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06.10.2022

15:16

Start-up

25 Minuten vom Flugzeug in die City: Hier sollen bald die ersten Flugtaxis Europas starten

Von: Christian Wermke

Das deutsche Start-up Volocopter darf auf dem ersten „Vertiport“ Europas in Rom testen. 2024 sollen an Italiens größtem Flughafen Lufttaxis mit Passagieren abheben.

Ab 2024 soll es hier kommerzielle Flüge mit Passagieren geben. dpa

Testflug von Volocopter in Rom

Ab 2024 soll es hier kommerzielle Flüge mit Passagieren geben.

Rom Es ist kaum etwas zu hören, als die 18 Elektromotoren anspringen und sich das weiße Gefährt in die Luft hebt. Viel leiser als ein Helikopter schwebt das Lufttaxi in der Nähe von Roms Flughafengelände, dreht ein paar Runden und landet nach fünf Minuten wieder im eingezäunten Betonquadrat, direkt auf einem großen „V“ am Boden. Das „V“ steht für Vertiport, eine extra für vertikale Fluggeräte geschaffene Infrastruktur.

Geflogen sind die Flugtaxis des deutschen Start-ups Volocopter schon auf der ganzen Welt: in Singapur, Helsinki, Seoul oder Stuttgart. Aber hier, am Flughafen Rom, wurde der erste Landeplatz an einem Airport geschaffen. „Das ist ein außergewöhnlicher Meilenstein“, sagt Marco Troncone, Chef des Airportbetreibers Aeroporti di Roma (ADR). Man liege damit komplett im Zeitplan: Bis 2024 will Rom als einer der ersten Flughäfen Europas Flugtaxis in den kommerziellen Betrieb nehmen. Bis dahin hofft man auf alle behördlichen Zulassungen.

In den kommenden Monaten wird hier weiter getestet und experimentiert, der Landeplatz soll auch eine Art Showroom für die Öffentlichkeit sein. Aber: Das Gelände liegt östlich vom Terminal, von hier sind es noch acht Busminuten bis zum Flughafengebäude. Der erste Vertiport direkt am Terminal soll daher schon im kommenden Jahr gebaut werden. Das Ziel: Vom Aussteigen aus dem Flieger bis zum Flugtaxi soll es maximal fünf Minuten dauern.

Diverse Strecken sind in Rom geplant

Die erste Strecke wird ins Zentrum Roms führen, 20 Minuten braucht das Flugtaxi dafür. „Wir suchen jetzt nach Strecken, auf denen der Service Sinn macht und sich zeitlich lohnt“, erklärt Christian Bauer, CCO von Volocopter. Er denkt dabei nicht nur an Routen ins Zentrum, sondern auch an strategische Orte außerhalb, an große Gewerbeflächen, wo täglich viele Geschäftsleute hin- und herpendeln müssen.

„Es ist ein Irrglaube, dass Flugtaxis etwas ersetzen werden. Sie sind ein zusätzliches Mobilitätsangebot.“ Die Anbindung an einen Flughafen, mit all den Sicherheitsauflagen und dem regulären Flugbetrieb nebenan, sei dabei „der schwierigste Use Case“, sagt Bauer.

„Es ist ein Irrglaube, dass Flugtaxis etwas ersetzen werden. Sie sind ein zusätzliches Mobilitätsangebot.“ Christian Bauer, CCO von Volocopter

Zwischen Volocopter und Italien gibt es schon länger eine Verbindung: Die Infrastruktur-Holding Atlantia, zu der auch ADR gehört und die mehrheitlich von der Pulloverdynastie Benetton kontrolliert wird, ist schon vor zwei Jahren mit 15 Millionen Euro als Investor bei Volocopter eingestiegen. Bei der Finanzierungsrunde im März dieses Jahres legte Atlantia noch einmal 35 Millionen Euro nach.

Volocopter hat einen ehrgeizigen Plan: Fünf bis sieben Jahre nach der kommerziellen Zulassung will das Unternehmen, das bisher noch keine Gewinne macht, in die Massenproduktion seiner Fluggefährte einsteigen. Und zwar eine Massenproduktion, wie man sie bisher nur in der Autoindustrie kennt. Es soll dann einen Zweisitzer, einen Viersitzer und ein Frachttaxi geben.

Erst in dieser Woche war Volocopter in die Schlagzeilen geraten, weil Crowdfunding-Investoren, die dem Start-up vor neun Jahren Geld gegeben haben, sich benachteiligt fühlen. Gestritten wird vor allem über die Verzinsung der damaligen Darlehen. Man habe sich an die Verträge gehalten, betont Volocopter-CCO Bauer. „Es tut uns leid, dass es andere Erwartungen gab. Es ist auch klar, dass es darüber Enttäuschungen gibt.“

Benetton-Holding Atlantia will Konzept in ganz Europa ausrollen

Atlantia will das Konzept der Vertiports auf internationalem Level ausbauen, auch über das Unternehmen Urban V, das von den Flughäfen Rom, Venedig, Nizza und Bologna gegründet wurde und den ersten Landeplatz realisiert hat. „Der Service wird günstiger als ein Helikopter“, betont Carlo Tursi, Chef von Urban V. Dank preisweiterer Batterien würden die Preise künftig immer weiter fallen. Er sieht Flugtaxis als Teil eines Mobilitätsnetzes: „Vielleicht fahren Sie mit dem Rad zum Vertiport, fliegen damit ins Stadtzentrum und nehmen von dort noch für ein paar Stationen die Tram.“

Die Landeplätze werden alle technologieoffen gestaltet, anfliegbar für Modelle aller Anbieter. Auch über gemeinsame Ticketsysteme denkt Tursi schon nach: Beim Kauf eines Flug- oder Bahntickets könnte man das Flugtaxi dann gleich mitbuchen. Auf allen Vertiports könnte dann sogar die Sicherheitskontrolle vorgelagert werden, um Zeit am Airport zu sparen. Die Betreiber sind auch im engen Austausch mit der Region Latium, zu der Rom gehört, um Vertiports etwa direkt an Krankenhäusern aufzubauen. So könnten Organlieferungen mit einem Cargo-Lufttaxi viel schneller vom Flughafen zu den Patienten gelangen.

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