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07.06.2018

17:24 Uhr

Buchtipp „Clusterfuck“

Warum Katastrophen passieren – und wie man sie verhindert

VonCarina Kontio

Menschen machen Fehler – und lösen manchmal katastrophale Kettenreaktionen aus. Zwei Autoren ergründen die Anatomie des Desasters.

Vor rund zehn Jahren sorgte die Bankenbranche für eine der größten Katastrophen in der Finanzgeschichte. AP

Bankenviertel

Vor rund zehn Jahren sorgte die Bankenbranche für eine der größten Katastrophen in der Finanzgeschichte.

DüsseldorfFrankfurt brennt. Der Mob tobt. Es sind Menschen, die ihr Geld durch undurchsichtige Anlageprodukte verloren haben. Sie stürmen nun durch die Straßen der Bankenstadt. Geldautomaten streiken, spucken keinen Cent mehr aus. Bei der „Deutschen Global Invest“ spekulieren die Investmentbanker auf ein Erdbeben in Kalifornien – und tippen genau die richtige Stärke. Das Team feiert.

Diese Szenen aus der populären ZDF-Serie „Bad Banks“ zeigen, wie Systeme aus Geld, Macht und Intrigen völlig außer Kontrolle geraten können. Auch noch zehn Jahre nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers beschäftigen uns die Spätfolgen der Weltfinanzkrise. Und die war nur eine von vielen Katastrophen, bei denen wir uns hinterher fragen: Wie konnte das bloß passieren?

Für alle, die tiefer in die Materie der Katastrophentheorie einsteigen wollen, gibt es jetzt das perfekte Buch: „Clusterfuck“ von Holm Friebe und Detlef Gürtler. Der Titel führt zurück auf einen Begriff aus dem US-Militärjargon und bedeutet größtmögliches Chaos. Das Buch ist eine Art gedrucktes Wikipedia gigantischer Katastrophen, angefangen im antiken Griechenland bis in die heutige Zeit.Ob globale Bankenkrise, der Berliner Flughafen BER, Stuttgart 21 oder Brexit: „Im Universum strebt alles zum größtmöglichen Chaos“, schreiben die beiden Autoren. Friebe und Gürtler bieten uns ein prall gefülltes Sammelsurium aus naturwissenschaftlichen, volkswirtschaftlichen und psychologischen Geschichten, die so kurios wie unterhaltsam sind.

Holm Friebe, Detlef Gürtler: Clusterfuck – Warum Katastrophen uns lieben
Hanser Verlag, München 2018, 272 Seiten, 22 Euro
ISBN: 978-3446258389

Sie sind überzeugt: „Katastrophen wollen passieren.“ Und ein Unglück komme selten allein – erst recht im Zeitalter der Automatisierung und Vernetzung. Dass die Pleite einer US-Bank 2008 das Weltfinanzsystem an den Rand des Abgrunds brachte, konnte nur passieren, weil alles miteinander verknüpft war.

Früher waren Katastrophen Naturereignisse wie Springflut, Erdbeben oder ein Meteoriteneinschlag. Inzwischen aber provozieren auch die Menschen selbst gravierende Kontrollverluste – ob bewusst oder unbewusst, allein durch ihr Verhalten. Immerhin erzeugen sie gewaltige Mengen an Maschinen, Software und Finanzströmen, die sich wiederum gegenseitig beeinflussen.

„Die Katastrophenanfälligkeit ist der Preis, den wir für die Vermehrung und Verdichtung all dessen bezahlen, was uns lieb und teuer ist“, urteilen die Trendforscher. „Hat das Unglück erst einmal einen Fuß in der Tür, sagt es blitzschnell all seinen Freunden Bescheid, die in kürzester Zeit auf der Matte stehen, wie bei einer aus dem Ruder gelaufenen Facebook-Party.“ Ein solcher „Clusterfuck“ ist ein systematisches, nahezu unlösbares Problem.

Doch die Autoren wollen kein ausschließlich negatives Bild zeichnen. Stattdessen laden sie uns ein, uns gegen globale Unglücke zu wappnen: „Wenn man einmal verstanden hat, wie Katastrophen ticken, hat man eine größere Chance, ihnen im letzten Moment auszuweichen, sie auszutricksen oder gar Anteile ihrer zerstörerischen Energie in etwas Nützliches zu verwandeln.“ Das Buch mit dem drastischen Titel ist eine lesenswerte Gebrauchsanweisung, um künftig weniger episch zu scheitern

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