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21.01.2022

10:00

Die neue Generation des Wasserstoff-Autos hat deutlich weniger Ecken und Kanten.

Aerodynamischer

Die neue Generation des Wasserstoff-Autos hat deutlich weniger Ecken und Kanten.

Brennstoffzelle

Weiter mit Wasserstoff – der Toyota Mirai II im Handelsblatt-Autotest

Von: Hannah Steinharter

Der Toyota Mirai II ist angetreten, um das Wasserstoffauto massentauglicher zu machen. So schlägt sich das Brennstoffzellenauto im Alltagstest.

Düsseldorf Der Tankwart schüttelt belustigt den Kopf. Eine Wasserstofftankstelle? Hier? Auf der Suche nach Treibstoff hat das Navigationssystem meines Toyota Mirai II mich genau an eine Aral-Tankstelle in Bochum geführt. Nur Wasserstoff tanken kann ich hier nicht. Konnte man wohl auch noch nie hier.

Die Suche nach einer Tankstelle für mein Testauto gestaltet sich schwierig: Erst über Google Maps finde ich einen Standort in der Nähe. Die Anzahl der Wasserstofftankstellen ist deutschlandweit mit 92 Standorten zwar noch überschaubar. Doch davon sind immerhin vier im Großraum Ruhrgebiet: Dortmund, Essen, Herten und Mülheim. Ich wähle die kürzeste Entfernung, 21 Kilometer, Fahrtzeit außerhalb der Rushhour: 25 Minuten. Tanken war mal einfacher.

Wer eins der wenigen Wasserstoffautos, die in Deutschland verkauft werden, fahren möchte, braucht Pfadfinderqualitäten – das lerne ich schnell im Test. Zwei Wochen fahre ich den Mirai II, wie der Typenname suggeriert, die zweite Generation des serienreifen Brennstoffautos aus Japan.

Der Mirai verspricht, was viele Elektroautos kaum können: eine hohe Reichweite bei kurzer Tankzeit – und trotzdem weitgehend emissionsfreie Mobilität. Aus dem Auspuff kommt statt Feinstaub und Stickoxid nur Wasser. Der Japaner wird anders als batteriebetriebene Fahrzeuge nicht per Stromkabel geladen, sondern erzeugt seine Energie mithilfe einer Brennstoffzelle, die den geladenen Wasserstoff zu Strom und Wasser umwandelt, selbst. Das ist nicht so energieeffizient in der Umwandlung, hat aber eben den Tankvorteil.

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Standort erkennen

    Als der erste Mirai im Jahr 2015 seine Premiere feierte, war das eine kleine Sensation. Denn auf ein serienreifes Wasserstoffauto mit Brennstoffzelle schien die Welt gewartet zu haben. Der Name, der übersetzt „Zukunft“ bedeutete, wurde nicht umsonst gewählt. Für Toyota war das Modell ein Imageträger – während andere auf batteriebetriebene Elektroautos setzten, ging man einen eigenen Weg.

    In wenigen Minuten hat der Mirai seinen Tank für 5,6 Kilo Wasserstoff gefüllt.

    Schnell wieder voll

    In wenigen Minuten hat der Mirai seinen Tank für 5,6 Kilo Wasserstoff gefüllt.

    Keine Abgase, nur Wasser. Der Mirai fährt rein elektrisch mit seiner Brennstoffzelle.

    Dynamisches Heck

    Keine Abgase, nur Wasser. Der Mirai fährt rein elektrisch mit seiner Brennstoffzelle.

    In den Verkaufszahlen schlug sich das aber niemals nieder. Nur wenige Hundert Mal wurde das Auto in Deutschland zugelassen – das schafft der Golf in einer schlechten Woche. Die geringe Zahl der Wasserstofftankstellen und der hohe Preis wirkten auf viele Kunden abschreckend.

    Während batteriebetriebene Elektroautos mittlerweile rund 14 Prozent der deutschen Neuzulassungen ausmachen, sind Wasserstoffautos in der Zulassungsstatistik bestenfalls eine Randnotiz.

    Dabei kommt der Mirai II mit seinem Einstiegspreis von 63.900 Euro erstmals auch in den Genuss einer staatlichen Kaufprämie von 7500 Euro. Wer allerdings die höheren Ausstattungslinien „Advanced“ (ab 73.900 Euro) oder „Executive“ ohne Panoramadach, Head-up-Display oder Sitzheizung (ab 66.900 Euro) bestellt, muss darauf verzichten.

    Die Neuauflage soll das sehr futuristische Modell alltagstauglicher machen, verspricht der Hersteller. Zur Premiere hatte man sich weltweit das ambitionierte Absatzziel von 30.000 Autos gesetzt. Dafür wurde vor allem die Optik deutlich überarbeitet.

    Vor der lieblos besprayten Graffitiwand in einer Straße im Ruhrgebiet fällt der metallicblaue Riese sehr auf. Zwischen in die Jahre gekommenen Familienkutschen und zugemüllten Kleinwagen wirkt der Toyota Mirai II fast schon ein bisschen fremd.

    Nachbarn drehen sich um und riskieren einen zweiten Blick, wenn sie vorbeispazieren. Selbst der selbstbewusste Hummer-Fahrer blickt dem Auto hinterher, als ich um die Ecke fahre, und Freunde drehen ein Video für Instagram von meinem Testwagen. Man sieht schließlich nicht alle Tage ein wasserstoffbetriebenes Schlachtschiff.

    Mit fast fünf Metern Länge ist der Mirai kein Auto für jede Parklücke.

    Lang gebaut

    Mit fast fünf Metern Länge ist der Mirai kein Auto für jede Parklücke.

    Der Wasserstoff wird flüssig bei 700 Bar gespeichert.

    Unter Druck

    Der Wasserstoff wird flüssig bei 700 Bar gespeichert.

    Mit seiner Länge von 4,97 Metern, der metallicblauen Lackierung und den 20-Zoll-Leichtmetall-Felgen hat der neue Mirai nicht mehr so viele Ecken und Kanten wie sein Vorgänger. Er erinnert eher an eine sportliche Limousine als an einen Prius.

    „Von außen ist das Auto eine absolute Macht“, erklärt mir ein Freund, der eigentlich nichts von Elektroautos hält, dafür aber eine Vorliebe für sportliche Wagen hat. „Die 20er-Felgen sind der absolute Wahnsinn.“ Ich muss ihm recht geben, der Mirai macht was her.

    Meine Nachbarn beäugen aus sicherer Entfernung so ziemlich jeden meiner verzweifelten Parkversuche und registrieren pikiert, dass der Wagen für alle Parkboxen eine Nummer zu groß ist. Das hat den Vorteil, dass ich den Mirai auf Parkplätzen immer schnell wiederfinde – und den Nachteil, dass ich so ziemlich jedes Mal heilfroh bin, das Ausparken ohne Schäden zu überstehen.

    Beim Fahrgefühl weiß der Mirai zu überzeugen. Der 2,1 Tonnen schwere Wagen schwebt förmlich über die Straßen, nahezu lautlos wie man es von Elektroautos gewöhnt ist. Bei Vollgas beschleunigt der Mirai von 0 auf 100 in 9,2 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 175 Stundenkilometern. Den Sportmodus brauche ich nur selten. Mit seinen 1900 Kilo ist der Mirai zwar kein Leichtgewicht, aber immerhin deutlich leichter als ein Tesla Model S oder ein Mercedes EQS. Eine schwere Batterie hat er schließlich nicht an Bord.

    Mit 5,6 Kilogramm kann der neue Mirai mehr Wasserstoff aufnehmen als sein Vorgänger. Der wird in Karbontanks gespeichert, die einem Druck von 700 Bar standhalten müssen. Der Hersteller verspricht damit eine Reichweite von bis zu 650 Kilometern. Davon können viele batteriebetriebene Elektroautos nur träumen.

    Auf 100 Kilometer verbraucht der Mirai etwa 800 Gramm Wasserstoff, an der Tankstelle des Gaseproduzenten Linde kostet das Kilo etwa 9,50 Euro. Damit ist der Mirai etwas günstiger unterwegs als Diesel- und Benzinautos der gleichen Klasse. Wie grün er ist, hängt allerdings davon ab, ob der Wasserstoff mit erneuerbaren Energien produziert wurde. Was mich überzeugt: Anders als bei vielen Elektroautos schwankt die angegebene Reichweite selbst bei kalten Temperaturen kaum. Auf den Mirai ist Verlass.

    Auch im Inneren müssen Mirai-Käufer keine Abstriche machen. Qualitativ kann Toyotas Wasserstoffauto mit großen Limousinen der Konkurrenz mithalten. Die Mischung aus Aluminium und schwarzen, glatten Oberflächen wirkt hochwertig, ist allerdings auch anfällig für Fingerabdrücke.

    Das Multimediasystem im Mirai ist leider etwas kleinteilig.

    Unübersichtlich

    Das Multimediasystem im Mirai ist leider etwas kleinteilig.

    Der Stauraum ist im Mirai trotz seiner beachtlichen Länge begrenzt.

    Kaum Kofferraum

    Der Stauraum ist im Mirai trotz seiner beachtlichen Länge begrenzt.

    Als Fahrerin habe ich genug Platz und kann mir über das digitale Cockpit, ein Head-up-Display und das 12,3-Zoll Display sämtliche Informationen zur Fahrt, meiner Umgebung und der Brennstoffzelle anzeigen lassen. Nebenbei wärmt das Lenkrad meine Hände, die Fahrassistenten halten mich in der Spur, und an der Ampel ist ein Blick durchs Panoramafenster drin.

    Allein beim Stauraum hat der Mirai seine Schwächen: Der Kofferraum fällt mit 321 Litern für ein Auto dieser Länge kleiner aus.

    Verzweifeln lässt mich auch die Menüstruktur des Bordcomputers. Als Fahrerin ist es fast unmöglich, nebenbei die Temperatur zu regulieren oder von Radio auf Smartphone-Wiedergabe umzustellen, da die Bedienung über das Display nicht besonders intuitiv und sehr kleinteilig ist. Auch meine Beifahrerin klickt sich mehrere Minuten lang durch das Menü, verirrt sich im Chaos und findet mehr durch Zufall die richtige Einstellungsseite. Das geht definitiv besser!

    Das gilt auch für die Suche nach Tankstellen. Dass meine Suche ausgerechnet an einer Aral-Tankstelle in Bochum endete, hat der Mirai mitverschuldet. Denn obwohl er nur Wasserstoff tankt, zeigt das Navi sämtliche verfügbaren Tankstellen an. Für ein Auto, das aktuell nur selten zugelassen wird, hat der Hersteller sein System nicht angepasst. Er empfiehlt, nicht die herstellereigene Navigation zu nutzen, sondern per Android Auto die offizielle Karte der H2-Mobility auf das Navigationssystem zu spiegeln.

    Leider kann sich die Suche nach einer Wasserstofftanke schon mal hinziehen.

    Defekte Tanke

    Leider kann sich die Suche nach einer Wasserstofftanke schon mal hinziehen.

    Wer darüber eine der Wasserstofftanken gefunden hat, kommt eigentlich schnell zurecht: Während ich die Piktogramme an der Tanksäule studiere, beobachten die interessierten Lkw-Fahrer nebenan meinen Tankversuch. Ich will gerade den Wagen anschließen, da bemerke ich, dass ein Tankstutzen defekt ist. Glücklicherweise hat die Säule allerdings noch einen anderen Anschluss, einen weiteren Umweg hätte mein Tank auch nicht mehr mitgemacht.

    Der Tankvorgang selbst ist dann erstaunlich simpel. Nach acht Minuten ist der Tank voll, ich stöpsle den Wagen ab und kann weiterfahren. Eine angenehme Abwechslung zum Stromtanken, was bei den Säulen in meiner fußläufigen Umgebung mitunter schon mal bis zu acht Stunden dauern kann.

    Mit seinem Komfort und seiner Verlässlichkeit ist auch der Mirai eben ein typischer Toyota. Dass er kaum gekauft wird, dürfte vor allem an der geringen Zahl der Tankstellen liegen. Nicht umsonst hat auch Toyota den Alleingang beim Wasserstoff mittlerweile aufgegeben. In den kommenden Jahren will der Konzern mehr batteriebetriebene Elektroautos bauen.

    Technische Daten

    Fünfsitzige, viertürige Limousine der Oberklasse

    • Länge: 4,98 Meter
    • Breite: 1,86 Meter
    • Höhe: 1,47 Meter
    • Radstand: 2,92 Meter
    • Kofferraumvolumen: 321 Liter
    • Leergewicht: 1.900 kg
    • PSM-Elektromotor
    • Hinterradantrieb
    • Eingang-Getriebe
    • 134 kW/182 PS
    • max. Drehmoment 300 Nm
    • Reichweite: ca. 650 km
    • H2-Tank: 142,2 l/5,6 kg
    • Leistung Brennstoffzelle: 128 kW/174 PS
    • Lithium-Ionen-Akku: 4 Ah, 310,8 V
    • null bis 100 km/h in 9,2 Sek.
    • Vmax: 175 km/h
    • Preis: ab 63.900 Euro

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