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30.11.2022

06:36

Morning Briefing

Zurückgezogen: Fonds verzichten auf EU-Nachhaltigkeitssiegel

Von: Christian Rickens

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

gestern hat das Handelsblatt zusammen mit anderen europäischen Medienpartnern enthüllt, wie schmutzig bisweilen die Aktien sind, die in vermeintlich nachhaltigen Investmentfonds liegen. Mein persönliches Aha-Erlebnis: Der „Principal Global Sustainable Listed Infrastructure Fund“ und der „Macquarie Sustainable Global Listed Infrastructure Fund“. Sie tragen zwar beide das schöne Wort „sustainable“ – also „nachhaltig“ – im Namen, haben aber jeweils mehr als 40 Prozent ihres Kapitals in Firmen aus der Öl-, Kohle- und Luftfahrtindustrie gesteckt. Das ist etwa so, als würde der Guttempler-Orden zwei Fünftel seiner Pensionskasse in Brauereien und Schnapsbrennereien investieren.

Es geht auch besser: Unter den 800 untersuchten Fonds befinden sich durchaus solche, die ihrem grünen Anspruch tatsächlich gerecht werden. Die große Übersicht finden Sie hier.

Immerhin, die kritische Debatte der vergangenen Monate um nur vermeintlich nachhaltige Investmentprodukte zeigt erste Wirkung. Sowohl Marktführer Blackrock als auch zahlreiche andere Finanzdienstleister sortieren derzeit Fonds, die bisher mit einem besonders hohen Nachhaltigkeitsniveau gekennzeichnet waren, in den Standardbereich um.

Hintergrund: Die Einstufung der Fonds regelt eine EU-Verordnung. Demnach müssen Anbieter ihre Produkte selbst kategorisieren. Diejenigen mit einer besonderen Nachhaltigkeitswirkung fallen unter Artikel neun der Verordnung, die weniger ambitionierten unter Kapitel acht.

Das große französische Haus Amundi zieht sich von rund 100 Neuner-Einstufungen zurück, betroffen sind etwa 45 Milliarden Euro in Indexprodukten und aktiv verwalteten Fonds. Bei weniger als zehn Produkten bleibt die ursprüngliche Einstufung erhalten. Beim weltgrößten Vermögensverwalter Blackrock sind 17 Indexfonds mit einem Kapital von rund 26 Milliarden Euro betroffen, ergab eine Handelsblatt-Anfrage.

Fazit: Blackrock, Amundi und Co. reagieren auch auf verschärfte Beweispflichten und neue EU-Haftungsregeln, die ab 2023 gelten. Eine grünere Wirtschaft bekommen wir dadurch zwar noch nicht. Aber immerhin eine weniger grün gewaschene.

Die Hoffnung der EU auf eine schnelle Lösung im Subventionsstreit mit den USA schwindet. Der für Handelspolitik zuständige Kommissionsvize Valdis Dombrovskis sagte vergangene Woche, dass allenfalls mit einer Geste der Amerikaner zu rechnen sei, aber mit „nichts, das das Problem lösen“ würde. Das erfuhr das Handelsblatt aus EU-Kreisen.

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Die Amerikaner wollen Milliardensubventionen für E-Autos ausschütten – aber nur, wenn diese in den USA montiert wurden. Ähnliche Regeln sollen für grüne Infrastruktur gelten. Die Europäer fühlen sich diskriminiert. Ihr Ziel: Klimafreundliche Produkte aus der EU sollen jenen aus Kanada und Mexiko gleichgestellt werden, die in den Genuss der US-Subventionen kommen.

Für Europa und speziell die Bundesrepublik steht viel auf dem Spiel: Noch immer sind die USA vor China der wichtigste Exportmarkt für die deutsche Wirtschaft. Für die EU insgesamt liegen die USA als Ausfuhrmarkt auf Platz zwei hinter China.

Der Streit überschattet auch den transatlantischen Rat für Handel und Technologie (TTC), in dem EU und US-Regierung gemeinsame Positionen zur Energiewende und Digitalisierung ausloten. Ein Entwurf der Abschlusserklärung für das kommende TTC-Treffen liegt dem Handelsblatt vor. Die darin enthaltenen Verhandlungsfortschritte sind so klein, dass sie locker auf die Rückbank eines Fiat 500 passen würden. In der Elektroversion, versteht sich.

Die Abspaltung des Klimagases CO2 hat in Deutschland den Ruf einer unlauteren Abkürzung Richtung Klimaschutz. So ähnlich wie ein Vielfraß, der sich lieber einer Magenverkleinerung unterzieht als einer mühsamen Diät. Doch inzwischen steht fest, dass sich das 1,5-Grad-Ziel bei der Erderwärmung allein durch CO2-Einsparung nicht mehr erreichen lassen wird, und auch das Zwei-Grad-Ziel wackelt bereits.

Notgedrungen rückt die Magenverkleinerung auf der Liste der Optionen nach oben: Am Mittwoch wird ein Forum mit Vertretern aus Politik und Wirtschaft seine Arbeit aufnehmen und nach Wegen suchen, die sogenannte CCS-Technologie auch in Deutschland zu etablieren.

Klaus Stratmann, Handelsblatt

Das „Northern Lights“-Projekt zur CO2-Speicherung in Norwegen: Eine ähnliche Infrastruktur für die CCS-Technologie soll auch in Deutschland aufgebaut werden.

CCS steht für Carbon Capture and Storage. Mit dem Verfahren lassen sich CO2-Emissionen, die bei industriellen Prozessen anfallen, abspalten und unterirdisch einlagern. Das „CCS-Forum“ soll nun Konzepte für den Aufbau einer solchen Technologie entwickeln. Mit am Tisch werden Vertreter des vom Grünen Robert Habeck geführten Bundeswirtschaftsministeriums sitzen. Ebenfalls dabei sind CO2-intensive Unternehmen wie BASF, Covestro und Heidelberg Cement sowie Vertreter von Unternehmensverbänden.

Und dann ist da noch der gestern bekannt gewordene Gas-Deal mit Katar. Ab 2026 will das Emirat 15 Jahre lang bis zu zwei Millionen Tonnen Flüssigerdgas (LNG) jährlich nach Deutschland exportieren. Die zwei Millionen Tonnen LNG entsprechen etwa 2,7 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr. Zum Vergleich: 2021 hat Deutschland knapp 90,5 Milliarden Kubikmeter Erdgas verbraucht.

Diese Menge soll in den kommenden Jahren im Zuge der Energiewende allerdings rasch sinken, sodass Katar gegen Ende des Vertragszeitraums tatsächlich der wichtigste Gaslieferant der Bundesrepublik sein könnte.

Immerhin enthebt uns das Gasgeschäft eines schwierigen ethischen Dilemmas: Wir können nun endlich unbeschwert die Fußball-Weltmeisterschaft verfolgen. Denn die fehlende Meinungsfreiheit bei den Scheichs beklagen, sich aber zugleich bis ins Jahr 2041 auf deren Erdgaslieferungen verlassen, das wäre nun wirklich scheinheilig. Und wer will das schon sein?
Ich wünsche Ihnen einen Tag in allen Regenbogenfarben.

Herzliche Grüße

Ihr

Christian Rickens

Textchef Handelsblatt

Morning Briefing: Alexa

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