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26.07.2022

11:31

Oliver Blume

Batterie-Chaos und ein Börsengang: Was die größten Baustellen des neuen VW-Chefs sind

Von: Stefan Menzel, Martin Murphy, Roman Tyborski

PremiumHerbert Diess hat den Volkswagen-Konzern in große Unruhe versetzt. Oliver Blume soll den Autohersteller wieder beruhigen – und die Prozesse neu ordnen.

Der Konzern kämpft mit Softwareproblemen. imago images/Sven Simon

Auslieferungszentrum von VW in Wolfsburg

Der Konzern kämpft mit Softwareproblemen.

Düsseldorf, Berlin Volkswagen versucht nach dem Rauswurf von CEO Herbert Diess einen Neubeginn mit Oliver Blume. Der Vorstandsvorsitzende bei der Sportwagentochter Porsche soll den VW-Konzern nach den Konflikten der vergangenen Monate wieder beruhigen und vor allem im Topmanagement für einen neuen Teamgeist sorgen. Der 54-Jährige tritt seinen Posten am 1. September an und bleibt Porsche-Chef in Personalunion.

Der künftige VW-Chef hat nach Handelsblatt-Informationen aus Konzernkreisen im Vorfeld seiner Berufung bereits Gespräche mit den wichtigsten Vertretern in Vorstand und Aufsichtsrat geführt. Er soll zunächst die Prozesse in der Produktion und auf den wichtigsten Auslandsmärkten ordnen. Zudem muss er den für das vierte Quartal geplanten Porsche-Börsengang begleiten.

Die wichtigste Aufgabe von Blume an der VW-Spitze wird jedoch sein, die von seinem Vorgänger praktizierten Alleingänge zu beenden. „Blume soll den Vorstand einen und zu einem Team formen“, sagte eine Führungskraft.

Zu einer späteren Zeit seien Veränderungen im obersten Führungsgremium allerdings nicht ausgeschlossen. „Es sind im Moment mit elf Leuten zu viele im Vorstand“, sagte ein Aufsichtsrat. Deshalb könnten einzelne Bereiche zusammengelegt werden. Blume werde sich mit einer solchen Entscheidung jedoch Zeit lassen.

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    Auch der Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden bei der Softwaretochter Cariad bleibt zunächst unbesetzt. Mit Diess’ Ausscheiden ist dieser vakant. Die Schwierigkeiten bei der Softwareentwicklung waren einer der großen Streitpunkte.

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    Cariad wird eine der größten Baustellen bleiben

    Auch unter dem neuen Volkswagen-Vorstandsvorsitzenden Oliver Blume wird Cariad eine der größten Baustellen des Konzerns bleiben. Hier herrscht im Mehr-Marken-Konzern Volkswagen ein wirres Durcheinander mit schwerwiegenden Folgen.

    Der Konzern wird noch über ein Jahrzehnt zwei parallele Hardware-Software-Architekturen entwickeln und pflegen müssen, zwischen denen es kaum Synergien gibt – eine für VW und eine für Porsche und Audi. Für Experten ist das in der modernen Softwareentwicklung nicht zu vermitteln.

    Der Nachfolger von Herbert Diess muss zunächst Ruhe ins Unternehmen bringen. imago images / Jan Huebner

    Oliver Blume

    Der Nachfolger von Herbert Diess muss zunächst Ruhe ins Unternehmen bringen.

    Bei der Softwareeinheit Cariad bindet die parallele Entwicklung zweier Systeme, intern als E1.2 und E2.0 bezeichnet, deutlich mehr personelle Ressourcen als geplant. Das Gleiche gilt für die Investitionen in die Projekte. Allein die parallele Entwicklung der Fahrerassistenzfunktionen bei der Kernmarke VW und Audi kosten zusammen zusätzlich eine halbe Milliarde Euro.

    „Der Aufsichtsrat muss große Hoffnungen in Oliver Blume setzen, dass er mehr Erfolg hat bei der Lösung der drängendsten Softwareprobleme“, kommentiert Bernstein-Analyst Daniel Röska den Chefwechsel. Blume müsse die Softwareentwicklung entschlacken.

    Wichtige Weichenstellungen stehen bevor

    Womöglich steht der künftige VW-Chef vor der Entscheidung, ob die Variante E2.0 tatsächlich nötig ist oder ob es ausreicht, E1.2 mithilfe externer Tech-Firmen weiterzuentwickeln. An die Auflösung der Cariad dürfte Blume nicht denken. Er gilt als klarer Befürworter von Diess’ Idee, dass die Softwareentwicklung des Konzerns zentral in einer Tochter zusammengefasst wird.

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    Auf Kritik insbesondere von Investorenseite wird sich Blume wegen seiner künftigen Doppelfunktion einstellen müssen. „Wir denken nicht, dass das eine gute Idee ist“, ergänzt Analyst Röska, „beide Unternehmen werden in den kommenden Monaten eine klare Führung brauchen.“ Und es drohen mögliche Interessenkonflikte, weil einerseits Porsche bei einem Börsengang große Unabhängigkeit demonstrieren will. Bei Volkswagen andererseits gibt es die Grundhaltung, die Konzerntöchter an der kurzen Leine zu führen.

    Immerhin hat der Konzernaufsichtsrat das Problem gesehen, dass Blume mit seiner künftigen Doppelfunktion möglicherweise eine Überlastung droht. Deshalb wird es künftig bei Volkswagen einen Chief Operating Officer (COO) für das Tagesgeschäft geben, um Blume zu entlasten. Diesen Posten übernimmt zusätzlich Arno Antlitz, Finanzvorstand des Wolfsburger Konzerns.

    Blume dürfte sich noch weitere Entlastung verschaffen. So gilt es als gesichert, dass er eine ganze Reihe von Beirats- und Aufsichtsratsposten abgeben wird, die auf seine Funktion als Porsche-Vorstandschef zurückgehen. Derzeit ist der Automanager im Konzernvorstand auch noch für das Produktionsressort verantwortlich. Wolfsburger Insider vermuten, dass Blume diese zusätzliche Aufgabe auf jeden Fall abgeben wird.

    Blume und Duesmann haben Konflikt beigelegt

    Ein Konflikt, der den Vorstand zuletzt belastete, scheint schon ausgeräumt. Blume und Audi-Chef Markus Duesmann hätten ihren Streit im Vorfeld des Chefwechsels beigelegt und vereinbart, enger zusammenzuarbeiten, heißt es im Konzern.

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    Der Porsche- und der Audi-Chef waren beim Thema Formel 1 aneinandergeraten, da Duesmann den Einstieg zwar vorbereitet hatte, seiner Marke aber später die Teilnahme zunächst verwehrt worden war. Porsche bereitet parallel dazu einen eigenen Einstieg in die Formel 1 vor. „Diese Themen sind geklärt, beide ziehen an einem Strang“, sagte eine Führungskraft. Duesmann solle aber zusätzlich eine hervorgehobene Position bekommen.

    Ein anderes wichtiges Arbeitsfeld für den künftigen VW-Chef wird China sein, wo der Konzern Probleme mit seinen neuen Elektromodellen hat. Der Hauptgrund: Die Softwarefunktionen in der ID-Reihe genügen nicht den Ansprüchen der techbegeisterten chinesischen Kunden. Im wichtigsten Markt für VW bieten chinesische Newcomer wie Nio und Xpeng leistungsstärkere Softwaresysteme an. Der Konzern verkauft etwa 40 Prozent seiner Fahrzeuge nur in China.

    Kurz- bis mittelfristig könnte auch der chinesische Autohersteller BYD in China „eine Bedrohung für Hersteller wie VW werden“, sagt Jan Burgard, Chef der Unternehmensberatung Berylls. Doch nicht nur dort: Der Autoexperte ist davon überzeugt, dass der chinesische Autohersteller bei der weiteren Expansion nach Europa „noch für viel Aufsehen sorgen wird“.

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    Volkswagen hatte auch seine europäischen Kunden mit größeren Softwareproblemen bei der ID-Modellreihe enttäuscht. Blume wird für die Baureihe schnell Lösungen finden müssen, um bei der Software und der Ladegeschwindigkeit auf Augenhöhe mit den diversen Konkurrenten zu kommen.

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    In China soll außerdem der neue Konzernvorstand Ralf Brandstätter für Besserung sorgen. Der Automanager, bislang VW-Markenchef in Wolfsburg, tritt seinen neuen Posten am 1. August an. Bislang war im Konzernvorstand Diess für das Chinageschäft verantwortlich. „Die Probleme in China gehen auf sein Konto“, heißt es dazu im Aufsichtsrat.

    Trotz seines vorzeitigen Ausscheidens wird sich Diess keine finanziellen Sorgen machen müssen. Sein Vorstandsvertrag wäre noch bis Herbst 2025 gelaufen. Als Vorstandsvorsitzender kann er mit einer jährlichen Vergütung von etwa zehn Millionen Euro rechnen. Die Trennungsvereinbarung mit Diess sieht vor, dass ihm die restlichen Bezüge ausgezahlt werden. Wie bei seinem Vorgänger Matthias Müller dürfte diese Auszahlung mit einem Beratervertrag verbunden werden.

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    War die Trennung wirklich „einvernehmlich“?

    Der Aufsichtsrat hatte am Freitagabend das Ende der Zusammenarbeit beschlossen. In einer offiziellen Erklärung hieß es, dass die Trennung „einvernehmlich“ beschlossen worden sei. Diess war zuletzt immer wieder vorgehalten worden, dass er Alleingänge vorzieht und am Team vorbei agiert. Das hatte insbesondere im Topmanagement und im Vorstand zunehmend für Verärgerung gesorgt. „Es gab kaum noch die Basis für eine ordentliche Zusammenarbeit“, sagte ein Insider.

    Deshalb könne überhaupt nicht die Rede davon sein, dass es eine einvernehmliche Trennung gebe. „In Wahrheit ist es ein glatter Rausschmiss, damit der Konzern wieder arbeitsfähig wird“, sagt der Insider weiter. Volkswagen brauche einen Vorstandsvorsitzenden, der von seinen Führungskräften wieder ernst genommen werde und mit dem es eine echte Zusammenarbeit gebe. Und genau das soll Oliver Blume leisten.

    Erstpublikation: 25.07.22, 04:00 Uhr.

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