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14.06.2018

15:10 Uhr

In der Verwaltung können schlechte Entscheidungen gravierende Folgen haben. APN

Kerzen am Eingangstunnel zur Love Parade in Duisburg 2010

In der Verwaltung können schlechte Entscheidungen gravierende Folgen haben.

Buchtipp „Verwaltungsdesaster“

Wenn Behördenversagen Menschenleben kostet

VonEva Fischer

Loveparade-Katastrophe, NSU-Morde, BAMF-Skandal: Wenn Ämter schlampen, hat das oft weitreichende Folgen. Ein Buch analysiert die Ursachen.

DüsseldorfEine Großveranstaltung ist beschlossene Sache, obwohl Sicherheitsbedenken dagegensprechen, das Resultat: 21 Tote.

Der desolate Zustand einer Eissporthalle wird ignoriert, um Kosten zu reduzieren, das Ergebnis: 15 Tote.

Ein rechtsterroristischer Hintergrund wird von Ermittlern bei den NSU-Morden nicht erkannt, es sterben: Zehn Menschen.

Ein Kind wird seiner Mutter zurückgegeben, obwohl es immer wieder Zeichen von Misshandlung gibt. Am Ende wird die Dreijährige totgeprügelt.

All diese Menschen starben, weil Behörden versagten. Wie konnte es dazu kommen? Das Buch „Verwaltungsdesaster“ gibt darauf eine Antwort, verfasst von Verwaltungswissenschaftler Wolfgang Seibel und seinen Co-Autoren Kevin Klamann und Hannah Treis.

Die Autoren liefern eine umfangreiche Ursachenanalyse dieser vier Fälle von Behördenversagen mit Todesfolge: die Loveparade-Katastrophe in Duisburg, der Einsturz der Eislaufhalle von Bad Reichenhall, das polizeiliche Versagen bei den NSU-Morden und der Tod der kleinen Yagmur in Hamburg. Welche Handlungen hatten welche Folgen? An welchem Punkt hätte jemand anders entscheiden müssen?

Wolfgang Seibel, Kevin Klamann, Hannah Treis: Verwaltungsdesaster
Campus Verlag, Frankfurt am Main 2017, 320 Seiten, 29,95 Euro
ISBN: 978-3593507873

Dass sogenanntes Behördenversagen nicht die Ausnahme ist, macht derzeit der BAMF-Skandal deutlich. Die Bremer Behörde genehmigte Asylanträge, die laut Rechtslage eigentlich hätten abgelehnt werden müssen. Von Korruption ist die Rede, von persönlichen Beziehungen, von systematischen Vorgängen.

Zwar gibt es in diesem Fall keine Toten, trotzdem sind Parallelen beispielsweise zum Unglück bei der Techno-Großveranstaltung Loveparade im Juli 2010 zu erkennen. „Es kommt vor, dass Behörden ihre eigenen Anordnungen sabotieren“, so Autor Seibel. In Duisburg wurde das Festival trotz Sicherheitsrisiko genehmigt. In Bremen wurden anscheinend Anordnungen bei der Durchsetzung ablehnender Asylbescheide umgangen.

Im Kapitel über die Loveparade rekonstruieren die Autoren Schritt für Schritt den Entscheidungsprozess: Die Loveparade sollte das medienwirksame Vorzeigeprojekt des Duisburger Oberbürgermeisters werden. Obwohl Sicherheitsrisiken bekannt waren, fand das Festival statt – aus politischen Gründen. Die Autoren reihen noch einmal die Kette der menschlichen Fehlentscheidungen auf, deren Ende den Verlust mehrerer Menschenleben bedeutete.

Fazit: Die Entscheider seien nicht inkompetent gewesen; sie hatten geplant, die gesetzlichen Sicherheitsbestimmungen gezielt zu umgehen.

Generell gibt es in Behörden Strukturschwächen. Und es gibt die Mitarbeiter selbst, gesellschaftlich und politisch beeinflusst. Insbesondere ihre Politisierung führt dazu, dass Behörden versagen. Dieser Schwächen und Fehler müssen sich die Behörden bewusst sein, damit sie solche Unglücke zukünftig verhindern können. Das alles wird dem Leser in dem lehrreichen Buch, das sich akademisch präzise dem Phänomen annähert, deutlich.

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