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16.09.2017

10:52 Uhr

Oktoberfest

Die Alten kommen! Oder: Crepes statt Mandeln

Hörgeräte werden vergessen, Asthmasprays, mal ein Blutdruckmessgerät – und immer wieder Krücken: Seit einigen Jahren kommen wieder mehr Senioren zur Wiesn. Trotzdem gibt es kaum Vergünstigungen für die Rentner.

Auch für das Jahr 2017 wird davon ausgegangen, dass wieder mehr Rentner die Wiesn besuchen, auch wenn der Besuch für sie sehr beschwerlich sein kann. AFP

Oktoberfest 2017

Auch für das Jahr 2017 wird davon ausgegangen, dass wieder mehr Rentner die Wiesn besuchen, auch wenn der Besuch für sie sehr beschwerlich sein kann.

MünchenVor Jahrzehnten rümpften junge Münchner die Nase: Oktoberfest? Wer in den 70er und 80er Jahren jung war und auf sich hielt, zumal wenn er aus der „Großstadt“ kam, ging lieber auf Konzerte oder in die Disco.

Ein Dirndl oder eine Lederhose hätte niemand freiwillig angezogen. Blasmusik galt als komplett out. Auf die Wiesn gingen – aus Sicht der Jugend – die Älteren. Und Familien, weil die Kinder halt Karussell fahren und Zuckerwatte essen wollten.

Heute hingegen schunkeln junge Menschen in Tracht oder trachtenähnlichem Outfit begeistert bei dröhnend lauten Ohrwurm-Hits in brechend vollen Bierzelten. Die Wiesn sei eine Partymeile, sagen manche. Doch was bietet das Fest den Älteren, der Generation 50 plus, 60 plus – und älter? Seniorenteller: Fehlanzeige. Vergünstigung für Rentner: Fehlanzeige. Fahrgeschäfte haben nur Extra-Preise für Kinder. Doch der Schein trügt.

Oktoberfest: Die „Wiesn“ und ihre Tücken

Das Oktoberfest

Die Massen strömen, das Bier auch: Oktoberfest. Aus aller Welt reisen Menschen nach München, um das größte Volksfest der Welt zu erleben. Am nächsten Samstag (20. September) startet die Wiesn mit dem Anzapfen des ersten Bierfasses und Böllerschüssen.

Wieso eigentlich „Wiesn“?

Es geht nicht um mehrere und schon gar nicht um grüne Wiesen. Sondern um eine einzige: die Theresienwiese. Von saftigem Gras ist maximal an den Rändern etwas zu sehen - das 34,5 Hektar große Festareal ist kiesig und von Teerstraßen durchzogen. Sie bekommen zum Fest Namen: Wirtsbudenstraße, Schaustellerstraße und Matthias-Pschorr-Straße - andere Straßen sind einfach nummeriert, etwa Straße 3 Ost.

Wie entstand das Volksfest?

Im Jahr 1810 feierten Kronprinz Ludwig, der spätere König Ludwig I., und Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen ihre Hochzeit als großes Volksfest. Es sollte vier Jahre nach der Proklamation des Königreichs das Gemeinschaftsgefühl fördern und die Ausrichtung auf die Residenzstadt München sowie die Wittelsbacher unterstreichen. Ein Höhepunkt war ein Pferderennen auf der damals tatsächlich noch grünen Wiese.

Warum sticht der Bürgermeister das erste Fass an?

Das ist eine mehr als 60 Jahre alte Geschichte. Sie begann mit Oberbürgermeister Thomas Wimmer 1950. Angeblich fuhr er auf dem Wagen der Wirte-Familie Schottenhamel mit - und der Wirt ließ ihn spontan anzapfen. Es gibt eine andere Version, nach der das Anzapfen sehr wohl geplant war - setzte Wimmer doch damit ein Zeichen für Volksnähe und Neuanfang.

Privileg Fassanstich

Seitdem ist die Eröffnung des Festes Privileg des Stadtoberhauptes. Die Zahl der Schläge ist durchaus relevant für dessen Ansehen - ein speziell münchnerischer Maßstab für Potenz und Können. Brauchte Wimmer beim ersten Mal 19 Schläge, so perfektionierte Christian Ude das Anzapfen und schaffte es als erster OB mit nur zwei Schlägen. Dafür übte er mit seinem Trainer, dem Brauer Helmut Huber.

Was ist das „Wiesn-Bier“?

Erst mal: Die Maß. Mit kurzem a. Sie umfasst selbst schlecht eingeschenkt wenigstens 0,9 Liter. Das ist eine ganze Menge, denn das Wiesn-Bier hat zwischen 5,8 und 6,4 Prozent Alkohol, normales Bier nur etwa 5 Prozent. Das Bier wird von sechs Brauereien speziell für die Wiesn gebraut. Beim ersten Oktoberfest kostete das Bier übrigens drei Kreuzer und drei Pfennige. Inzwischen liegt der Preis bei bis zu 10,10 Euro.

Wie kommt man ins Bierzelt?

Am Besten: Unter der Woche tagsüber. Da geht eigentlich immer etwas. Ansonsten: Einladen lassen. Denn selbst Monate vorher ist es praktisch aussichtslos, einen der begehrten Tische zu reservieren. Die Stammgäste haben bei den Wirten meist Vorrang - und damit sind die Reservierungen auch schon ausgeschöpft. Es gibt komplexe Regeln, nach denen stets Teile des Zeltes unreserviert bleiben müssen.

Über Umwege

Manche Gäste stecken der Bedienung ein paar Scheine zu, damit sie Plätze frei räumt. Wird sie vom Wirt dabei erwischt, fliegt sie raus - die Gäste unter Umständen gleich mit. Wer einmal im Zelt ist, sollte es nicht leichtfertig verlassen - und dabei gar Klamotten liegen lassen, um den Platz zu reservieren. Die Zelte werden regelmäßig wegen Überfüllung geschlossen. Und dann gibt es keinen Weg zurück.

Wie kleidet sich der „Wiesn-Besucher“?

Da sind die Münchner locker. Für sie gilt: Leben und leben lassen. Wer glaubt, mit den rund um die Wiesn erhältlichen Dirndl und Lederhosen trage er richtig Tracht, der liegt daneben. Eine echte Lederhose sollte aus Hirschleder sein. Mit dem traditionellen Zubehör vom Gamsbart zum Charivari - eine Art Bauchschmuck aus Silber für den Herrn - sind vierstellige Beträge weg. Für ein echtes Trachtendirndl auch.

Die „Zuagroasten“

Billige Klamotten outen den Träger leicht als „Zuagroasten“ (Zugereisten). Das gern verkaufte karierte Hemd etwa passt zum Bergsteigen oder Holzhacken - aber nicht zur Lederhose. Zu der gehört ein weißes Leinenhemd. Unter Einheimischen verpönt: zu kurze Dirndl - also alles, was oberhalb des Knies endet. No go: Frau in Lederhose. T-Shirts mit „Leistungstrinker“ müssen auch nicht unbedingt sein.

Am Dirndl erkennt man Singlefrauen?

Tatsächlich: Trägt sie die Schleife der Schürze links, ist sie frei - es darf also ein Versuch gewagt werden. Ist die Schürzenschleife rechts gebunden, bedeutet das: Verheiratet oder jedenfalls in festen Händen. Schleife in der Mitte: Jungfrau. Schleife hinten: Verwitwet, Kellnerin - oder keine Einheimische, so bindet man eben auch die gemeine Küchenschürze.

Vorsicht

Weil so viele Damen das Dirndl ohne Gebrauchsanweisung gerade erst an der Bude auf dem Weg zur Wiesn gekauft haben, geraten die Schleifenregeln durcheinander - und stiften so genau das Unheil und die Verwirrung, die sie ursprünglich verhindern sollten.

Der Altersschnitt auf der Wiesn, die an diesem Samstag beginnt, steigt seit Jahren. Das belegen Umfragen der Festleitung. Während der Anteil der unter 30-Jährigen von 2008 bis 2014 von 47 Prozent auf 43 Prozent fiel, gaben die 45- bis 59-Jährigen Gas. Ihr Anteil stieg von 15 auf 18 Prozent. Die Besucher jenseits der 60 legten von neun auf zwölf Prozent zu.

Selbst diejenigen weit jenseits dieses Alter kommen: Natürlich gehe er auf die Wiesn, sagt Wirte-Legende Richard Süßmeier. 87 ist er – ein paar Abstriche macht er. Er komme mittags, wenn die Lautstärke in den Zelten auf 85 Dezibel gedrosselt und der Andrang nicht so groß ist. „Am Abend ist mir zu viel Trubel. Ich bin ja nimmer der Schnellste. Da ist es gescheiter, man bleibt abends daheim.“

184. Münchener Oktoberfest: „Keine Angst, dass die Wiesn-Wirte verhungern“

184. Münchener Oktoberfest

„Keine Angst, dass die Wiesn-Wirte verhungern“

Angst vor Terroranschlägen und schlechtes Wetter: Die Besucherzahlen auf dem Oktoberfest sind drei Jahre in Folge gesunken. In diesem Jahr sollen neue Fahrgeschäfte wieder mehr Menschen auf die Theresienwiese locken.

Dass Menschen auf der Wiesn feiern, die das eine oder andere Hilfsmittel brauchen, zeigt allein der Fundus des Wiesn-Fundbüros. Regelmäßig landen dort neben Kleidungstücken und Handys auch Gebisse. Die Quote ist trotz der Implantat-Kunst der Zahnärzte konstant: „Ich habe in den letzten fünf Jahre immer zwei bis drei Gebisse gehabt“, berichtet Fundbüro-Leiter Hubertus Busch.

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