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03.12.2019

08:04

Morning Briefing

Zum Geburtstag in der Nato-Falle

Von: Hans-Jürgen Jakobs

Heute beginnt der Jubiläumsgipfel des Militärbündnisses in London – und jedes Manöver gilt US-Präsident Donald Trump. In Großbritannien nimmt eine königliche Affäre ihren Lauf.

Senior Editor

Hans-Jürgen Jakobs

Senior Editor

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

es ist kein Treffen unter wahren Freunden, und ein fröhliches Geburtstagsfest ist es auch nicht: die Zusammenkunft der Chefs der Nato-Staaten zum 70. in London, die heute Abend mit einem Empfang bei der Queen beginnt. Jedes Statement, jedes Manöver gilt US-Präsident Donald Trump, der das Militärbündnis als „obsolet“ bezeichnet hat, Hilfen für ein Mitglied wie Montenegro in Abrede stellt und sich beim Abflug nach Großbritannien brüstete, die anderen Nato-Mitglieder erfolgreich zum Zahlen höherer Beiträge zu drängen.

Ex-Sicherheitsberater John Bolton plauderte jetzt aus, Trump könne bei erfolgreicher Wiederwahl 2020 zum „ganzen Isolationisten“ werden und die Nato sowie andere Allianzen verlassen. Dass die Nato quicklebendig ist, wie Deutschlands Heiko Maas suggeriert, scheint da eher eine Beschwörungsformel zu sein – sowie eine Art rhetorische Notreaktion auf die brutal-ehrliche Chefarztanalyse vom „Hirntod“.

AFP

Donald Trump und Michael Bloomberg (l.) könnten zu Rivalen um die US-Präsidentschaft werden.

Michael Bloomberg ist der lebende Beweis, dass Medienunternehmer in der Politik nichts verloren haben, dass ihr Geschäft nicht so ist wie – sagen wir – das einer Immobilienfirma aus New York oder eines Ölunternehmens aus Texas. Am Anfang stand eine Selbstkastrierung, nachdem der 77-Jährige seine Präsidentschaftskandidatur angekündigt hatte: Michael Micklethwait, Chefredakteur von Bloomberg News, erklärte da allen Ernstes im verquasten Stil, „unsere Tradition, Mike (und seine Familie und Stiftung) nicht zu untersuchen, fortzusetzen und die gleiche Politik auf seine Rivalen in den Vorwahlen der Demokraten auszusehen“.

Dass die vereinigte Bloomberg-Knappschaft ihre journalistische Tugenden also fortan ganz auf Donald Trump konzentrieren will, fand der Republikaner mit einigem Recht parteiisch. Sein Team stellt Bloomberg-Leuten nun für Trumps Wahlkampfevents und andere Termine keine Akkreditierungen mehr aus. „Wer nicht vertrieben sein will, muss vertreiben“, sagte einst Friedrich Schiller.

Großbritannien

Erneute Missbrauchs-Vorwürfe belasten Prinz Andrew schwer

Großbritannien: Erneute Missbrauchs-Vorwürfe belasten Prinz Andrew schwer

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Die königliche Affäre nahm gestern Nacht in Großbritannien mit einem BBC-Interview ihren Lauf. Darin beschuldigte die Amerikanerin Virginia Giuffre mit eindringlichen Aussagen Prinz Andrew, sie als Minderjährige missbraucht zu haben. Sie habe tun müssen, was sie schon für den mutmaßlichen Vergewaltiger Jeffrey Epstein tat, einem US-Milliardär und Andrew-Amigo, der in U-Haft unter mysteriösen Umständen starb.

Der Prinz, der sich zuvor mit einem eigenen BBC-Interview selbst tiefer in den kommunikativen Sumpf geschafft hat, ist inzwischen von allen repräsentativen Aufgaben entbunden. In London kursieren immer häufiger Gerüchte, dass Kronprinz Charles bald tragende Aufgaben bekommen soll. Die Firma Royal Family Inc. braucht Basispflege mit Imagepolitur.

Stephan Weil ist ein Mann der ökonomischen Vernunft – mit dem kleinen Makel, dass er in seiner SPD nicht um den Chefposten gekämpft hat. Nun bekennt der niedersächsische Ministerpräsident im Handelsblatt, das Jahr 2019 dürfte zu den „allerallerschlechtesten“ in der langen Parteigeschichte gehören („zu lange nach innen geblickt“). Was künftige Investitionserfordernisse angeht, rät er zur Lektüre der neuen Studie des BDI und des DGB. Da werde klar, wie viel die öffentliche Hand allein in Infrastruktur, Klimaschutz und Bildung investieren muss, deshalb müsse über die Schuldenbremse sicher noch mal geredet werden: „Es geht um drängende Aufgaben, die klipp und klar auf dem Tisch liegen.“ Stephan Weil klingt da nicht wie Olaf Scholz, der Kassenwart, sondern eher wie die neue SPD-Führung, die er vorher immer kritisiert hat.

action press

Ex-Bahnchef Rüdiger Grube steht aufgrund der Abfindung in der Kritik.

In der langen Reihe ego-merkantiler Bahn-Manager sticht Rüdiger Grube heraus. Als Chef des Staatsbetriebs trat er am 30. Januar 2017 zurück – und kassierte doch für seine Arbeit im Jahr 2017 insgesamt stolze 2,251 Millionen Euro. Das war nach Auffassung des Bundesrechnungshofs nicht rechtens. In einer Verschlusssache, die uns vorliegt, begründet die Behörde, dass Grube von sich aus nach einem Streit über seine Vertragsverlängerung hingeworfen und folglich keinen Anspruch hatte. Zudem sei die Summe viel zu hoch: Als Prämisse der erfolgsabhängigen Tantiemen diente, dass Grube die gesteckten Ziele zu 100 Prozent erfüllt, was ihm in den Vorjahren nicht gelang. Als Zugbegleiter dient uns in diesem Fall Franz Grillparzer: „All zu viel geht gleich mit all zu wenig.“

Spiel und Spielplatz, das sind Kategorien, an die man im Excel-Kapitalismus der Firmenwelt eher selten denkt. Am nächsten Montag in München wollen die Innovationsexperten Alissia und Kimo Quaintance zeigen, wie Sie so – spielerisch – neue Lern- und Innovationssysteme in Ihrem Unternehmen aufbauen können. Und wie kreative Zusammenarbeit und Risikobereitschaft zu trainieren sind. Ich habe zwei Tickets für dieses Handelsblatt Club-Coaching zurückgelegt: Schreiben Sie mir an [email protected]

Und dann ist da noch Heinrich von Pierer, einst als Siemens-Chef Deutschlands „Mister Industrie“ mit Sonderbeziehung ins Kanzleramt. Er wurde jetzt in Athen für alte Bestechungspraktiken seines Konzerns in Griechenland zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt, auch sechs andere Ex-Manager erhielten hohe Haftstrafen. Dabei liegt die Tat (ein gut geölter Auftrag zur Digitalisierung des Telefonnetzes) 21 Jahre zurück und war bereits Gegenstand von Verhandlungen in Deutschland.

Offenbar ist die Sache weniger juristisch als politisch zu verstehen, eine Breitseite gegen das Land der NS-Täter, von dem man für Kriegsverbrechen 280 Milliarden Euro Reparationen fordert. Pierer legt Berufung ein, muss aber womöglich mit Einschränkungen der internationalen Reisetätigkeit leben. Eine Festnahme im Ausland könnte den 78-Jährigen näher zum griechischen Gefängnis bringen. Da hilft nur sein Motto: „Wenn Dinge mal schief laufen, ist das die richtige Herausforderung.“

Ich wünsche Ihnen an diesem Tag einen geraden Lauf.

Es grüßt Sie herzlich

Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

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Kommentare (1)

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Herr Haining Zhang

03.12.2019, 09:38 Uhr

Hallo, wieso heute kann man nicht MP3 splielen. MfG

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