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27.06.2022

15:00

Pro und Contra

Soll die Laufzeit für Atomkraftwerke verlängert werden?

Von: Christian Rickens, Kathrin Witsch

PremiumEine Verlängerung der Akw-Laufzeiten ist nicht so einfach zu machen. Das klingt nach Ausrede, sagen die einen. Andererseits gibt es gute Alternativen, um über den Winter zu kommen.

Kernkraftwerk Doel dpa

Kernkraftwerk Doel

Belgien will den Atomausstieg um zehn Jahre verschieben. Auch in Deutschland keimt die Debatte immer wieder auf.

Pro: Deutschland braucht die Option

Wir können es uns nicht leisten, dass uns die Energie ausgeht.

Von Christian Rickens

Wir erleben den schwersten Energieengpass seit 1973. Wir stehen so dicht vor einem dritten Weltkrieg wie zuletzt zu Beginn der 80er-Jahre. In diesem doppelten Ausnahmezustand ist die außenpolitische Handlungsfähigkeit der Bundesrepublik massiv eingeschränkt, weil wir es uns schlicht nicht leisten können, dass uns der Kreml kurzfristig den Gashahn zudreht.

Diese prekäre Lage sollte man vor Augen haben, bevor man leichtfertig einen Vorschlag verwirft, der nicht erst seit gestern auf dem Tisch liegt: Sollte Deutschland die für das Jahresende geplante Abschaltung seiner letzten drei Atomkraftwerke um zumindest einige Monate verschieben, um die Stromversorgung im kommenden Winter zu sichern?

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    Die Alternativen sind dabei relativ klar: Uran oder Kohle. Gaskraftwerke stehen für etwa 16 Prozent der Stromerzeugung in Deutschland. Ihnen droht die Abschaltung, weil Russland seine Lieferungen bereits reduziert hat und das knappe Erdgas nun dringender benötigt wird, um Speicher aufzufüllen, Wohnungen zu heizen und Fabriken am Laufen zu halten.

    Die drei Atomkraftwerke könnten etwa ein Drittel der Stromerzeugung übernehmen, die derzeit von den Gaskraftwerken stammt. Wenn das nicht geschieht, müssten entsprechend mehr klimaschädliche Kohlekraftwerke reaktiviert werden.

    Die Zeiten sind nicht normal, die Probleme aber lösbar

    Die Argumente, die wir gegen eine Verlängerung hören, sind seit Monaten dieselben: ausgelaufene Betriebsgenehmigungen, zu Ende gehende Brennstoffvorräte, Personal, das sich schon auf den (Vor-)Ruhestand freut.

    In normalen Zeiten würde es sich sicher nicht lohnen, im Eiltempo all diese Hindernisse zu überwinden, nur um drei Kraftwerke ein paar Monate länger am Netz zu lassen. Doch die Zeiten sind nicht normal – die Probleme aber lösbar, wenn sie endlich angegangen würden:

    Wurden die Belegschaften in den Kernkraftwerken denn schon gefragt, ob sie bereit wären, fürs Gemeinwohl noch einen Winter dranzuhängen?

    Ist wirklich klar, wie lange die Brennstäbe noch reichen und wie schnell sich Ersatz beschaffen ließe?

    Und könnte es in einer nationalen Krise nicht selbst in Deutschland gelingen, eine Betriebsgenehmigung mal auf unbürokratischem Weg zu verlängern?

    Noch haben wir sechs Monate bis zu einem Winter, in dem wir wahrscheinlich jede Kilowattstunde Energie benötigen werden, die wir erzeugen können. Es wäre fahrlässig, bis dahin nicht zumindest die Option zu schaffen, die drei Atomkraftwerke länger laufen zu lassen. Jetzt ist der Zeitpunkt, mit der Arbeit dafür zu beginnen.

    Contra: Andere Energien sind jetzt wichtiger

    Die Politik führt eine Scheindebatte, denn der politische Wille fehlt und andere Dinge sind jetzt wichtiger.

    Von Kathrin Witsch

    Immer wieder bringen einzelne Politiker eine Rückkehr der Atomkraft in Deutschland ins Spiel. Und immer wieder erteilen alle Entscheidungsträger ihnen eine Absage: das Bundesumweltministerium aus Sicherheitsgründen, das Wirtschaftsministerium aus Genehmigungsgründen und die Betreiber aus praktischen Gründen.

    Was die Atomkraftbefürworter verstehen sollten, ist Folgendes: Es gibt derzeit noch drei Anlagen hierzulande, die aktuell sechs Prozent der deutschen Stromversorgung stellen. Sicher, damit könnte man die rund 16 Prozent Erdgasanteil am Strom zu einem Teil ersetzen. Ganz so einfach ist das aber nicht.

    Die Brennelemente könnten wohl noch ein paar Monate Strom über das Ende des Jahres hinaus liefern, im Frühjahr aber wäre der Brennstoff spätestens aus. Die Unternehmen haben angesichts des Ausstiegsplans keinen Vorrat. Neue Brennelemente müssten also erst beschafft werden. Mal abgesehen davon, dass Brennelemente nicht einfach so einsatzbereit sind. Das braucht Vorbereitung und die braucht Zeit. 

    Zeit bräuchte es auch, die fehlenden Genehmigungen einzuholen und das Atomgesetz zu ändern. Sicher, wenn Robert Habeck sich dahinterklemmen würde, könnte das Zeitproblem eventuell gelöst werden. Aber der politische Wille ist auf dieser Ebene nun einmal nicht da. 

    Schon vor Monaten hat Habeck einer Laufzeitverlängerung eine klare Absage erteilt. Und obwohl die Unternehmen im vergangenen halben Jahr alles theoretisch einmal durchgespielt haben, sind praktisch keine Vorkehrungen getroffen, die diese politische Entscheidung konterkarieren.

    Weiterbetrieb würde zig Milliarden kosten

    Und dann ist da natürlich auch noch der Preis. Hier ist nicht nur die Rede von dem Preis für nachfolgende Generationen (Stichwort Atommüll), sondern auch vom tatsächlichen monetären Preis für einen Weiterbetrieb dieser Kraftwerke. Der würde zig Milliarden kosten. Die Versicherung für jedweden nuklearen Unfall müsste der Staat tragen, die Betreiber werden es sicherlich nicht tun. Und das ist bei Weitem nicht das einzige Problem.

    Statt sich immer und immer wieder mit einer Geisterdebatte aufzuhalten, müssen jetzt viel drängendere Probleme in Angriff genommen werden: Kohlekraftwerke müssen wieder ans Netz, Wind und Solar müssen mit Hochgeschwindigkeit ausgebaut werden, und das Stromnetz muss verstärkt werden. 

    Unzählige Anlagen für erneuerbare Energien stehen einsatzbereit auf Dächern und Feldern – dabei könnten sie schon längst Strom liefern, würde es nicht an den Genehmigungen fehlen. Darüber diskutiert in der Politik seltsamerweise kaum jemand so energisch.

    Erstpublikation: 22.06.2022 um 04:00 Uhr

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