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27.01.2022

05:34

Elektropionier

Tesla legt Rekordzahlen vor – und verzichtet auf neue Modelle

Von: Felix Holtermann

PremiumKonzernchef Elon Musk setzt auf den Autopiloten und einen schnellen Produktionsstart in Grünheide. Der Gewinn klettert trotz Chipkrise auf 5,5 Milliarden Dollar. Doch es gibt vier Herausforderungen.

Das Massenmodell von Tesla wurde 2021 deutlich häufiger gebaut und verkauft. imago images/ZUMA Wire

Tesla Model 3

Das Massenmodell von Tesla wurde 2021 deutlich häufiger gebaut und verkauft.

Austin/New York Normalerweise stellt Teslas Finanzvorstand die Zahlen vor. Doch am Mittwochabend erschien der Chef persönlich: Elon Musk führte durch die Telefonkonferenz zum Jahresergebnis 2021. Tesla-Fans, die auf die Ankündigung eines neuen Modells gehofft hatten, wurden enttäuscht: Bahnbrechende News hatte Musk nicht zu verkünden. Dafür hervorragende Zahlen.

Trotz der globalen Chipkrise und Lieferkettenproblemen hat der US-Autobauer 2021 so viel verdient wie noch nie. Der Konzern verbuchte im abgelaufenen Jahr einen Nettogewinn von 5,5 Milliarden Dollar (4,9 Milliarden Euro) – und damit 665 Prozent mehr als im Vorjahr.

Die Gesamtumsätze stiegen um 71 Prozent auf 53,8 Milliarden Dollar. Fast 88 Prozent davon stammten aus dem Auto-Kerngeschäft. Endgültig vorbei sind die Zeiten, in denen Tesla vor allem mit dem Verkauf von Verschmutzungsrechten Geld einnahm.

Musk nannte 2021 daher das „Jahr des Durchbruchs für Tesla“: „Niemand sollte mehr an der Profitabilität von Elektroautos zweifeln.“ Ihre Gewinnmarge liege über denen von Verbrennerfahrzeugen.

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    Tesla hatte 2020 den ersten Jahresgewinn seit der Gründung 2003 geschrieben. Umso stolzer informierte der Konzernchef am Donnerstag seine Investoren darüber, dass der Gewinn 2021 den aufsummierten Gesamtverlust aller vergangenen Jahre wettgemacht habe. „2021 war fantastisch“, so Musk.

    Im nachbörslichen Handel ging es für die Aktie zunächst abwärts, zuletzt notierte sie fast unverändert. Die guten Zahlen waren offenbar bereits eingepreist: Auch wenn die Analysten im Schnitt für das vierte Quartal einen noch höheren Gewinn erwartet hatten, übertraf der Umsatz die Schätzungen.

    Grafik

    Geht es 2022 für Tesla so weiter? Im Frage-und-Antwort-Teil der Telefonkonferenz ging es vor allem um vier Herausforderungen, deren Bewältigung den weiteren Erfolg bestimmen dürfte.

    1. Die Lieferkettenprobleme

    „Tesla hat alles getan, um die Anleger zu beeindrucken, bis hin zur Teilnahme von Vorstandschef Elon Musk an der Investorenkonferenz“, schrieb Laura Hoy, Analystin beim Vermögensverwalter Hargreaves Lansdown. Doch die Umsatzexplosion sei angesichts der 308.000 ausgelieferten Fahrzeuge im vierten Quartal erwartet worden. Und: „Der Konzern reihte sich in die wachsende Zahl von Unternehmen ein, die Lieferkettenprobleme als Hindernis benennen.“

    „Wir hatten mit Lieferkettenschwierigkeiten und geschlossenen Fabriken zu kämpfen“, sagte Finanzvorstand Zach Kirkhorn. Zusammen mit einem Arbeitskräftemangel habe das dazu geführt, dass die Fabriken 2021 unterhalb ihrer Kapazität geblieben seien.

    Musk warnte vor den Folgen der weltweiten Chipkrise. Zwar versuche man, so schnell wie möglich zu wachsen. Aber: „Die Auswirkungen der Chipkrise werden wir auch dieses Jahr noch spüren. Die Hindernisse dürften erst nächstes Jahr verschwinden.“

    Quartalszahlen

    Tesla verzeichnet trotz Chipkrise Rekordzahlen

    Quartalszahlen: Tesla verzeichnet trotz Chipkrise Rekordzahlen

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    „Die Probleme in der Lieferkette wurden transparent gemacht“, bilanzierte Peter Fintl, Forschungs- und Entwicklungsleiter beim Beratungshaus Capgemini. „Der Vorstand hat deutlich gemacht, dass der limitierende Faktor der Chipmangel ist, nicht ein internes Produktionsproblem bei Batterie oder Fahrzeugen. Das lässt hoffen.“

    2. Die Modellpalette

    Tesla setzt 2022 alle Hoffnungen auf das Model Y, das SUV, das an den neuen Standorten in Austin, Texas, und Grünheide in Brandenburg produziert werden soll. Neue Produkte werden hintangestellt.

    „Das Hauptaugenmerk von Tesla liegt in diesem Jahr auf der Steigerung der Produktion“, erklärte Musk. 2022 werde das Unternehmen die Auslieferungen um 50 Prozent erhöhen, bis 2024 auf über drei Millionen produzierte Fahrzeuge kommen und damit zu den etablierten Herstellern aufschließen. In der Chipkrise hatten sich auch andere Autobauer auf höherpreisige Fahrzeuge konzentriert – mit Erfolg.

    Neuigkeiten zum bereits 2017 angekündigten Lkw, dem Semi-Truck, dem neuen Roadster und zum eigentlich für Ende 2021 erwarteten Cybertruck gab es nicht. Musk: „Wir werden in diesem Jahr keine neuen Fahrzeugmodelle einführen. Das würde keinen Sinn ergeben.“ Neueinführungen brächten einen Rückgang der Gesamtproduktion mit sich. „Es gibt viele neue Technologien im Cybertruck, deren abschließende Entwicklung Zeit braucht“, so Musk.

    Der extravagante Pick-up wurde lange angekündigt, kommt aber auch 2022 nicht. Reuters

    Tesla Cybertruck

    Der extravagante Pick-up wurde lange angekündigt, kommt aber auch 2022 nicht.

    Offensichtlich habe Tesla Probleme, die innovative Technik im Cybertruck bei vertretbaren Kosten in Serie zu bringen, glaubt Autoexperte Fintl: „Das ist heikel.“ Der Cybertruck sei für Tesla „von eminenter Bedeutung. Insbesondere, da die großen Hersteller Ford und GM und Rivale Rivian bereits eigene E-Pick-ups vorgestellt haben.“

    Immerhin: Musk verkündete, Roadster und Cybertruck „hoffentlich“ 2023 in die Produktion zu bringen. Eine Absage erteilte der Tesla-Chef dagegen der von manchem Beobachter erhofften Ankündigung eines Model 2 in VW-Golf-Größe: „Wir arbeiten derzeit nicht an einem 25.000-Dollar-Auto.“ Die Frage danach sei auch „falsch“: „Von überwältigender Wichtigkeit ist die Frage, wann das Auto autonom wird.“

    3. Der Autopilot

    Das autonom fahrende Auto, von Musk „full self-driving car“ genannt, ist so etwas wie der heilige Gral von Tesla. Musk versprach am Mittwochabend, die damit verbundenen Technikprobleme 2022 zu lösen. Derzeit muss ein Mensch hinter dem Steuer sitzen, um bei Bedarf das Lenkrad zu übernehmen.

    „Ich wäre schockiert, wenn wir nicht noch in diesem Jahr die volle Selbstfahrfähigkeit erreichen würden“, sagte Musk. Ein Tesla wäre damit „sicherer unterwegs als mit einem Menschen“ hinterm Steuer. Es ist nicht das erste Mal, dass Musk das verspricht – in den vergangenen Jahren war Tesla an diesem Ziel wiederholt gescheitert.

    Musk stellte klar, dass er den Autopiloten – neben der Software – für das eigentliche Feature hält, das einen Tesla in Zukunft von anderen Elektroautos unterscheiden soll. Für die Besitzer der teuren Autos ergäben sich durch einen „Robotaxi-Modus“ ganz neue Einnahmequellen: Während der Halter im Büro sitzt, könnte das Fahrzeug etwa selbstständig Personen chauffieren.

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    „Es wird eine verrückte Menge an Autos auf den Straßen geben. In Zukunft kann ein selbstfahrendes Auto uns für zwei Dollar zehn Meilen weit transportieren“, so Musk. Das sei ein historischer Schritt – und offenbar aus seiner Sicht ein Grund, sehr viel Geld für einen Tesla zu bezahlen. „Die Anziehungskraft des selbstfahrenden Autos wird völlig unterschätzt.“

    Branchenexperten hingegen sind skeptisch, dass Tesla schon bald die nötige Technik meistert. Der Elektropionier setzt vollständig auf Kameras und verzichtet auf Zweitsysteme zur Straßenüberwachung wie Radar und Lidar – ein Problem bei anstehenden Zulassungsverfahren.

    4. Die neuen Fabriken

    Schneller dürften die Behörden in einer anderen Genehmigungsfrage handeln: der Produktionserlaubnis für die beiden neuen Fabriken in Brandenburg und Texas. Deren Start ist für die Produktionsziele von Tesla zentral.

    2021 sind die Ausgaben bei Tesla um satte 53 Prozent gestiegen, nach eigenen Angaben vor allem, um die neuen Fabriken fertigzustellen. Nach den Lieferschwierigkeiten und den covidbedingten Schließungen will Tesla nun möglichst schnell die Produktion hochfahren. Einen konkreten Starttermin nannte Musk nicht. Beide Fabriken hätten im vierten Quartal mit Testläufen begonnen. In Texas solle „sehr bald“ die Massenfertigung starten. In Brandenburg befindet sich das Genehmigungsverfahren nach Regierungsangaben in den letzten Zügen, nachdem Tesla geforderte Dokumente nachgeliefert hat.

    „Mit den beiden neuen Fabriken in Berlin und Austin ist Tesla in der Lage, zu skalieren und agil zu sein“, schrieb Analystin Alyssa Altman vom US-Beratungshaus Publicis Sapient. Musk kündigte zudem an, neue Fabrikstandorte zu suchen und zum Jahresende zu benennen. Auch forciere man die Herstellung eigener Batterien.

    Der Tesla-Chef hat auch selbst von der guten Entwicklung im Jahr 2021 profitiert: Sein Konzern teilte mit, dass Musk im vierten Quartal 245 Millionen Dollar erhalten habe. Es seien wichtige Kennmarken seines Vergütungspakets erreicht worden.

    Und womit können die Aktionäre rechnen? Der Tesla-Kurs liegt mit rund 937 Dollar unter seinem Rekordhoch von rund 1230 Dollar im November.

    Musk sei überzeugt, den größten Autobauer der Welt zu formen, erklärte Morningstar-Analyst Seth Goldstein am späten Mittwochabend im Wirtschaftssender CNBC. „Ich glaube das nicht. Aber Tesla wird sich sicher in den Top Ten festsetzen.“ Ihr langfristiges Kursziel lasse die große Ratingagentur unverändert, so Goldstein: 700 Dollar.

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