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01.07.2022

12:01

Andreas Peichl im Interview

Ein Ökonom über das Ökonomen-Bashing: „Kein Bock mehr auf Beratung dieser Politik“

Von: Martin Greive

Ob Gaskrise oder Coronapandemie – Andreas Peichl ist frustriert darüber, wie die Politik mit Volkswirten umgeht. Der Ifo-Ökonom erklärt, warum er langsam die Lust an der Beratung verliert.

Andreas Peichl ist Leiter des Ifo-Zentrums für Makroökonomik und Befragungen und Professor für Volkswirtschaftslehre an der LMU München. ifo Institut

Andreas Peichl

Andreas Peichl ist Leiter des Ifo-Zentrums für Makroökonomik und Befragungen und Professor für Volkswirtschaftslehre an der LMU München.

Berlin Der Ifo-Ökonom Andreas Peichl ist einer der einflussreichsten Politikberater in Deutschland. Doch ob sozialpolitische Fragen, Coronapandemie oder Gaskrise: Peichl ist zunehmend bedient, wie die Politik mit Ökonomen umgeht.

Dass Politiker ständig öffentlich über Ökonomen herziehen, findet Peichl „befremdlich. Ich verstehe nicht, warum ein Minister das gegenüber Wissenschaftlern, die ihre Expertise zur Verfügung stellen, nötig hat“, so der Leiter des Ifo-Zentrums für Makroökonomik und Befragungen.

In der Coronapandemie seien er und andere Ökonomen sogar zu „Unrecht als Lockdown-Fanatiker hingestellt und teilweise der Boulevardpresse zum Fraß vorgeworfen“ worden, so Peichl. „Es scheint so, als ob manche Regierungsvertreter nur dann auf Experten hören, wenn diese die vorgefertigte Meinung der Politik vertreten.“

Lesen Sie hier das vollständige Interview:

Herr Peichl, Wirtschaftsminister Robert Habeck sagte jüngst, die Volkswirte, die vor einem nicht allzu hohen Wirtschaftseinbruch infolge eines Gasembargos gewarnt hätten, seien ruhig geworden, offenbar weil ihre Vorhersagen „nicht tragbar“ seien. Sie haben darauf getwittert, Sie hätten unter solchen Umständen „keinen Bock“ mehr auf Beratung dieser Politik. Warum?
Ich finde die Art und Weise der Diskussion schon sehr befremdlich und habe diese Aussage schon als ein Nachtreten empfunden. Ich verstehe nicht, warum ein Minister das gegenüber Wissenschaftlern, die ihre Expertise zur Verfügung stellen, nötig hat, nur weil vermeintlich die Ergebnisse nicht zur politischen Überzeugung passen. Außerdem war das ja nicht die erste Äußerung dieser Art.

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    Auch Bundeskanzler Olaf Scholz hat mehrfach Ökonomen kritisiert, wegen ihrer Berechnungen zum Gasembargo, aber auch schon zuvor wegen angeblich kruder Berechnungen zur Rente. Wie erklären Sie sich das Ökonomen-Bashing der Politik?
    Das ist eine gute Frage. Es scheint so, als ob manche Regierungsvertreter nur dann auf Experten hören, wenn diese die vorgefertigte Meinung der Politik vertreten. Wenn aber die Ergebnisse nicht zur politischen Überzeugung passen – oder noch schlimmer, Stimmen im Wahlkampf kosten könnten, dann wird die Verwendung von Gleichungen oder Modellen kritisiert oder die Veröffentlichung von Gutachten verzögert.

    Nun lagen Ökonomen aber mit ihren Vorhersagen auch oft daneben, Stichwort Inflation. Können Sie da nachvollziehen, warum manch ein Politiker den Ratschlägen der Ökonomen nicht so wirklich über den Weg traut?
    Das sind ja unterschiedliche Dinge – Prognosen und Szenariorechnungen. Das fällt dem Laien aber schwer zu unterscheiden. Prognosen sind immer mit Unsicherheit behaftet. Denken Sie an die Wettervorhersage für nächste Woche oder die Expertenvorhersagen für den Ausgang von Fußballspielen. Ökonomie ist keine Naturwissenschaft, sondern wir haben es mit dem Verhalten von Millionen von Menschen und Unternehmen zu tun. Dies macht jede Prognose schwierig, und unser Ziel ist es natürlich, den Prognosefehler zu minimieren. Aber gerade unerwartete Schocks kann man nicht vorhersagen, das schafft man auch nicht mit einer Glaskugel.

    Keine Prognosen, sondern „Was-wäre-wenn“-Analysen

    Manche Ökonomen suggerieren aber, Sie können fast alles vorhersehen ...
    Aber bei den Ratschlägen geht es ja nicht um Prognosen, sondern um Szenariorechnungen. Das sind kontrafaktische „Was-wäre-wenn“-Analysen. Man nimmt ein Modell, ändert Parameter und simuliert, was dann im Modellrahmen passieren würde. Und dabei zeigt man immer Szenarien für die Zukunft auf, die unter gewissen Annahmen eintreten könnten, wenn sich sonst nichts ändert. Und bei vielen dieser Szenarien hofft man ja sogar, dass sie nicht eintreten.

    Das ist wie mit der Kindererziehung. Da verwendet man ja oft auch kontrafaktische „Wenn-dann“-Aussagen: „Wenn Du die Hand auf die heiße Herdplatte legst, dann verbrennst Du sie dir“ – und man hofft, dass diese Situation nie eintritt. Es dann als fehlerhafte Prognose zu interpretieren, wenn das Kind die Hand dann tatsächlich nicht auf die heiße Platte legt, wäre großer Quatsch. Daher ist diese Unterscheidung zwischen Prognosen und kontrafaktischen Szenarien wichtig.

    Ist nicht auch ein Problem, dass manche Ihrer Kollegen mit einem argen Selbstbewusstsein ausgestattet sind? Gerade in der Debatte über ein Gasembargo hatte man den Eindruck, manche Volkswirte ließen keine Meinung zu, die von ihrem Modell und ihrer Prognose abweicht.
    Menschen mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein gibt es doch überall. Eine Diskussion auf Twitter ist immer verkürzt, und bei diesem Thema sind sicherlich teilweise die Emotionen hochgekocht. Was man aber auch bedenken muss, ist, dass wissenschaftliche Diskussionen in der Sache immer hart geführt werden, weil man zunächst mal jedes Ergebnis infrage stellt. Das ist für Außenstehende oft gewöhnungsbedürftig, und manche Menschen reagieren persönlich beleidigt auf inhaltlich harte Kritik. In der wissenschaftlichen Diskussion geht es um das verwendete Modell oder die gewählten Parameter und Annahmen.

    Die aber oft nur schwer nachzuvollziehen sind.
    Wir haben unser Modell sofort offengelegt und den gesamten Code ins Internet gestellt, damit jeder die Ergebnisse replizieren und Parameter verändern kann. Darüber kann man dann gerne diskutieren. Was aber nicht geht, ist zu sagen: Ich mag euer Ergebnis nicht, weil es mir nicht in den Kram passt, und deshalb muss das Quatsch sein. Oder noch besser die grundsätzliche Verwendung von Modellen per se zu kritisieren, weil es kein Modell gibt, bei dem die eigene Politik als überzeugend herauskommt.

    „Politik hat Pandemiefolgen verschlimmert“

    Sie und andere Ökonomen spielten schon in der Coronakrise eine wichtige Rolle. Schon während der Pandemie monierten Sie, die Politik treffe entgegen Ihren Vorschlägen sehenden Auges falsche Entscheidungen. Können Sie ein Beispiel geben?
    Es ging nicht unbedingt nur um meine Vorschläge. Aber wir hätten bei Corona in Deutschland meines Erachtens vieles besser machen können. Es wurde sehr viel über Ordnungsrecht und Verbote geregelt und dadurch das öffentliche Leben sehr stark eingeschränkt. Wir zum Beispiel hatten mit der No-Covid-Initiative eine Öffnungsstrategie vorgeschlagen, die zu viel weniger Einschränkungen führen sollte – zum Beispiel durch konsequente Digitalisierung, Verwendung von Daten, eine großflächige Teststrategie und Schutzmaßnahmen wie Masken und Luftfilter in Innenräumen sowie eine breite Impfkampagne. Aber die Politik hat sich anders entschieden und meines Erachtens die Folgen der Pandemie sowohl für die Wirtschaft als auch die Gesundheit der Menschen verschlimmert. Und wir wurden auch noch völlig zu Unrecht als Lockdown-Fanatiker hingestellt und teilweise der Boulevardpresse zum Fraß vorgeworfen.



    Haben Sie noch den Eindruck, die Politik hört auf Ökonomen und bezieht die Ratschläge in ihre Überlegungen ein? Oder werden sie einfach wegignoriert, weil ihre Vorhersagen oder Ratschläge nicht in den politischen Entscheidungsspielraum passen?
    An vielen Stellen klappt der Austausch ja sehr gut. Daher bin ich so verwundert über die Aussagen einzelner Spitzenpolitiker dazu und reagiere deshalb vielleicht auch ein wenig allergisch. Es ist ja völlig okay und auch klar, dass eine politische Entscheidung nicht immer die ökonomisch sinnvollste Lösung wählt, weil noch andere Gesichtspunkte eine Rolle spielen.

    Das könnte die Politik meines Erachtens noch viel besser erklären. Ich habe kein Problem damit, wenn jemand sagt: „Vielen Dank für die Rechnungen, die sind sehr nützlich für unseren Entscheidungsprozess. Wir wählen jedoch nicht die ökonomisch präferierte Variante A, sondern nehmen Plan C, weil diese unter Abwägung der politischen Risiken und folgender Gesichtspunkte einfach sinnvoller erscheint“. 

    Wie lässt sich das Verhältnis zwischen Wirtschaftswissenschaft und Politik wieder verbessern? Wie müsste ein angemessener Umfang aussehen?
    Im Großen und Ganzen funktioniert das System der ökonomischen Politikberatung in Deutschland sehr gut. Wir haben die großen Wirtschaftsforschungsinstitute, wissenschaftliche Beiräte und den Sachverständigenrat. Wie gut das Verhältnis ist, hängt jedoch auch viel an handelnden Personen. Meines Erachtens gibt es in Deutschland zu wenige Ökonomen direkt in der Regierung. In vielen anderen Ländern gibt es einen Chefökonomen der Regierung, der oft direkt mit am Kabinettstisch sitzt. Bei uns hingegen ist selbst der Chefökonom des Wirtschaftsministeriums ein Jurist. Das sagt schon viel aus über die Bedeutung von Ökonomen in der aktuellen Regierung aus – auch wenn er sicherlich keinen schlechten Job macht.

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