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13.07.2021

17:06

Arbeitsmarkt

Bis zu elf Millionen Arbeitsplätze: Kollege Computer könnte ein Drittel der Jobs übernehmen

Von: Frank Specht

Blockchain, 3D-Druck oder neuronale Netze machen Menschen zunehmend ihre Arbeit streitig. Gut elf Millionen Jobs könnten so wegfallen – zumindest in der Theorie.

Neue Geschäftsfelder durch individualisierte Produkte. picture alliance/dpa

3D-Drucker

Neue Geschäftsfelder durch individualisierte Produkte.

Berlin Der digitale Zwilling ist im Kommen. Maschinenbauer oder Architekturbüros nutzen ein virtuelles Ebenbild des geplanten Projekts, um effizienter arbeiten zu können. Alle Beteiligten verfolgen in Echtzeit den Baufortschritt. Kommt es irgendwo zu Verzögerungen, können der Material- und Personaleinsatz sowie der Zeit- und Kostenplan automatisch nachgesteuert werden. Im Prozessmanagement oder für die Finanzplanung werden weniger Mitarbeiter gebraucht, Kollege Computer übernimmt.

Der digitale Zwilling ist nur ein Beispiel, wie neue Technologien Einzug ins Wirtschaftsleben halten und die Arbeitswelt verändern. Mit dem 3D-Druck können heute nahezu alle Materialien gedruckt werden, von Kunststoff über Metalle bis hin zu Glas. Es werden also womöglich bald weniger Fräsmaschinen gebraucht.

Dafür entstehen neue Tätigkeitsfelder, weil Produkte wie nie zuvor individualisiert werden können. Und mit der Blockchain-Technologie lassen sich Jobs im Verkauf und Vertrieb oder der Finanz- und Versicherungswirtschaft automatisieren.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat nun zum dritten Mal nach 2013 und 2016 untersucht, welche Arbeitsmarkteffekte das Vordringen neuer Technologien haben kann. In ihrer Studie gehen die Forscherinnen Katharina Dengler und Britta Matthes davon aus, dass im Jahr 2019 rund 11,3 Millionen oder gut ein Drittel aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in einem Beruf mit einem hohen Substituierbarkeitspotenzial arbeiten.

Dies ist gegeben, wenn 70 bis 100 Prozent der dort typischerweise zu erledigenden Tätigkeiten auch von Computern oder computergesteuerten Maschinen übernommen werden können.

Automatisierungspotenzial hat über die Jahre deutlich zugenommen

Gegenüber den Voruntersuchungen hat sich das Automatisierungspotenzial damit noch einmal deutlich erhöht, wenn auch etwas weniger dynamisch als zuvor. 2016 arbeitete nur ein Viertel der Arbeitnehmer in Jobs, die sich leicht durch Maschinen erledigen lassen, 2013 waren es nur 15 Prozent. Am stärksten betroffen sind dabei klassische Fertigungsberufe.

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Das erklärt auch, warum in klassischen Industriestandorten wie Baden-Württemberg oder dem Saarland das Substituierbarkeitspotenzial über dem bundesdeutschen Durchschnitt liegt. Allerdings hat sich die Situation in den Fertigungsberufen seit 2016 kaum mehr verändert, während sich in der Sicherheitsbranche oder im Handel der Anteil der Tätigkeiten, die potenziell auch der Computer übernehmen kann, am stärksten erhöht hat.

Auch beobachtet das IAB einen starken Anstieg des Substituierbarkeitspotenzials in Berufen für Fachkräfte und Spezialisten, während es sich bei Helfertätigkeiten seit 2016 nur noch leicht erhöht hat. Die Forscherinnen führen das darauf zurück, dass in den zurückliegenden Jahren Technologien marktreif geworden sind, die auch komplexere Tätigkeiten ersetzen können – beispielsweise automatisierte Entscheidungsverfahren wie „neuronale Netze“.

Dengler und Matthes weisen aber darauf hin, dass das Automatisierungspotenzial nicht gleichbedeutend mit drohenden Jobverlusten ist. Ob der Mensch wirklich ersetzt wird, hängt von vielen Faktoren ab – etwa von der Frage, ob sein Einsatz nicht doch wirtschaftlicher ist als der einer teuren Maschine oder ob ethische Erwägungen in bestimmten Feldern dem Einsatz von Computern oder Algorithmen entgegenstehen.

Eine Ausbildung machen und dann bis zur Rente durchsegeln, das wird nicht mehr funktionieren. imago images/Future Image

BA-Vorstandsmitglied Daniel Terzenbach

Eine Ausbildung machen und dann bis zur Rente durchsegeln, das wird nicht mehr funktionieren.

Auch entstehen durch die Verbreitung neuer Technologien neue Jobs. So sind zwischen 2016 und 2019 mehr als 200 Tätigkeiten neu in die 8000 Tätigkeiten umfassende Liste aufgenommen worden, mit der Berufe klassifiziert werden. 30 Berufe sind neu entstanden, beispielsweise Kaufmann/Kauffrau E-Commerce oder Berufe im UX-Design.

Weiterbildung kann Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt verhindern

Das Bundesarbeitsministerium geht in seiner im Februar dieses Jahres aktualisierten Prognose zur „Digitalisierten Arbeitswelt“ davon aus, dass bis 2040 rund 3,6 Millionen neue Jobs entstehen und 5,3 Millionen wegfallen werden. Ein Drittel des Wegfalls hat aber nichts mit technologischen Umbrüchen zu tun, sondern mit der demografischen Entwicklung und dem knapper werdenden Arbeitskräfteangebot.

Bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) ist man überzeugt, dass Strukturwandel und Digitalisierung nicht zu großen Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt führen müssen, wenn frühzeitig die richtigen Weichen gestellt werden: „Das hohe Automatisierungspotenzial in einer ganzen Reihe von Branchen und Berufen macht einmal mehr deutlich, wie entscheidend eine permanente Weiterqualifizierung und gezielte Fortbildung für die künftige Beschäftigung sein wird“, sagt Vorstandsmitglied Daniel Terzenbach. Den Berufsabschluss oder das Studium zu absolvieren und dann einfach bis zur Rente „durchzusegeln“ – das werde es auf dem Arbeitsmarkt von morgen nicht mehr geben.

„Der weitere Anstieg der Substituierbarkeitspotentiale unterstreicht, dass wir in den Betrieben verstärkt gefordert sind, die Transformation aktiv zu gestalten“, betont auch Detlef Gerst, Ressortleiter Zukunft der Arbeit beim Vorstand der IG Metall. Nötig seien neben der Aus- und Weiterbildung auch die Strategieentwicklung und Investitionen, um mit der Digitalisierung neue Beschäftigungsmöglichkeiten zu erschließen.

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SPD, Grüne und Linke wollen – sollten sie an der künftigen Bundesregierung beteiligt sein – ein Recht auf Weiterbildung durchsetzen und sie auch finanziell fördern. Die Union verspricht, die Weiterbildungsförderung auszubauen, Arbeitslosen Qualifizierungen zu ermöglichen und eine Kultur des lebenslangen Lernens zu etablieren.

Die Liberalen planen, auch ältere Beschäftigte mit einem „Midlife-Bafög“ bei der Qualifizierung zu unterstützen, die Hochschulen stärker in Weiterbildungsaktivitäten einzubeziehen und der beruflichen Bildung ein Digitalisierungs-Update zu verpassen.

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