Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

14.10.2018

22:22

CSU nach der Bayernwahl

Wie zwei Verlierer den Wahlabend erlebten

Von: Anna Gauto

Nach dem erschütternden Wahlergebnis erhält Ministerpräsident Söder Zuspruch. CSU-Chef Seehofer bekommt die Kälte der eigenen Partei zu spüren.

CSU-Chef Seehofer und Ministerpräsident Söder stecken nach der Wahl in einer schwierigen Lage. dpa

Zwei, die nicht gut miteinander können

CSU-Chef Seehofer und Ministerpräsident Söder stecken nach der Wahl in einer schwierigen Lage.

München Als um 18 Uhr die ersten Prognosen über die Leinwand flimmern, passiert im Konferenzsaal der CSU-Fraktion im bayerischen Landtag erst einmal: nichts. Die Christsozialen erleiden wie vorhergesagt ein historisches Debakel, die absolute Mehrheit ist dahin und trotzdem hört man weder Raunen noch Buhrufe. Dafür kollektives Schweigen.

Erst als klar ist, dass die Linken den Einzug ins Parlament verpassen, kehrt das Leben zurück in den vollgepackten Sitzungssaal. Es brandet hämischer Applaus auf. Vom eigenen Absturz scheint niemand überrascht zu sein. Fast spürt man die Erleichterung darüber, dass endlich Gewissheit eingekehrt ist.

Während bei der CSU-Fraktion die Mienen abkühlen, kocht nur wenige Meter weiter die Stimmung. Neongrün leuchtet es von der Wahlparty der Grünen im Landtag auf den Gang, es riecht nach Bier und Schweiß. Als die Spitzenkandidaten Katharina Schulze und Ludwig Hartmann sichtlich beschwingt in den Saal hopsen und „Hey! Hey! Hey“ rufen, tobt der Raum. Als Ludwig Hartmann dann noch ins Mikrofon ruft „Wir haben eine Zeitenwende für Bayern eingeleitet“ lassen Applaus und Jubel die Trommelfelle nur so erzittern.

SPD schmerzt das Ergebnis

Freud und Leid liegen an diesem Sonntag in der bayerischen Landeshauptstadt nah beieinander. Wie es die Demoskopen vorhergesagt haben, muss die CSU das schlechteste Ergebnis seit 1950 verkraften. Die Partei von Ministerpräsident Markus Söder und dem Vorsitzenden Horst Seehofer verliert zweistellig und erreicht deutlich weniger als 40 Prozent, während die andere Volkspartei, die SPD von Natascha Kohnen, noch stärker einbricht. Mit unter zehn Prozent halbiert sie ihr Ergebnis von 2013 und erzielt ihr historisch schlechtestes Landesergebnis, „ein Ergebnis, was uns unglaublich schmerzt“, sagt Kohnen.

Die Wahlgewinner sind Grüne und AfD mit zweistelligen Ergebnissen. Die AfD holt aus dem Stand mehr als zehn Prozent und zieht damit erstmals ins Maximilianeum, das bayerische Parlament, ein. Die Rechtspopulisten sind jetzt in 15 von 16 Landtagen vertreten. Drittstärkste Kraft werden die Freien Wähler mit knapp 12 Prozent. Die FDP stand am Abend mit rund 5 Prozent auf der Kippe. Die Linke scheitert mit 3 Prozent.

Bayernwahl: Das sind die interessantesten Zahlen zur Landtagswahl

Bayernwahl

Das sind die interessantesten Zahlen zur Landtagswahl

Die bayerische Landtagswahl verblüfft: Grüne und AfD stark, CSU und SPD sehr schwach. Aber warum? Umfragen und Statistiken geben Antworten.

Schon Stunden bevor die Fernsehstationen die ersten Prognosen senden, sind die Straßen vor dem Maximilianeum mit Kamerawagen komplett zugeparkt. Polizisten patrouillieren vor dem Parlament. Über 1200 Medienvertreter hätten sich angemeldet, sagt eine Mitarbeiterin des Landtags. Den ganzen Tag über suchte man bei der CSU nach Ursachen für ein mögliches Fiasko.

Es habe der politische Gegner gefehlt, sagt einer, der seinen Namen nicht nennen möchte. Die Schwäche der SPD habe auch der CSU geschadet. Statt sich auf einen konkreten Gegner einschießen zu können, war da nur eine „diffuse Gegnerwolke aus Grünen, AfD und SPD“. Niemand war dabei, der ernsthaft um das Amt des Ministerpräsidenten hätte mitstreiten können oder wollen.

Es fallen Begriffe wie Parteifragmentierung, die Kollateralschäden, die die GroKo in Berlin angerichtet hätten und natürlich immer wieder der Name Horst Seehofer. Dem CSU-Chef geben viele die Hauptschuld für die krachende Niederlage. Weil sich am frühen Sonntagabend zunächst kaum CSU-Politiker im Fraktionssaal blicken lassen, tummeln sich die Journalisten um den Europaabgeordneten Markus Ferber. Ein so schwaches Ergebnis wäre schon „eine klare Botschaft an den Wähler“, sagt Ferber.

CSU-Abgeordneter empfiehlt: um umweltinteressierte Wähler kümmern

Auf die Frage, ob die Botschaft auch beinhalte, dass Seehofer gehen müssen, laviert Ferber herum. Er halte nichts von schnellen Personalentscheidungen, wie sie andere aus der Partei schon offen fordern. So wünschte sich der langjährige Landtagsabgeordnete Andreas Lorenz aus München, dass bei einem schwachen Ergebnis am Montag der „gesamte Parteivorstand zurücktreten“ müsse. Nachdem die ersten Prognosen die Befürchtungen bestätigt haben, sagt der Landtagsabgeordnete Klaus Stöttner aus Rosenheim „wir müssen uns mehr um junge, umweltinteressierte Wähler kümmern“.

Die CSU habe ihre tolle Umweltpolitik nicht gut genug verkauft. Auch Stöttner hält Personalentscheidungen zum jetzigen Zeitpunkt für falsch. Erst müsse man in die Koalitionsverhandlungen gehen, danach die Lage analysieren. Doch es klingt fast wie ein Nachruf, als er sich für die zehn Jahre bedankt, in denen Horst Seehofer die Partei als Ministerpräsident wieder zu alter Größe zurückgeführt habe.

Kommentar: Das Ergebnis der Bayernwahl verändert die Tektonik in der deutschen Parteienlandschaft

Kommentar

Das Ergebnis der Bayernwahl verändert die Tektonik in der deutschen Parteienlandschaft

Die bayerischen Wähler strafen CSU und SPD bei der Landtagswahl gnadenlos ab. In Berlin taumelt daher die Koalition der Kanzlerin vor sich hin.

Stöttner wünscht sich „keine Verletzungen und einen anständigen Umgang mit Seehofer“. Entscheidungen sollten nur gemeinsam mit ihm gefällt werden. Dass sich nach einer vermasselten Landtagswahl die Giftpfeile als erstes auf den CSU-Chef richten werden, davon ist auch der Politologe Werner Weidenfeld überzeugt. Seehofer und Markus Söder hätten die CSU zu einer Streitpartei gemacht und ihr damit schwer geschadet.

Markus Söder, der sich gegen 18.30 Uhr unter einem Blitzlichtgewitter zur Bühne im CSU-Fraktionssaal des Landtages vorkämpft, muss daher vor allem vermeiden, dass der angeschlagene Seehofer ihn mit nach unten zieht. Der Ministerpräsident bemüht sich, gelassen und jovial zu klingen, als er sagt, „das ist nicht das Ergebnis, das wir uns gewünscht haben, aber die CSU hat einen klaren Regierungsauftrag“.

Minutenlanger Applaus für den Ministerpräsidenten

Doch was das Wichtigste für Söder an diesem Abend sein dürfte: Er bekommt vor, während und nach seiner Rede minutenlangen, rhythmischen Applaus. Er presst die Lippen zusammen, kurz blitzt ein wissendes Lächeln auf. Getrost kann er folgende Botschaft mitnehmen: Die Partei steht hinter ihm, an Söder hat es nicht gelegen.

Was für ein Gegensatz, als Seehofer etwa eine halbe Stunde später auf die Bühne steigt. Anders als Söder, der das Ergebnis auf der Bühne von Parteioberen umringt kommentiert hat, steht der CSU-Chef einsam, fast zerbrechlich vor einem schweigendem Publikum. Nur ein paar wenige klatschen in die Hände.

Die Stimmung im nur mehr halb gefüllten Saal, der bei Söders Ankunft noch wie eine Sauna kochte, sinkt um ein paar Grad, als Seehofer ein paar Sätze ins Mikrofon spricht. „Wir werden genau analysieren, woran es lag und dann die auch die nötigen Konsequenzen ziehen.“ Seehofer wirkt erschöpft und schließt dennoch einen Rücktritt aus.

CDU-Ministerpräsident Daniel Günther: „Der Politikstil, den die CSU pflegt, passt nicht mehr in die Zeit“

CDU-Ministerpräsident Daniel Günther

„Der Politikstil, den die CSU pflegt, passt nicht mehr in die Zeit“

In Schleswig-Holstein führt Daniel Günther (CDU) eine Koalition mit Grünen und FDP. Zum Ergebnis der Bayernwahl meint er: Die CSU müsse über ihre Führung nachdenken.

Später sagt Seehofer im Fernsehen: Zunächst gehe es darum, in Bayern eine tragfähige Regierung zu bilden und die Große Koalition in Berlin zum Erfolg zu führen. „Wer sich dann mit mir beschäftigen will, der hat noch genug Zeit. Wir führen jetzt keine Personaldiskussionen.“ Doch Seehofer ist angezählt.

Das zeigt auch die Äußerung von CSU-Chef Erwin Huber direkt am Wahlabend. Er habe nach der Landtagswahl 2008, bei der die CSU die absolute Mehrheit verlor, die Verantwortung übernommen und sei zurückgetreten. Und das habe zum Erfolg geführt. Die Aussagen Seehofers nach den herben Verlusten der CSU heute Abend bezeichnete Huber als „zu beschönigend“. Das werde dem Ernst der Lage nicht gerecht.

Nach einer Analyse der Forschungsgruppe Wahlen sind die Gründe für den Absturz der CSU „primär hausgemacht“. Diese zeige bei Regierungsbilanz, Parteiansehen und Sachkompetenzen Defizite und habe „ein erhebliches Personalproblem“. „Neben einem schwach bewerteten Ministerpräsidenten steht in Bayern ein massiv kritisierter Parteichef.“ Einer ARD-Analyse zufolge verlor die CSU jeweils 180.000 Wähler an die Grünen und die AfD sowie 170.000 an die Freien Wähler.

Handelsblatt Premium

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×