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07.06.2018

19:20 Uhr

Grisebach Auktionen

Die „Ägypterin“ von Max Beckmann schreibt Auktionsgeschichte

VonChristian Herchenröder

Noch nie wurde ein Kunstwerk in Deutschland für 5,5 Millionen Euro versteigert. Den Rekord fuhren die Villa Grisebach Auktionen für Max Beckmanns Bildnis mit dem Spitznamen „Ägypterin“ ein.

Das Kleinformat ist von ägyptischen Mumienbildnissen inspiriert. Grisebach/VG Bild-Kunst/Bonn, Bartsch

Max Beckmann „Ägypterin“

Das Kleinformat ist von ägyptischen Mumienbildnissen inspiriert.

BerlinEs ist das Bildnis einer Frau, nach der sich alle sehnen: geheimnisvoll und sexy. Max Beckmann malte die „Ägypterin“, von Freunden so getauft, 1942 im Amsterdamer Exil. Mit brutto 5,5 Millionen Euro wurde es in den Villa Grisebach Auktionen am 31. Mai zum bislang teuersten deutschen Auktionsbild. In vierminütigem Wechselspiel waren 13 Telefone und vier Saalbieter im Einsatz, ehe das Starlos einem am Telefon zugeschalteten Schweizer Sammler für netto 4,7 Millionen Euro zugeschlagen wurde. „Ein ermutigendes Signal für den Kunsthandelsstandort Deutschland“, kommentierte Rupert Keim, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Kunstversteigerer, den deutschen Rekord.

Als Max Beckmann den „Weiblichen Kopf in Blau und Grau“, so sein sachlicher Titel, malte, stand er in engem Kontakt mit Erhard Göpel. Der Kunsthistoriker ist eine schillernd zwiespältige Gestalt. Einerseits trat er früh für den von den Nazis verfemten und ins Eil getriebenen Expressionisten Max Beckmann ein. Andererseits war Göpel auch als Einkäufer für Adolf Hitlers in Linz geplantes „Führermuseum“ tätig. In den frühen 1950er-Jahren lieferte der publizistisch tätige Göpel dann den einen oder anderen Auktions- oder Marktbericht auch für das Handelsblatt ab.

Betörende Strahlkraft

Das nur 60 mal 30 Zentimeter große charismatische Gemälde war zeitlebens im Besitz von Göpel und seiner Gattin Barbara, die das Werkverzeichnis der Beckmann-Gemälde erarbeitet hatten. Das Bild wurde auf den Markt gebracht, nachdem die Witwe Göpels kurz vor ihrem Tod im September 2017 den Berliner Museen zwei Gemälde, 46 Zeichnungen und 52 Grafiken von Max Beckmann vermacht hatte.

Das betörende Porträt war der absolute Höhepunkt einer Abendauktion, die mit nur 39 Losen, aber 17 Rückgängen sonst einen eher saturierten Eindruck machte. Für Werke unter anderem von Edouard Vuillard, Paula Modersohn-Becker, Edvard Munch, August Macke, Emil Nolde, Fernand Leger gab es im dicht besetzten Saal keine Gebote. Selbst für ein gefälliges spätes Deckfarbenblatt von Marc Chagall hob sich keine Hand. Bestseller-Autor und Grisebach-Partner Florian Illies erklärt diese Abstinenz mit der alles überstrahlenden Hauptrolle der „Ägypterin“: „Die Aufmerksamkeit war unglaublich fokussiert auf dieses Bild, auch von Sammlern, die sonst auf andere Werke geboten hätten. Zudem bewirkt der Geschmacks- und Generationenwandel, dass sich die Aufmerksamkeit mehr zu zeitgenössischen Künstlern wie Kiefer, Uecker oder Tillmanns verschiebt.“ Die waren dann auch Stars der Auktion zeitgenössischer Kunst am 1. Juni.

Doch es gab auch einige Lichtblicke in der Abendauktion mit Werken der Moderne. So wurde einem süddeutschen Sammler eine frühe Murnau-Landschaft der Gabriele Münter („Kohlgruberstraße“, 1908) für netto 460.000Euro zugeschlagen. Das Nolde-Aquarell „Große dunkle Wolke“ ging für 225.000 Euro an einen rheinischen Privatbieter. Zwei der viel selteneren Nolde-Aquarelle mit Doppelfiguren blieben unverkauft: ein Indiz für stromlinienförmigen Geschmack, der sich dann wieder bei einem Blumenaquarell mit glatten 100.000 Euro bewährte.

Das Photogramm aus der Bauhauszeit in Weimar sicherte sich ein Bieter aus den USA. Villa Grisebach

Laszlo Moholy-Nagy „o.T.“

Das Photogramm aus der Bauhauszeit in Weimar sicherte sich ein Bieter aus den USA.

Oskar Schlemmers Aquarell „Drei Mädchen, schwarz-rot-blau“, das 1932 im Dunstkreis seines berühmten Gemäldes „Bauhaustreppe“ entstand, war an zwei Telefonen begehrt und wanderte für immer noch moderate 275.000 Euro in eine baden-württembergische Privatsammlung. 350.000 Euro investierte ein süddeutscher Privatsammler in Karl Hofers „Putzmacherin“ aus dem Jahr 1922. Das Hochpreisniveau für die dynamischen Raumplastiken von Norbert Kricke aus den fünfziger Jahren bestätigte ein 58 Zentimeter hohes Exemplar, das von einem Berliner Sammler auf 225.000 Euro gehoben wurde.

Insgesamt wurden in den Frühjahrsauktionen der Villa Grisebach 23,5 Millionen Euro umgesetzt, von denen auf die „Ausgewählten Werke“ dank des Rekordresultats für Beckmann 9,8 Millionen Euro entfielen. Die zeitgenössische Kunst realisierte knapp sechs Millionen, die Routineauktion moderner Kunst 3,1 Millionen, das 19. Jahrhundert 2,2 Millionen. Einen starken Sprung nach oben machte die Fotografie mit dem für deutsche Verhältnisse superben Ergebnis von 1,2 Millionen Euro – auch hier dank eines Spitzenzuschlags von brutto 488.000 Euro für ein Photogramm von László Moholy-Nagy, ein Unikat aus den 1920er-Jahren, das von einem amerikanischen Sammler ersteigert wurde.

Die mit 180 Losen lockende Auktion zeitgenössischer Kunst war dank pausenlosem Einsatz der Telefone ein runder Erfolg. Anselm Kiefers Meeresbild von 2004 mit dem Titel „Für Velimir Chlebnikow“, das aus einer rheinischen Sammlung kam, wurde zum unteren Schätzpreis für brutto 865.000 Euro einem Kunden „aus dem europäischen Ausland“ telefonisch zugewiesen. Er war der einzige Bieter. Günther Ueckers Nagelbild „Interferenzen“ (1985) wandert für 757.000 Euro in eine süddeutsche Privatsammlung. Nicht alle C-Prints von Wolfgang Tillmanns wurden abgesetzt, aber der experimentelle, abstrakt wirkende C-Print „Freischwimmer 21“ wurde von einem rheinischen Käufer‧ auf 375.000 Euro gehoben. Ein westfälischer Sammler engagierte sich deutlich über dem Schätzpreis mit 225.000 Euro für Konrad Klaphecks surreales Flugkörper-Bild „Der Traum vom Fliegen“.

Zeigt die Einheit von Raum und Zeit mit gebündeltem Stahl. Villa Grisebach/Bartsch

Norbert Kricke „Raumplastik“ von 1958

Zeigt die Einheit von Raum und Zeit mit gebündeltem Stahl.

Im vollen Saal spulte sich die Versteigerung mit Arbeiten des 19. Jahrhunderts routiniert ab. Hier gab es zwar weniger „Knaller“ als sonst, aber gerade der breite Zuspruch für moderat geschätzte Lose der romantischen und spätromantischen Schulen ist der gesunde Nährboden dieser Auktion.

Die beiden Zeichnungen von Caspar David Friedrich fielen zum unteren Schätzpreis an süddeutsche Sammler. Die zarte Bleistiftzeichnung einer böhmischen Landschaft wurde für 112.500 Euro zugeschlagen, die aquarellierte „Mittelgebirgslandschaft“ aus der Lübecker Sammlung Draeger ging für 250.000 Euro ans Telefon. Museen aus Europa und den USA waren Unterbieter eines Aquarells des Berliner Romantikers Carl Blechen, das für 87.500 Euro in eine süddeutsche Privatsammlung geht, die auch das Blechen-Aquarell eines Schornsteinfegerjungen für 25.000 Euro übernahm.

Brosche in Tortenform für die Queen

Der Berliner Händler Wolfgang Wittrock ersteigerte im Auftrag des Berliner Kupferstichkabinetts Adolph Menzels ungeheuer modern wirkende Farbkreidezeichnung „Schlittschuhläufer“, die mit ihrer Entstehungszeit 1855/56 den Impressionismus vorwegnimmt. Der Hammer fiel bei brutto 250.000 Euro, dem unteren Schätzpreis. Das Kupferstichkabinett, das 6.500 Menzel-Zeichnungen und noch einmal 3.500 in Skizzenbüchern besitzt, ist damit um eine der großen bildmäßigen Zeichnungen reicher.
Mit 287.500 Euro auf das Zehnfache des Schätzpreises hob ein Berliner Sammler ein Gemälde des „Simplicissimus“-Zeichners Thomas Theodor Heine. Es ist das Porträt eines jungen Mopses, der als kleines Häufchen Elend auf einem großen, roten Sessel sitzt. Der Katalog zitiert zu der Großabbildung das geflügelte Loriot-Wort: „Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos.“

Mit rund 800.000 Euro erlöste die Orangerie-Auktion von Kunst, Kunstgewerbe, Schmuck und Design weniger als sonst. Mit 62.500 Euro begeisterte sich ein Berliner Käufer für das monumentale Reiterporträt des Erbprinzen Friedrich von Hessen-Kassel, das ein Routinewerk des Hofmalers Herman Hendrik de Quiter aus dem Jahr 1703 ist.

Eine goldene Brosche in Tortenform, die Queen Victorias Gemahl Prinz Albert 1842 für seine erlauchte Gattin entworfen hatte, wurde einem britischen Händler für 42.500 Euro zugeschlagen. Ein süddeutscher Sammler war mit dem moderaten Einsatz von 75.000 Euro erfolgreich, als die großen Wächterlöwen in grauem Kalkstein der chinesischen Ming-Dynastie ausgeboten wurden. Sie waren seit den 1950er-Jahren in der Ostasiatischen Sammlung der Staatlichen Museen Berlin und wurden 2015 an die späten Erben des Berliner Verlegers Rudolf Mosse restituiert. Hier zeigte sich, dass prominente Provenienz nicht immer zu Höchstpreisen führt. Geschätzt waren sie auf 60.000 bis 80.000 Euro.

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