Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

06.04.2018

15:31 Uhr

Schweden

Nobelpreis-Akademie nach Rücktritten in ihren Grundfesten erschüttert

VonHelmut Steuer

Die altehrwürdige Schwedische Akademie, die für die Verleihung des Literaturnobelpreises verantwortlich ist, wird erneut von einem Skandal erschüttert. Sogar die Existenzfrage wird gestellt.

Foto: Lovisa Engblom/The Nobel Foundation/dpa

Nobelpreis-Medaille

Foto: Lovisa Engblom/The Nobel Foundation/dpa

StockholmAm Freitag kündigten drei Mitglieder des ursprünglich 18-köpfigen Gremiums ihre Mitarbeit in der Akademie auf. Die Schriftsteller Klas Östergren und Kjell Espmark werden den Sitzungen der Akademie fernbleiben und sich somit auch nicht mehr an der Auswahl der diesjährigen Kandidaten für den Literaturnobelpreis beteiligen.

Und damit nicht genug: Mit Peter Englund will auch ein drittes Mitglied die Akademie verlassen. „Es ist ein Beschluss gefasst worden, an den ich weder glaube, noch den ich vertreten kann“, schrieb er am Freitagnachmittag in einer Erklärung. Weitere Einzelheiten nannte der frühere Ständige Sekretär der Akademie nicht.

Auch die beiden anderen Schriftsteller wollten keine Einzelheiten nennen, warum sie ihre Arbeit in der Akademie niederlegen. „Die Schwedische Akademie hat seit langer Zeit ernsthafte Probleme und hat sie jetzt auf eine Art zu lösen versucht, die den eigenen Statuten widerspricht und einen Verrat gegenüber dem Stifter beinhaltet“, heißt es in der Erklärung des Schriftstellers Klas Östergren.

„Es ist ein Beschluss gefasst worden, an den ich weder glaube, noch den ich vertreten kann.“ dapd

Peter Englund

„Es ist ein Beschluss gefasst worden, an den ich weder glaube, noch den ich vertreten kann.“

Und einen Seitenhieb auf die umstrittene Entscheidung der Akademie, 2016 den Literaturnobelpreis Bob Dylan zu verleihen, konnte er sich auch nicht verkneifen. „I’m leaving the table, I’m out of the game“, erklärte er mit einem Zitat des verstorbenen Rock-Poeten Leonard Cohen weiter. Offenbar hatte er Cohen als Preisträger bevorzugt.

Kjell Espmark teilte mit, dass er nicht mehr an der weiteren Arbeit in der Akademie teilnehmen werde. „Es besteht Schweigepflicht auf Lebenszeit, deshalb kann ich nicht mehr sagen“, sagte er im schwedischen Rundfunk.

Die Mitglieder der Schwedischen Akademie werden auf Lebenszeit gewählt und können somit formell nicht austreten. Dagegen können sie den regelmäßigen Sitzungen fernbleiben.

Von den ursprünglich 18 Mitgliedern sind nach der Erklärung von Östergren, Espmark und Engmark nur noch 13 aktiv. Zwei weitere Mitglieder haben ihre Arbeit schon vor Jahren aus Protest gegen bestimmte Entscheidungen der Akademie niedergelegt.

Obwohl der genaue Hintergrund der Entscheidung von Espmark, Östergren und Englund unklar ist, wurde in schwedischen Medien sogleich spekuliert, dass sie mit einem im vergangenen Jahr aufgedeckten Skandal zusammenhängt. Kurz vor der feierlichen Verleihung des Literaturnobelpreises am 10. Dezember geriet die Akademie massiv unter Beschuss.

So wurde einem der Schwedischen Akademie nahestehenden, nicht namentlich genannten Mann vorgeworfen, er habe seine Position ausgenutzt und mehrere Frauen sexuell belästigt. Sogar von Vergewaltigungen ist die Rede. Das alles habe zum Teil in den Räumen der Akademie oder in von ihr angemieteten Wohnungen stattgefunden.

Schlimmer noch: Mehrere Akademie-Mitglieder sollen von den groben Übergriffen gewusst, aber nichts unternommen haben. 

Über die Gründe kursieren zahlreiche Spekulationen: Demnach könnte die Untätigkeit daran gelegen haben, dass der Mann mit einem Mitglied der Akademie verheiratet ist. Auch heißt es, dass in dem von Männern dominierten Gremium grobe Verfehlungen geduldet werden.

Außerdem soll der Mann über Jahre hinweg finanzielle Unterstützung für diverse Kulturveranstaltungen von der Akademie erhalten haben. Allen Spekulationen ist gemein, dass sie darauf schließen lassen, dass es enge Verbindungen zwischen der altehrwürdigen Institution und dem Beschuldigten gab.

Die jetzige Ständige Sekretärin der Akademie, Sara Danius, hatte eine lückenlose Aufarbeitung der Vorkommnisse gelobt. Am Freitag war sie nicht antreffbar, angeblich befand sie sich im Ausland. Am kommenden Freitag soll das Ergebnis einer Untersuchung der Vorfälle durch eine beauftragte Anwaltskanzlei veröffentlicht werden.

Nobel-Stiftungschef Lars Heikensten: „Wir legen für die Ewigkeit an“

Nobel-Stiftungschef Lars Heikensten

„Wir legen für die Ewigkeit an“

Als Chef der Nobel-Stiftung muss Lars Heikensten 400 Millionen Euro gewinnbringend anlegen – für künftige Preisgelder. Ein Gespräch über gefährliche Finanzmärkte, seine Liebe zu Hedgefonds und einen abwesenden Bob Dylan.

Doch schon am Donnerstag dieser Woche kamen die Mitglieder der Schwedischen Akademie zusammen und haben nach Medienangaben bereits über die Ergebnisse diskutiert. Dabei soll es zu Meinungsverschiedenheiten über die Konsequenzen des Untersuchungsergebnisses gekommen sein. Wahrscheinlich also, dass der Rücktritt der drei Akademie-Mitglieder damit zusammenhängt.

Für die Schwedische Akademie sind die Vorfälle eine Katastrophe. Die Literatur-Professorin und Ex-Ehefrau eines Akademie-Mitglieds, Ebba Witt-Brattström, sieht sogar die Existenz der Akademie bedroht. „Das hier ist nicht nur ein schwerer Schlag, es ist ein Beben, das die gesamte Institution zusammenbrechen lassen kann, glaube ich“, erklärte sie im schwedischen Rundfunk. Tatsächlich geht es nicht nur um sexuelle Übergriffe, um Duldung und Vertuschung, es geht auch um die Existenz der Akademie.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×