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24.01.2019

18:31

Weltwirtschaftsforum

Bildung gegen den Fachkräftemangel, Bildung gegen Populismus

Von: Christian Rickens, Torsten Riecke, Daniel Schäfer

„Skilling“ und „Reskilling“ sind Schlüsselbegriffe in Davos. Arbeitnehmer sollen fit für den digitalen Wandel werden, auch um Populismus zu bekämpfen.

„Zwei Drittel der Gesellschaft da draußen haben Angst, ihren Arbeitsplatz an einen Roboter zu verlieren", so SAP-Chef Bill McDermott. dpa

Robotik

„Zwei Drittel der Gesellschaft da draußen haben Angst, ihren Arbeitsplatz an einen Roboter zu verlieren", so SAP-Chef Bill McDermott.

Davos Normalerweise ist Bill McDermott ein strahlender Verkäufer seines Unternehmens und seiner Produkte. Doch im fensterlosen Saal „Aspen I“ des Davoser Kongresszentrums erlaubte sich der Chef des deutschen Softwarekonzerns SAP einen kurzen Moment des Sarkasmus: „Zwei Drittel der Gesellschaft da draußen haben Angst, ihren Arbeitsplatz an einen Roboter zu verlieren.

Erzählen Sie diesen Menschen mal, dass sie Technologie lieben sollen. Viel Glück bei der Aufgabe!“ Was McDermott da in drei Sätzen umreißt, hat sich zu einem, vielleicht dem beherrschenden Thema auf dem Jahrestreffen des World Economic Forum entwickelt. Die digitale Revolution schreitet schneller voran denn je, doch vielen Menschen fehlt die richtige Qualifikation, um mit den neuen Anforderungen der Arbeitswelt fertigzuwerden.

Aus der Sicht vieler in Davos versammelter Unternehmenslenker mit zwei gravierenden Folgen: Den Firmen fehlen die richtigen Fachkräfte, um die neuen digitalen Möglichkeiten im vollen Umfang zu nutzen – das kostet sie Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit.

Und in den bestehenden Belegschaften fürchten immer mehr Angestellte um ihre Jobs und betrachten neue Technologien wie Robotik oder Künstliche Intelligenz als Bedrohung statt als Chance. In letzter Konsequenz führen die Abstiegsängste dieser Menschen zu einem Verlust des Vertrauens in das Wirtschaftssystem.

Das machen sich wiederum Populisten zunutze, die Schutz vor dem Wandel versprechen. „Wir erleben eine Vertrauenskrise und gleichzeitig eine Qualifizierungskrise“, sagt IBM-Chefin Gina Rometty in Davos. Es gehört zum Geist von Davos, dass es die hier versammelten Unternehmensführer, Politiker und Wissenschaftler nicht bei der Problemanalyse belassen, sondern nach Lösungen suchen.

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„Eigentlich drehte sich die ganze Woche hier in Davos fast alles um Skilling“, sagt ein nachdenklicher Jorgen Vig Knudstorp im Frühstücksraum des Steigenberger Belvedere, dem eigentlichen Treffpunkt der Davos-Elite. Der Begriff, den der Chairman des dänischen Spielzeugkonzerns Lego da benutzt, lässt sich mit „Qualifizierung“ oder „Ausbildung“ nur sperrig ins Deutsche übersetzen.

Ebenso wie das „Reskilling“, die Weiterbildung oder Umschulung bestehender Arbeitskräfte. „Skilling“ und „Reskilling“ sind zu den Davos-Schlagwörtern 2019 geworden. Es gilt, die Dutzende, vielleicht Hunderte Millionen von Arbeitskräften, deren Jobs weltweit durch Automatisierung bedroht sind, fit zu machen für neue Aufgaben.

An fehlender Kompetenz scheitern Projekte

Und zugleich der nachwachsenden Generation das notwendige Rüstzeug für die digitale Arbeitswelt zu geben. Glaubt man den in Davos versammelten Experten, gehören zum neuen Kanon Programmierkenntnisse, aber auch der Umgang mit komplexen computergesteuerten Industrieanlagen oder die Fähigkeit, aus großen Datenmengen die richtigen Erkenntnisse abzuleiten.

Und auch die Kreativität, Kundenbedürfnisse zu erkennen und daraus Geschäftsmodelle zu entwickeln. Es ist blanker Überlebenstrieb, der immer mehr Vorstandschefs dazu bringt, das Thema digitaler Fachkräftemangel ernst zu nehmen. In einer Umfrage der Beratungsgesellschaft PwC nannten die fast 1.400 befragten Vorstandschefs dieses Thema erstmals als eine der drei großen Gefahren für ihr eigenes Geschäft.

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Es gibt einfach nicht genügend Fachkräfte, um den digitalen Umbau schnell genug voranzutreiben. „Die Digitalisierung ist 2018 endgültig in den Vorstandsetagen angekommen“, sagt PwC-Deutschland-Chef Ulrich Störk. „Für beinahe jedes Projekt benötigen Unternehmen Datenspezialisten.“ Störk: „Viele Unternehmen finden nicht im ausreichenden Maße die richtigen Mitarbeiter und müssen daher unter Umständen Projekte verschieben oder gar aussetzen.“

Ähnliche Rückmeldungen hat auch Janet Foutty erhalten, die Chefin der Unternehmensberatung Deloitte Consulting: „Nur etwa ein Drittel der von uns befragten CEOs glaubt, dass ihre Belegschaft die richtigen Fertigkeiten für den technologischen Wandel besitzt.“

Umschulung, Weiterbildung: Das sind Begriffe, die auf der geistigen CEO-Landkarte jahrzehntelang weit draußen in der Prioritätspampa verortet waren, irgendwo zwischen Facility- und Fuhrparkmanagement. Klar, der Kampf um Talente tobt schon lange. Doch der bestand bislang vor allem darin, die richtigen Arbeitskräfte an sich zu binden, nicht die bestehenden besser zu machen.

Freihandel als Sündenbock

Nun, wo der Arbeitsmarkt für Digitalexperten leer gefegt ist, gilt Weiterbildung plötzlich als Königsweg, um die Wachstumsengpässe der Unternehmen zu lindern. Ruth Porat, Finanzvorstand der Google-Holding Alphabet, war in Davos bemüht, auch das gesellschaftliche Engagement des Internetkonzerns zu betonen. Daher habe Google eine Milliarde Dollar dafür versprochen, um Menschen digital weiterzubilden.

Auch Roberto Azevedo, Generaldirektor der Welthandelsorganisation, sieht in Weiterbildungsprogrammen einen wichtigen Beitrag gegen den wachsenden Populismus und Anti-Globalismus. Anstatt den Freihandel für die wirtschaftlichen und sozialen Probleme vieler Menschen verantwortlich zu machen, sollten die Regierungen lieber in die digitale Weiterbildung und Qualifizierung der Menschen investieren, sagt er.

Tatsächlich zeigen Studien, dass der Verlust an Arbeitsplätzen zwar eine reale Gefahr darstellt, aber keineswegs automatisch eintreten muss. Eine OECD-Prognose kam 2018 zu dem Schluss, dass die Hälfte aller Arbeitsplätze in den 32 Teilnehmerstaaten der Studie durch Digitalisierung und Automatisierung ganz oder teilweise bedroht ist. 14 Prozent der untersuchten Jobs werden als „hochautomatisierbar“ eingestuft.

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Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Arbeiten in Zukunft von Maschinen oder Programmen übernommen werden, liegt bei mehr als 70 Prozent. Dieses hohe Risiko betrifft OECD-weit über 66 Millionen Arbeitnehmer. Bei weiteren 32 Prozent der Jobs liegt das Risiko, dass Automatisierung und Digitalisierung bedeutende Veränderungen im Arbeitsablauf mit sich bringen, bei 50 bis 70 Prozent.

Laut OECD das wirksamste Mittel, um dem Jobverlust Einhalt zu gebieten: Bildung – vor allem auch die Fort- und Weiterbildung Geringqualifizierter, die in gefährdeten Branchen arbeiten. Aber wie soll das in der Praxis funktionieren, eine ganze Arbeitnehmergeneration fit zu machen für den digitalen Wandel? Und künftige Generationen noch dazu?

Vier Stockwerke über dem Frühstücksraum des Belvedere-Hotels sitzt Emma Marcegaglia auf dem Sofa ihrer Suite und macht sich Gedanken. „Der Fachkräftemangel ist ins Zentrum der Debatte gerückt“, sagt die Aufsichtsratsvorsitzende des italienischen Energiekonzerns ENI.

Hochschulabschluss nicht immer erforderlich

„Das Wachstum in der EU war 2018 nur moderat, aber dennoch sehen wir bereits, dass qualifizierte Arbeitskräfte zum Engpass werden – nicht nur in Deutschland, sondern auch in Norditalien und Frankreich.“ Dabei lag die Arbeitslosenquote laut Eurostat in Italien im November 2018 bei hohen 10,5 Prozent und in Frankreich bei immer noch 8,9 Prozent.

Und selbst in Deutschland hält sich im zehnten Jahr des Aufschwungs ein Sockel von 754.000 Langzeitarbeitslosen, die bereits länger als ein Jahr nach einer Beschäftigung suchen – obwohl im Dezember 781 000 offene Stellen bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldet waren.

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„Es gibt einen dringenden Bedarf für die Umschulung und Weiterbildung der bestehenden Belegschaften“, sagt Marcegaglia, ehemalige Präsidentin des Industrieverbands Businesseurope, und räumt selbstkritisch ein: „Die Unternehmen haben in diesem Bereich zu wenig getan.“ Nötig sei aber auch ein Wandel im Bildungssystem mit einem stärkeren Fokus auf Ausbildungen unterhalb des akademischen Levels.

Auch IBM-Chefin Rometty warnt davor, die notwendige digitale Qualifizierungsoffensive auf Hochschulabsolventen zu beschränken. In Davos warb sie dafür, die amerikanische Unterscheidung zwischen „White Collar Jobs“ und „Blue Collar Jobs“, also zwischen Angestellten mit College-Abschluss und Arbeitern ohne akademische Bildung, zugunsten des Begriffs „New Collar Jobs“ aufzugeben.

Nicht jeder Job im Digitalbereich erfordere schließlich gleich einen Hochschulabschluss, bei IBM habe man auch sehr gute Erfahrungen damit gemacht, in zwölfwöchigen Kursen ehemalige Feuerwehrleute oder Pflegekräfte zu Digitalexperten weiterzubilden.

Immer wieder wird dabei in Davos das deutsche duale Ausbildungssystem als Vorbild genannt. Dazu passt allerdings nicht so recht die Tatsache, dass sich ausgerechnet die deutschen Konzerne zunehmend aus diesem System zurückziehen: Laut einer Studie des Wissenschaftszentrums Berlin ist die Zahl der Auszubildenden bei börsennotierten deutschen Großunternehmen zwischen 2013 und 2017 um etwa ein Viertel gesunken.

Das Beispiel zeigt: Der Versuch, Fachkräftemangel, Abstiegsangst und Populismus mit einer Qualifizierungsoffensive zu begegnen, ist aller Ehren wert. Doch die dem Davos-Spirit verpflichteten Topmanager müssen aufpassen, dass sie beim Abstieg aus der Schweizer Höhenluft keinen Praxisschock erleiden.

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