue Bundesregierung den ersten Verlust. Einen so frühen Abgang konnte sich keiner vorstellen, und wenn, hätte man die Sozialdemokraten Christine Lambrecht (Verteidigung) und Karl Lauterbach (Gesundheit) als Adieu-Kandidaten nominiert.

Nun aber erwischte es die grüne Familienministerin Anne Spiegel, die an vielem gescheitert ist: am persönlichen Versagen als rheinland-pfälzische Ministerin während der Ahrtal-Katastrophe, an Unwahrheiten beim Aufarbeiten der Affäre, an den privaten Herausforderungen – und letztlich am Druck der Grünen-Spitze.

Nun gibt es das Problem, dass nach den Quotierungen der Grünen eine linke Frau der unglücklichen Politikerin Spiegel folgen muss. Anton Hofreiter gilt zwar als ministrabel und links, hat aber nun mal das „falsche“ Geschlecht.

Und so könnte Fraktionschefin Katharina Dröge ins Spiel kommen. Vor den Landtagswahlen im Mai in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein soll in der zweitstärksten Regierungspartei unbedingt das alte Ariel-Motto gelten: „Nicht nur sauber, sondern porentief rein.“

Mit ihrem Rücktritt will Anne Spiegel „Schaden vom Amt“ abwenden. Uns interessiert Ihre Meinung: Hat sie richtig reagiert, hatte sie überhaupt eine andere Wahl? Wie wird sich der Rücktritt auf die Grünen und die Koalition auswirken? Schreiben Sie uns Ihre Meinung in fünf Sätzen an [email protected]. Ausgewählte Beiträge veröffentlichen wir mit Namensnennung am Donnerstag gedruckt und online.

Wenn es um Hilfen für die Ukraine im Krieg gegen Russland geht, scheint Bundeskanzler Olaf Scholz das Bremspedal als Orientierungspunkt zu haben. Er warnt nun vor „Alleingängen“ bei Waffenlieferungen; er strebe ein „sorgfältig abgewogenes Handeln“ an.

Seine grüne Außenministerin Annalena Baerbock dagegen bringt schwere Waffen für das überfallene Land ins Spiel. Vor allem die USA werden hier bereits aktiv. Material könnte auch von Rheinmetall kommen. Der Düsseldorfer Rüstungskonzern will bis zu 50 Panzer in die Ukraine liefern.

Rainer Lippert/CC/Wikipedia

Leopard 1 in Fahrt beim Militärtag 2015 in Uffenheim: Rheinmetall könnte der Ukraine bis zu 50 Stück liefern.

„Der erste Leopard 1 könnte in sechs Wochen geliefert werden“, sagt uns Vorstandschef Armin Papperger. Im Osten der Ukraine zeichnen sich fürchterliche Schlachten ab: Russlands Armee konzentriert sich offenbar auf den Kampf um Donbass und Luhansk – und zieht hier Truppen zusammen. Die russische Seite reklamiert bereits, den Hafen von Mariupol eingenommen zu haben.

An das Phänomen nennenswerter Russland-Abschreibungen werden wir uns gewöhnen müssen. Gestern war ein Tag, an dem gleich zwei bedeutende Konzerne mit hohen Minusbeträgen auffielen.

Zum einen verabschiedete sich die französische Großbank Sociéte Générale vom Russland-Geschäft und verkaufte ihre Tochter Rosbank an den Vorbesitzer, den Oligarchen Wladimir Potanin. Bei der Kehraus-Aktion fielen zwei Milliarden Euro Abschreibungen an, dafür entschwanden Risiken in der Bilanz.

Der zweite Fall von Bilanzkorrekturen, die durch Wladimir Putins Krieg induziert sind, betrifft den Chemiekonzern BASF, dessen CEO Martin Brudermüller mit apokalyptischen Tönen vor einem Energieembargo gegen Russland warnt. BASF muss 1,1 Milliarden Euro auf die Tochter Wintershall Dea abschreiben, an der auch Oligarch Michail Fridman weiter beteiligt ist.

Gemeinsam hatte man der Projektgesellschaft für Nord Stream 2 Geld geliehen – die Gaspipeline, die zum Bilanzschreck und zur Industrieruine am Ostseeboden wurde.

action press

Die drei Häfen Brunsbüttel, Stade und Wilhelmshaven arbeiten daran, LNG-Tanker abfertigen zu können.

Wenn wir nun schon beim Thema Gas sind: Der Versuch der Bundesrepublik, schnell Ersatz für das ökonomisch billige, politisch sehr teure Russengas zu finden, erhält neuen Schwung. Heute wird die Hanseatic Energy Hub GmbH (HEH) bei den Behörden alle Unterlagen für den Bau eines Terminals für Flüssigerdgas (LNG) in Stade einreichen.

Das Besondere: Der US-Chemiekonzern Dow Chemical beteiligt sich als Minderheitsgesellschafter an dem Terminal, der auf dem Firmengelände des amerikanischen Unternehmens entsteht. Noch gibt es in Deutschland – anders als in Frankreich, Spanien, Italien oder den Niederlanden – keinen einzigen LNG-Terminal, weil Gazprom in der Vergangenheit angeblich so konkurrenzlos günstig war. Außer Stade sind Wilhelmshaven und Brunsbüttel als Standorte im Gespräch. „Turbo fürs Flüssiggas“ heißt unsere Titelgeschichte.

Börsengänge sind Aufputschmittel des Finanzmarkts, doch derzeit herrscht hier eine Sanatoriumsruhe. Der Ukrainekrieg nimmt den Investoren die Lust am Handeln. Zudem weiß man genau, wie schwach sich fast alle Firmen schlagen, die 2021 und 2020 an die Börse gegangen sind.

Da sind zum Beispiel die Online-Plattformen Auto1 und Mister Spex, die Kurseinbrüche von 75 beziehungsweise 65 Prozent erlebten. Positiv fällt nur die Rüstungsfirma Hensoldt mit einem Plus von mehr als 100 Prozent auf, schildert ein Report unserer Finanzredaktion.

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Auf ein Ende der Flaute hoffen Stepstone von Springer und die Wasserstofftochter Nucera von Thyssen-Krupp, wenig später wollen auch die Orthopädie-Spezialisten von Otto Bock, das Dating-Portal Parship oder der Tankkartenanbieter DKV den Schritt aufs Parkett wagen.

Nervösen Typen hilft eine Einschätzung des „Börsengurus“ André Kostolany: „Die Börse, das heißt der Finanzmarkt, ist eigentlich Theater, in dem immer dasselbe Stück gespielt wird, aber immer unter verschiedenen Titeln.“

Und dann ist da noch Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner, 41, dessen Private-Equity-Firma Affinity Partners wunderschöne Gaben aus dem Morgenland erhält. Das Königreich Saudi-Arabien, das missliebige Kritiker wie Jamal Khashoggi verschwinden lässt, investiert zwei Milliarden Dollar in den unerfahrenen Newcomer.

Die einen werten das als „Upfront-Payment“ für den Fall, dass Trump ins Weiße Haus zurückkommt. Die anderen vermuten ein Dankeschön für geleistete amerikanische Dienste, womöglich Waffenverkäufe. Vielleicht ist es ja eine Mischung aus beidem.

Das größte Problem hierbei sei, dass die Öffentlichkeit nicht erfahren könne, welche Gefallen einer wie Kushner den Saudis genau erwiesen habe, sagt Walter Shaub, einst Direktor des US-Regierungsbüros für Ethik. Ex-Präsidentenberater Kushner hat einen persönlichen Draht zu Kronprinz Mohammed bin Salman.

Mit seinen Finanzgeschäften ist er in guter Gesellschaft: Die Saudis steckten auch Geld in den Investmentfonds des Ex-Finanzministers Steven Mnuchin. Das staunende Publikum denkt: Erwiesenermaßen entstehen die größten Gaunereien aus kleinen Gefälligkeiten.

Es grüßt Sie herzlich

Ihr
Hans-Jürgen Jakobs

Morning Briefing: Alexa

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