Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

11.06.2019

13:47

Berufsausbildung

Die Konkurrenz um Azubis wird härter – der Mangel an Lehrlingen verschärft sich

Von: Heike Anger, Barbara Gillmann, Gregor Waschinski

Pfleger und Erzieher sollen in der Ausbildung besser bezahlt werden. Industrie, Handel und Handwerk geraten unter Druck.

Die Reform des Berufsbildungsgesetzes gilt nicht für Gesundheits- und Erziehungsberufe. picture-alliance- dpa

Pflegeschülerin beim Anlegen eines Verbands

Die Reform des Berufsbildungsgesetzes gilt nicht für Gesundheits- und Erziehungsberufe.

Berlin Die klassische duale Ausbildung verliert seit Jahren tendenziell an Zulauf. Seit 2005 ist die Zahl der Neu-Azubis in Industrie, Handel und Handwerk um 23.000 auf 495.000 zurückgegangen. In Kliniken, Pflegeheimen, Kitas und Horten hingegen ist sie in dieser Zeit um ein sattes Viertel auf zuletzt fast 180.000 gestiegen. Der Trend dürfte anhalten, denn die Politik macht diese Berufe nun zusätzlich attraktiv: Das bislang übliche Schulgeld soll wegfallen und die Ausbildungsvergütung verbessert werden.

Trotzdem mangelt es an Fachkräften: 2018 waren allein in der Pflege rund 24.000 offene Stellen gemeldet, Tendenz steigend. In den Kitas im Land hat vor allem der seit 2013 geltende Rechtsanspruch ab dem ersten Geburtstag die Nachfrage explodieren lassen. Aktuell fehlen mindestens 10.000 Kräfte, bis 2025 könnte die Lücke auf bis zu 191.000 wachsen, schätzt die Prognos AG.

Der Zuwachs der letzten Jahre reicht also keineswegs. Über eine gute Azubi-Vergütung sollen noch viel mehr Menschen in diese Berufe gelockt werden. Derzeit erhält etwa nur jeder fünfte Erzieher-Fachschüler eine Vergütung. Auch in der Altenpflege setzt sich die Politik für eine bessere Bezahlung ein.

Reform des Berufsbildungsgesetzes gilt nicht für alle Branchen

Damit steigt die Konkurrenz um den Nachwuchs zwischen Gesundheits- und Erziehungsbranche einerseits und den klassischen dualen Ausbildungen in der Wirtschaft andererseits. „Gesundheits- und Erziehungsberufe sind bislang eine starke Frauendomäne. Da wir uns ebenfalls intensiv um junge Frauen für die Ausbildung im Handwerk bemühen, könnte hier durchaus eine stärkere Konkurrenzsituation entstehen“, sagt der Ausbildungsspezialist des Zentralverbands des Handwerks, Volker Born. „Deshalb müssen die Vorzüge einer Ausbildung und Berufstätigkeit im Handwerk besonders auch für Frauen deutlicher gemacht werden.“

Der Vizehauptgeschäftsführer der DIHK, Achim Dercks, hofft, dass es gelingt, generell mehr junge Leute für eine duale Ausbildung zu begeistern – „vor allem durch die Berufsorientierung an den Gymnasien“. Profitieren würden sowohl IHK- und Handwerks- als auch die Gesundheitsberufe. „Dabei lernt die junge Generation berufliche Möglichkeiten jenseits des Studiums kennen, die sie sonst möglicherweise nicht in den Blick genommen hätte“, so Dercks.

Grafik

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) will die duale Lehre mit einem neuen Mindestlohn für Azubis attraktiver machen. Die von ihr vorgelegte Reform des Berufsbildungsgesetzes gilt jedoch nicht für Gesundheits- und Erziehungsberufe. Dort ist aber auch viel in Bewegung.

Vergangene Woche stellten Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), Familienministerin Franziska Giffey und Arbeitsminister Hubertus Heil (beide SPD) die Ergebnisse der „Konzertierten Aktion Pflege“ vor, bei der Vertreter von Gewerkschaften, Arbeitgebern, Wohlfahrtsverbänden, Kirchen, Krankenkassen und Betroffenenverbänden ein Jahr nach Rezepten gegen den Fachkräftemangel gesucht hatten. Ein zentrales Vorhaben ist die Förderung der Aus- und Weiterbildung.

Bis 2023 soll die Zahl der Azubis in der Pflege um zehn Prozent steigen. Das Ziel soll mit einer besseren Bezahlung und einer bundesweiten Abschaffung des Schulgeldes erreicht werden. „Wir sorgen für mehr Nachwuchs in der Pflege – ohne Schulgeld und mit fairer Ausbildungsvergütung“, sagte Giffey.

Ab 2020 greift zudem eine neue Pflegeausbildung. Die diversen Berufe – vom Altenpfleger bis zur Krankenschwester – werden in einem generalistischen Ausbildungsgang zusammengefasst, in dem sich der Nachwuchs später spezialisieren kann.

Arbeit mit Kindern offenbar attraktiver als mit Kranken und Alten

Etwas besser ist die Lage in den Erziehungsberufen: Hier stieg die Zahl der Schüler in einer Erzieher(innen)-Ausbildung allein von 2016/17 auf 2017/18 um fast ein Drittel auf 84.000 – 80 Prozent davon sind weiblich. Offenbar gilt die Arbeit mit kleinen Kindern als deutlich attraktiver als die mit Kranken und Alten.

Da jedoch auch das bei Weitem nicht reicht, um den Bedarf zu decken, haben sich die Jugendminister 2018 vorgenommen, die „schulgeldfreie und vergütete praxisintegrierte Ausbildung“ weiterzuverbreiten. Da dies aber nicht so schnell umsetzbar ist, versucht Familienministerin Giffey vom Bund aus den Prozess zu beschleunigen: Sie fördert mit 300 Millionen Euro für die nächsten beiden Ausbildungsjahre 5.000 zusätzliche bezahlte Ausbildungsplätze für Erzieher. Allein für die im ersten Schritt geplanten 2500 Plätze ab Sommer liegen nach Angaben des Ministeriums bereits 6600 Bewerbungen vor.

Simulierte Arbeitsabläufe

Die Zukunft der Ausbildung liegt in der virtuellen Realität

Simulierte Arbeitsabläufe: Die Zukunft der Ausbildung liegt in der virtuellen Realität

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Auch die Ausbildungsexpertin der SPD im Bundestag, Yasmin Fahimi, wirbt dafür, „duale und akademische Ausbildung gleichermaßen attraktiv zu machen“. Endlich gebe es zukünftig überall mindestens die Anerkennung in Form von Mindestausbildungsvergütungen. Das „schafft auch eine Angleichung zwischen sogenannten ‚männlichen‘ und ‚weiblichen‘ Ausbildungsberufen“.

Ekkehard Winter, Sprecher des Nationalen MINT-Forums, denkt schon weiter: „Wenn der Anreiz Ausbildungsvergütung funktioniert, dann sollten wir daraus auch für die MINT-Berufe lernen“, sagt er mit Blick auf die enormen Nachfrageprobleme in den technischen Berufen – auch hier fehlen vor allem Azubis.

Berichtigung: In der ursprünglichen Version des Artikels hieß es, dass die meisten Pflege-Azubis keine Vergütung erhalten. Das wurde durchgängig korrigiert. Schon jetzt wird in der Pflege eine Ausbildungsvergütung gezahlt, die allerdings verbessert werden soll.

Mehr: Die Digitalisierung verändert Industrie und Wirtschaft in Deutschland grundlegend – auch die Berufsausbildung. Warum die Ausbildung 4.0 viele Betriebe noch vor Probleme stellt.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×