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25.01.2022

11:49

Elektromobilität

Amerika im E-Pick-up-Fieber: Die Elektro-Monster kommen

Von: Felix Holtermann

Sie sind riesig. Sie sind schwer. Und sie schützen vor einem Blackout: Pick-up-Trucks auf Elektrobasis erobern die USA. Die deutschen Hersteller verpassen den Trend.

Der Elektro-Pickup Ford Lightning ist das Highlight der Branchenmesse. Polaris/laif

Blickfang auf der Washington Auto Show

Der Elektro-Pickup Ford Lightning ist das Highlight der Branchenmesse.

New York Das Monster ist gelandet und zieht alle Blicke auf sich. „Nicht anfassen!“, ruft Andre Welch vom Ford-Stand. „Runter von der Plattform!“ Betreten verboten, aber nicht alle Messebesucher halten sich daran. Sie wollen einsteigen, Fotos machen: von der Zukunftshoffnung der US-Autoindustrie.

Die Rede ist vom Ford F-150 Lightning. Knapp sechs Meter lang, zwei Meter hoch, über drei Tonnen schwer steht er auf einem blau funkelnden Podest. Riesige Ladefläche, Platz für fünf Personen. Startpreis: knapp 40.000 Dollar.

„Wir haben 200.000 Reservierungen erhalten“, erklärt Welch. „Der Lightning ist stark, groß und bezahlbar.“ Und verändere das Mindset des Käufers: „Wer dachte, Elektroautos sind nichts für mich, ändert nach einer Fahrt mit dem Lightning seine Meinung.“

100 Millionen Dollar hat Ford nach eigenen Angaben in die Entwicklung investiert. Viel Geld floss in die Energiezellen: 480 Kilometer Reichweite hat der Lightning in der teuersten Ausführung. Die 131-Kilowatt-Batterie kann ein Einfamilienhaus bis zu drei Tage lang mit Elektrizität versorgen. „Beim nächsten Stromausfall muss niemand im Dunkeln sitzen“, jubelt Welsh.

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    Der F-150 ist Kult – und mit 800.000 Einheiten im Jahr das meistverkaufte Auto Amerikas. Ford geht ein großes Risiko ein, ausgerechnet diesen Gewinnbringer elektrisch neu zu erfinden. Doch der Mut scheint sich auszuzahlen.

    Geliebte Trucks

    Der Lightning ist nicht das einzige Elektromonster auf der Washington Auto Show. Auf der Branchenmesse, die am Freitag in der US-Hauptstadt gestartet ist, ziehen andere Hersteller nach. Der Stand von General Motors zeigt stolz das eigene Flaggschiff, den Chevrolet Silverado EV. Auch hier gilt: „Anfassen verboten!“, wie Tony Fotiu von GM mahnt.

    Der Chevrolet Silverado ist GMs Antwort auf den Ford Lightning. via REUTERS

    5,8 Tonnen Ladegewicht

    Der Chevrolet Silverado ist GMs Antwort auf den Ford Lightning.

    Der Silverado ist ab 2023 erhältlich. Startpreis: 39.950 Dollar. Er soll bis zu 640 Kilometer Reichweite haben und hat ein Ladegewicht von 5,8 Tonnen. Seit dem 5. Januar kann er vorbestellt werden. Die Orderzahl ist noch geheim, geht aber bereits in die Tausende, heißt es bei GM.

    Auch wenn der Rivale Ford schon weiter sei („Was fehlt, sind die Batteriedetails“): Die Autoexperten vom US-Beratungshaus Evercore blicken bereits mit „starken Erwartungen“ auf den Silverado, wie sie in einer aktuellen Analyse schreiben.

    Die Liebe der Amerikaner zu Pick-up-Trucks – aus europäischer Sicht mutet sie kurios an. Doch in den USA, einem Land mit breiten Straßen und großen Parkplätzen, dessen Einwohner häufig umziehen, zählen sie seit Jahrzehnten zu den beliebtesten Autos. Mehr als 20 Prozent der verkauften Neuwagen sind Pick-ups, ihr Anteil liegt doppelt so hoch wie jener der SUVs. Für die Autobauer sind die Trucks Cashcows.

    Pick-ups gelten als Massenware, als Autos für Landbewohner und Handwerker. Dass ausgerechnet sie nun elektrisch fahren sollen, damit hätte vor Kurzem wohl niemand gerechnet.

    Der typische Pick-up-Käufer ist konservativ und für E-Autos noch weniger zu begeistern als für Avocado-Toasts, so lautet ein gängiges Vorurteil. Doch der Erfolg des 2021 vorgestellten Ford Lightning, der ab diesem Frühjahr ausgeliefert werden soll, und der Hype um GMs Gegenentwurf Silverado beweisen das Gegenteil.

    Der US-Präsident fährt 2021 eine Vorabversion der Elektrohoffnung Probe. AP

    Joe Biden im Ford F-150 Lightning

    Der US-Präsident fährt 2021 eine Vorabversion der Elektrohoffnung Probe.

    Das bestätigte jüngst auch Giovanni Palazzo, Chef des Ladesäulenanbieters Electrify America, den VW als Strafe für den Dieselskandal gründen musste. Bisher ist Electrify America in 46 Staaten präsent. „Wir bauen jetzt sogar in Wyoming Ladestationen. Das war bisher absolutes Pick-up-Country“, berichtet Palazzo. „Aber seit es jetzt etwa auch den F-150 Pick-up von Ford als E-Modell geben wird, werden sich E-Autos auch dort durchsetzen“, ist er überzeugt.

    „Wir bei Ford denken, Elektroautos sollten die Masse ansprechen und keine exotischen Autos aus der Zukunft sein“, sagt Melissa Miller, Public-Policy-Beauftragte des Herstellers. „Daher fangen wir mit der Elektrisierung unserer populärsten Modelle an: des F-150 und des Mustangs.“ Der Mustang gilt als Inbegriff des amerikanischen Mittelklasse-Sportwagens. „Der ganze Konzern hat umgedacht, angefangen beim CEO“, so Miller. An der Börse kommt der neue Kurs an: Die Ford-Aktie liegt auf einem 20-Jahres-Hoch.

    Verschiebung bei Tesla

    Der Schwenk der US-Autobauer hin zur E-Mobilität ist längst kein Lippenbekenntnis mehr, zeigt die Washington Auto Show. Und Experten halten die neue Strategie für goldrichtig.

    „Ford und GM elektrifizieren das Lieblingsvehikel der Amerikaner. Und die sind begeistert“, sagt etwa Christian Koenig. Der Autoexperte hat für Porsche North America gearbeitet und führt in Atlanta eine Beratung für E-Mobilität. „Die Hersteller überzeugen mit den Fähigkeiten der E-Pick-ups Neu- wie Altkunden.“ So könnten die Autos am Stromnetz geladen werden, aber genauso einfach Energie auch wieder abgeben: „Die Trucks sind voll mit Steckdosen, an denen Handwerker und Camper ihre Geräte laden können. Das kommt an.“

    Und noch ein weiterer Punkt überzeuge selbst Skeptiker, so Koenig: der Fahrspaß. Der Elektro-Pick-up R1T des Herstellers Rivian etwa beschleunige in drei Sekunden von 0 auf 100. „Der ist so schnell wie ein Porsche – und das als Truck!“

    Der Cybertruck sollte Teslas Einstieg in den Pickup-Markt markieren, kommt aber kaum vom Fleck. Reuters

    Wiederholt verschoben

    Der Cybertruck sollte Teslas Einstieg in den Pickup-Markt markieren, kommt aber kaum vom Fleck.

    Rivian gilt als Tesla-Rivale und schlägt dem E-Auto-Pionier gerade ein Schnippchen. Der Rivian-Pick-up R1T ist hübsch gestaltet und wird bereits seit September 2021 ausgeliefert. Ganz anders die Lage bei Tesla: Das Schicksal des mit viel Tamtam angekündigten Cybertrucks ist völlig offen.

    Tesla-Chef Elon Musk hatte den futuristischen Pick-up 2019 vorgestellt. Im Gegensatz zu seinen gefälliger gestalteten Konkurrenten R1T, Lightning und Silverado tritt der Cybertruck kantig und unerbittlich auf. Mancher Designexperte fühlte sich an ein Fahrzeug aus einer dystopischen Zukunft erinnert.

    Doch problematischer als die Geschmacksfrage ist der gerissene Zeitplan: 2021 sollte der Cybertruck ursprünglich in Produktion gehen. Dann war von 2022 die Rede. Nun dürfte es 2023 werden, Tesla hat das Datum gleich ganz von der Homepage gestrichen. Eine Niederlage im Run auf den E-Pick-up-Markt.

    Deutsche Trucks? Fehlanzeige

    Und die deutschen Hersteller? Bei der Washington Auto Show fehlen ihre Zukunftsmodelle gleich ganz. Im wichtigen Pick-up-Segment fallen sie seit Jahren aus, sagt Autoexperte Koenig. „Daimler, BMW und VW bieten keinen Pick-up an.“

    Dieses Marktsegment wird schon seit Langem von anderen besetzt, erklärt Koenig. „Andere ausländische Hersteller wie Toyota und Mitsubishi haben viele Trucks im Angebot. Ihre elektrischen Modelle dürften nicht mehr lange auf sich warten lassen.“ Erst im Dezember hatte Toyota einen E-Pick-up in Aussicht gestellt. Und in Washington enthüllten die Japaner immerhin ihren neuen Elektro-SUV: Der BZ4X soll ab dem Sommer ausgeliefert werden.

    „Der Trend zur E-Mobilität nimmt in den USA an Fahrt auf. Die deutschen Hersteller müssen Gas geben“, sagt Koenig. Die ersten Elektromodelle deutscher Produzenten könnten bei Reichweite, Software und drahtlosen Updates technisch nicht mit dem Pionier Tesla mithalten. „Der Abstand wird in der amerikanischen Presse genau registriert und kommentiert.“ VW will 2023 immerhin seinen Kulttransporter, den Bulli, als ID Buzz elektrisch neu auflegen.

    Folgt ein E-Pick-up? Scott Keogh, Chef der Volkswagen Group of America, hält sich auf Nachfrage bedeckt: Man wolle „Elektroautos für jedermann“ bauen, sagt er. Auch Pick-ups? „Wir schauen uns das an. Stand heute haben wir nichts anzukündigen.“

    Die Zeit drängt. Knapp 110 Millionen Pkws sind auf amerikanischen Straßen unterwegs. Färbt der Erfolg der E-Pick-ups ab, könnten die USA zum globalen Leitmarkt für elektrische Antriebe werden. Washington schreitet voran. „Ab 2026 wird die Bundesregierung nur noch elektrische Autos anschaffen“, verkündete die nationale Klimaberaterin von Präsident Biden, Gina McCarthy, bei der Eröffnung der Messe. Es geht um 600.000 Autos. „Die Mobilität der Zukunft ist elektrisch.“

    Nicht überall ist diese Botschaft angekommen. In einer Ecke der Washington Auto Show stellt Stellantis, der frühere Fiat-Chrysler-Konzern, seine Pick-ups aus. Es riecht nach Öl und Plastik. Der RAM 3500 ist der größte Truck der Hausmarke. Auf 100 Kilometern schluckt der schwarze Diesel 17 Liter. Im CO2-Ranking der US-Umweltbehörde nimmt er den letzten Platz ein: „D“.

    Hier wäre Anfassen erlaubt, die Türen des RAM 3500 stehen offen. Allein, an seinem Stand herrscht gähnende Leere.

    Mitarbeit: Katharina Kort

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