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14.06.2018

15:34 Uhr

„Im Netz wurde ich selbst auch zum Arschloch.“ Olly Howe

Autor Jaron Lanier

„Im Netz wurde ich selbst auch zum Arschloch.“

Buchrezension

Was Silicon-Valley-Vordenker Jaron Lanier an Facebook und Co. „pervers“ findet

VonStefan Reccius

Jaron Lanier kritisiert die Macht der Tech-Konzerne – und arbeitet selbst bei Microsoft. Facebook und Google hält er für eine Bedrohung. Eine Begegnung.

HannoverAuf einmal ist da dieses Geständnis. „Ich habe es auch schon selbst erlebt, dass ich im Netz zum Arschloch wurde“, schreibt Jaron Lanier. Der Amerikaner gilt als Multitalent – er ist Computerwissenschaftler, Virtual-Reality-Pionier, Musiker, Autor. In seinem Buch bezichtigt er sich nun selbst der Onlinepöbelei.

Auf den 58 Seiten vorher schildert Lanier mit drastischen Worten, wer aus seiner Sicht den Weg für virtuelle Grobheiten ebnet – Facebook und Google – und weshalb er deren Geschäftsmodell für „pervers“, „destruktiv“ hält, gar als „Bedrohung für das Überleben der Zivilisation“ empfindet.

Seine Botschaft: Die Funktionsweise ihrer Plattformen und Dienste zersetzen die Gesellschaft, sie manipulieren die Menschen, machen sie süchtig. Dem Leser empfiehlt er den Rückzug von sämtlichen Plattformen, der Buchtitel ist Programm, er lautet: „Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst“.

Man mag geneigt sein, Laniers Buch als literarischen Amoklauf eines paranoiden Digital-Aussteigers abzutun. Betont der Autor doch bei jeder Gelegenheit, nicht mehr in sozialen Netzwerken vertreten zu sein. Die Accounts unter seinem Namen seien allesamt „Fake“.

Auch klingt es geradezu schizophren, wenn er sagt, „ich liebe das Silicon Valley“, etliche seiner Freunde arbeiteten bei Google, „ich habe selbst eine Firma an Google verkauft“. Ist Lanier also nur ein überschätzter Spinner mit Dreads und etwas Spezialwissen?

Dagegen spricht nicht nur, wie breit Lanier rezipiert wird, sowohl hierzulande als auch in den USA. 2014 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Sein im selben Jahr erschienener Bestseller – „Wem gehört die Zukunft?“ – war zeitweise das meistverkaufte Wirtschaftsbuch in Deutschland. Es deutet sich an, dass Lanier diesen Erfolg wiederholen könnte: Das nur 204 Seiten starke Taschenbuch wird, wie das Handelsblatt vorab erfuhr, kommende Woche auf Platz 5 der Sachbuch-Bestsellerliste einsteigen.

Zudem klagt Lanier, anders als der Titel vermuten ließe, nicht undifferenziert an. Wenn er behauptet, Facebook und Google raubten ihren Nutzern den freien Willen, belegt er das mit Erkenntnissen aus der Computerwissenschaft und der Psychologie.

Jaron Lanier: Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst
Hoffmann und Campe, Hamburg 2018, 204 Seiten, 14 Euro
ISBN: 978-3455004915

Wenn er kritisiert, deren Geschäftsmodell sei auf „allgegenwärtige Niedertracht“ angelegt, führt er auch den Nachweis: Weil negative Emotionen beim Menschen schneller hervorzurufen seien als positive, beförderten die Algorithmen hinter Facebooks Nachrichtenstrom eher Gefühle wie Wut und Paranoia. Die seien „die bessere Option fürs Geschäft“.

Doch es bleibt schon erstaunlich, dass Lanier ausgerechet mit jener Branche so hart ins Gericht geht, die ihn groß gemacht hat – und in der er nach wie vor tätig ist. In den Achtzigerjahren, als er noch ein unbekannter IT-Ingenieur war, entwickelte Lanier einen Datenhandschuh für den virtuellen Raum. Was damals eine Weltneuheit war, ist heute ein Zusatz zur Virtual-Reality-Brille, mit der man in ferne Umgebungen eintauchen kann.

„Die Leute sollen wissen, dass ich befangen bin“

Er gründete eine eigene Firma für Virtual-Reality-Produkte. Lanier, der mehrere Instrumente beherrscht, trat an der Seite von Musikern wie Yoko Ono auf. Er beriet die Macher des Science-Fiction-Streifens Minority Report, in dem Tom Cruise mit einem Datenhandschuh einen unsichtbaren Bildschirm steuert. Er lehrte an Amerikas angesehensten Universitäten Informatik: Columbia, Yale, Berkeley. Heute arbeitet der 58-Jährige, das Eigengewächs aus dem Silicon Valley, im Entwicklungslabor von Microsoft.

Wie, wird man sich fragen, kann ein Angestellter eines Technologiekonzerns über andere Internetkonzerne schimpfen, dabei Microsoft, Apple und Amazon ausdrücklich von seiner Kritik ausnehmen und sich dennoch als unabhängig präsentieren? Den Vorwurf der Befangenheit versucht Lanier gar nicht erst zu entkräften, er macht ihn sich zu eigen. „Die Leute sollen wissen, dass ich befangen bin, auch wenn ich mein Bestes gebe, es nicht zu sein. Ich will, dass sie mich skeptisch hinterfragen, denn genau das sollen sie auch mit Facebook und Google tun.“

Er richtet seine Kritik nicht gegen ihre Technologie, sondern ihre Art, damit Geld zu verdienen. Anders als Microsoft, Apple und Amazon hätten sie es nicht geschafft, ihre Erträge zu diversifizieren. „Was als Werbung begann, hat sich in massive Überwachung und ausgefeilte Methoden zur Verhaltensmanipulation gewandelt“, sagt Lanier. „Davon sind sie abhängig wie Ölstaaten vom Öl.“

Netzpionier Jaron Lanier

„Zehn Gründe, warum Sie Ihre Social-Media-Accounts löschen sollten“

Netzpionier Jaron Lanier: „Zehn Gründe, warum Sie Ihre Social-Media-Accounts löschen sollten“

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Währened Jaron Lanier diese Dinge sagt, sitzt er in einem Hotelzimmer des Crowne Plaza in Hannover, die IT-Messe Cebit ist gerade in vollem Gange. Lanier erzählt nun auch von seiner Erfahrung als „Online-Arschloch“. Bei einem der ersten Experimente mit Gesprächsforen – vom World Wide Web war noch nicht die Rede – beobachtete Lanier, wie er und andere Teilnehmer in digital geführten Diskussionen immer „niederträchtiger“ und „gehässiger“ wurden.

Kein Psychologe oder Soziologe konnte ihm eine Erklärung für dieses Verhalten liefern. Also entwickelte er selbst eine Theorie, er nennt sie „die Theorie vom Einzelgänger-/Rudel-Schalter“. Als Teil einer Gruppe buhlt der Mensch um Beachtung. Steht der „innere Schalter“ auf Rudel, starte der Mensch automatisch einen „Sozialstatus-Wettbewerb“. Innerhalb einer Gruppe gehe es um Macht, nach außen um Abgrenzung von anders Gesinnten. Erfahrungsgemäß bekomme dabei oft „das größte Arschloch die meiste Aufmerksamkeit“.

Soziale Medien könnten auch anders funktionieren – etwa, wenn es um die eigene Karriere gehe. „Ich zögere, das Beispiel LinkedIn zu nennen, weil es zu Microsoft gehört“, sagt Lanier. „Aber es zeigt, dass Nutzer sich zumindest etwas besser verhalten, wenn Reales außerhalb der sozialen Netzwerke sie antreibt.“ Für Lanier sind weder das Internet noch die Konzerne eine genuin üble Sache – aber eben das, was Facebook und Google daraus gemacht hätten.

Facebook soll für Daten bezahlen

Wenige Stunden vorher hat der Familienvater und Tierliebhaber mit den Dreadlocks auf der Cebit  die Eröffnungsrede gehalten. In Sandalen ohne Socken und einem langen schwarzen Shirt läuft er dort am Vormittag auf die Bühne. Es wirkt fast schüchtern, wie er mit der linken Hand zaghaft ins Publikum winkt. Doch dann packt er sich mit beiden Händen das Pult und redet los. Frei, ohne Manuskript.

Es sprudelt nur so aus ihm heraus, all seine Leidenschaft, Wut und Entrüstung. Sein Furor richtet sich nicht allein gegen die Datenkraken. Sondern auch gegen sich selbst optimierende Algorithmen böswilliger Programmierer und ihren Umgang mit all den Daten. „Wir sind so sehr daran gewöhnt, dass wir nicht mehr merken, wie bizarr und krank das ist“, sagt Lanier. Zum Schluss sagt er leicht resigniert: „Ich habe keine Ahnung, wo das noch hinführt.“

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Lanier weiß, wovon er spricht, schließlich sind in seinem Heimatland mehrere russische Staatsbürger und Firmen angeklagt, weil sie die amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2016 beeinflusst haben sollen. Erst der Skandal um veruntreute Daten durch die Firma Cambridge Analytica hat die Menschen misstrauisch gegenüber Facebook gemacht. Der daraus resultierten Bewegung „Delete Facebook“ schlossen sich etliche Prominente an. Lanier hatte sein Buch da längst fertiggestellt, ergänzte es aber später: „Die bisherigen Ereignisse im Jahr 2018 sind für meine Thesen extrem relevant und brisant.“

Nach seinem Auftritt setzt Lanier sich auf einen Hocker und signiert Bücher. Manchmal berühren seine Filzlocken den Boden, so lang sind sie. Als ein Messebesucher sagt, Lanier erinnere ihn an Morpheus, einen Charakter aus den Matrix-Filmen, der den Ausstieg aus einer durch Computer versklavten Welt gefunden hat, lacht Lanier laut auf. Es folgt ein Gespräch über kostenpflichtige Alternativen zu Facebook.

Lanier erwägt beides: Dass Nutzer künftig wie etwa beim Streamingdienst Netflix eine Gebühr für Suchdienste und Inhalte zahlen, um nicht länger ausgeforscht zu werden.

Oder, dass Facebook Nutzer für deren Daten bezahlt – das fordert auch der bekannte US-Marketingprofessor und Autor des Bestsellers „The Four“, Scott Galloway. In Hannover ist Jaron Laniers Botschaft angekommen. Dass er an einem neuen Buch arbeitet, erwähnt er gar nicht. Im September wird es auf Deutsch erscheinen. Darin beackert Lanier ein Thema, das ihn umtrieb, lang bevor er zum Chefkritiker des Silicon Valley aufstieg: Virtuelle Realität.

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