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03.02.2022

17:54

Elektromobilität

Die Feuerwehr als E-Mobil: „Das Projekt bleibt ein großes Wagnis“

Von: Daniel Imwinkelried

Weltmarktführer Rosenbauer hat ein Löschfahrzeug mit Elektrobatterie lanciert. Doch das ist teuer. Feuerwehren sind begeistert – manche Politiker sehen das anders.

In dem Elektro-Löschfahrzeug ist ein Dieselmotor nur noch zur Notfall-Reichweitenverlängerer verbaut. Rosenbauer

„Revolutionary Technology“

In dem Elektro-Löschfahrzeug ist ein Dieselmotor nur noch zur Notfall-Reichweitenverlängerer verbaut.

Linz Die Ökologie ist heutzutage ein schlagkräftiges Verkaufsargument, aber auch eines mit Tücken. Das erfährt gerade das österreichische Familienunternehmen Rosenbauer, das mit seiner neuesten Innovation einen Nerv der Zeit getroffen hat. 

Der Weltmarktführer für fast sämtliche Produkte und Dienstleistungen, die beim Feuerlöschen helfen, hat vor Kurzem ein komplett elektrisch betriebenes Löschfahrzeug namens RT („Revolutionary Technology“) lanciert. Bisher sind diese Gefährte ausschließlich mit einem Dieselmotor betrieben worden. Beim RT kommen dieser nur noch als Reichweitenverlängerer zum Einsatz.

Die Crux an der Sache: Der Preis des völlig neuartigen Fahrzeugs hat es in sich. Rund eine Million Euro kostet der RT; herkömmliche Löschfahrzeuge sind für die Hälfte des Preises oder gar noch günstiger zu haben. Darf Umweltschutz die Steuerzahler so viel kosten, zumal der Klimaeffekt beschränkt ist?

Feuerwehren und Exekutivpolitiker sind vom Fahrzeug begeistert. Das ist wenig erstaunlich, denn E-Mobilität ist eines der großen Themen der Zeit. Das gilt auch für Berlin, wo der RT seit rund einem Jahr getestet wird. Als das Fahrzeug dort im Herbst 2020 gleichsam als Premiere präsentiert wurde, sagte der damalige Innensenator Andreas Geisel, die Feuerwehr der Stadt werde ein „Stück klima- und umweltfreundlicher“.

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    Die Feuerwehr des Schweizer Kantons Basel-Stadt hat aus diesem Grund sogar vier E-Löschfahrzeuge bestellt. Man wolle eine Vorbildfunktion einnehmen, begründete die Regierung den Kauf. Rosenbauer ist ferner mit drei weiteren Städten ins Geschäft gekommen: Los Angeles, Dubai und Amsterdam haben sich ebenfalls für den RT entschieden.

    Viel Geld floss in die Entwicklung

    Für Dieter Siegel, Chef und Miteigentümer des Unternehmens, bedeutet das eine gewisse Erleichterung. Schließlich hat die Firma Rosenbauer, die pro Jahr rund eine Milliarde Euro Umsatz erzielt, seit 2012 viel Geld in die Entwicklung des RT gesteckt. „Das Projekt bleibt ein großes Wagnis“, sagt der Unternehmer, dessen Familie 51 Prozent am in Wien kotierten Weltmarktführer besitzt. „Das Konzept muss sich erst durchsetzen.“

    Dass sich das aber noch als Spießrutenlauf herausstellen könnte, zeigt der Blick in die Schweiz: Kenner attestieren Rosenbauer zwar, dass das neu konzipierte Fahrzeug eine kleine Revolution im Löschwesen darstelle. Der hohe Preis und das Kosten-Nutzen-Verhältnis des RT könnten allerdings noch manche hitzige Diskussion auslösen – wie im Kanton Zürich soeben geschehen.

    Winterthur, die sechstgrößte Stadt der Schweiz und wie Berlin rot-grün regiert, will ebenfalls einen RT beschaffen. Bis ins Jahr 2028 soll der gesamte Wagenpark der Stadt fossilfrei unterwegs sein, auch jener der Feuerwehr. „Heute müssen sich Kommunalregierungen fast rechtfertigen, wenn sie bei Fahrzeugbeschaffungen nicht auf E-Mobilität setzen“, sagt Siegel. In dieser Frage habe sich das Blatt gewendet.

    Bei gewissen Winterthurer Politikern stößt das Vorhaben trotzdem auf Widerstand. Der Preis und der ökologische Nutzen stünden in einem Missverhältnis, lautet die Kritik. „Wenn die Stadt schon Geld für Klimamaßnahmen ausgibt, dann sollte sie es wenigsten dort tun, wo es am meisten bringt“, sagt Urs Bänziger, Stadtparlamentarier und Mitglied der FDP.

    Er wägt folgendermaßen ab: Ein Löschfahrzeug steht einen Großteil des Jahres in der Garage, gleichzeitig entsteht bei der Herstellung der Batterie viel CO2. Ein E-Fahrzeug ist daher desto umweltfreundlicher, je öfter es im Einsatz ist.

    Basel kennt die Diskussion von der Anschaffung von Teslas

    Diese Diskussion erinnert an eine ähnliche Debatte, die 2018 in Basel geführt wurde. In jenem Jahr beschaffte die Stadt für die Polizei sieben Pikettfahrzeuge der Marke Tesla. Auch damals entstand eine Diskussion darüber, ob der Preis dieser E-Fahrzeuge nicht zu hoch sei und das Geld aus ökologischer Sicht wirklich effektiv eingesetzt werde.

    Bei Rosenbauer ist man auf solche Argumente vorbereitet. Gewisse Widersprüche sind schließlich offensichtlich. So erzeugt ein Brand in der Regel mehr Schadstoffe als ein Dieselfahrzeug, das zu einem solchen Einsatz braust. Welchen ökologischen Nutzen stiftet es also, mit einem elektrisch betriebenen und erst noch teuren Gefährt zu löschen?

    Bei Rosenbauer versteift man sich nicht auf das ökologische Argument und bemüht sich stattdessen, weitere Vorzüge des RT aufzuzeigen: So verursache ein Dieselfahrzeug viel Lärm, was nicht nur die Feuerwehr beim Arbeiten behindere, sondern auch die Anwohner störe.

    Rosenbauer

    RT

    Besonders stolz ist man bei Rosenbauer auf die grundlegende Neugestaltung des Fahrzeugs. Ein elektrischer Antrieb benötigt weniger Platz als ein Dieselmotor. Dadurch lässt sich das Fahrzeug absenken, was der Feuerwehr den Einsatz erleichtert. Und schließlich verfügt der RT über eine Hinterradlenkung. Der Wendekreis beträgt 12 Meter, Lastwagen benötigen sonst 18 Meter. „Dadurch kann der RT in der Stadt gut manövriert werden“, sagt Siegel.

    Noch nie mit leerem Akku liegen geblieben

    Berlins Regierung hat noch nicht entschieden, ob diese Argumente für eine kostspielige Beschaffung ausreichen. Bewährt hat sich das Fahrzeug im Testbetrieb zwar. „Es ist noch nie mit leerem Akku liegen geblieben“, sagt Sprecher Tino Brabetz. Solche und andere Erkenntnisse hat man auch den Baseler Kollegen mitgeteilt, als diese der Berliner Feuerwehr einen Besuch abstatteten. Sichtlich stolz sprachen die Vertreter der beiden Organisationen über die „visionäre Mobilität“, die man mit dem RT verfolge.

    Berlins Regierung hat allerdings gut reden, denn der Testbetrieb wird teilweise von der EU finanziert. Die nicht besonders kapitalkräftige Hauptstadt erhielt Geld aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung. Für Berlin seien die Kosten bisher „überschaubar“ gewesen, sagt Sprecher Brabetz. Falls sich die Stadt für den Kauf entscheidet, sähe das wohl anders aus. Es sei denn, es gelingt erneut, Fördergelder der EU anzuzapfen.

    Für Rosenbauer wäre eine Bestellung aus Berlin ein willkommenes Signal. Denn die dortige Berufsfeuerwehr zählt zu den größten Europas, für die Österreicher wäre es also ein Prestigeauftrag.

    Noch läuft die Produktion des RT erst langsam an. In den ersten vier Jahren will das Unternehmen laut Siegel 400 Fahrzeuge herstellen. Danach ist ein jährlicher Ausstoß von 200 Fahrzeugen das Ziel.

    In der Fabrik bei Linz schraubten die Angestellten Ende Januar gerade einen RT für die Feuerwehr Los Angeles zusammen. Zwei bis drei Monate dauert es, bis das Fahrzeug fertig montiert ist. Nicht alle Feuerwehren können sich ein Luxusgefährt wie den RT leisten. Rosenbauer bedient auch diese Kunden. Neben dem RT steht in der Produktionshalle ein herkömmliches Löschfahrzeug, das in den Irak exportiert wird.

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