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20.07.2022

15:44

Arbeitsmarkt

DIHK sorgt sich um Fachkräftemangel – und fordert ein praxisnäheres Einwanderungsgesetz

Von: Luisa Bomke

Eine Studie zeigt: Der Fachkräftemangel ist das zweitgrößte Geschäftsrisiko für Firmen. Deshalb macht der DIHK jetzt Vorschläge, wie man ausländische Kräfte schneller ins Land holt.

Handwerker dpa

Handwerker

Um den Genehmigungsstau bei ausländischen Fachkräften zu lösen, schlägt der DIHK unter anderem Schulungen für Mitarbeitende der zuständigen Behörden im In- und Ausland vor.

Berlin Mehr als jedes zweite deutsche Unternehmen ist vom Fachkräftemangel betroffen. Das geht aus einer aktuellen Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) hervor. Daran hat auch das im März 2020 in Kraft getretene Fachkräfteeinwanderungsgesetz (FEG) nichts geändert.

Deshalb hat der DIHK jetzt Reformvorschläge formuliert, um die Einwanderungsverfahren von Fach- und Arbeitskräften zu beschleunigen und zu vereinfachen.

Formal seien die bestehenden Regelungen „gut“, es müsse jedoch an der praktischen Umsetzung gearbeitet werden. „Die Komplexität überfordert die Behörden selbst, nicht nur die Unternehmen“, sagte der stellvertretende DIHK-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks bei der Vorstellung der Studie.

Regierung will Änderungen noch in diesem Jahr

Auch die Bundesregierung hat den Handlungsbedarf erkannt. Sie will das FEG noch in diesem Jahr überarbeiten. Arbeitsminister Hubertus Heil und Innenministerin Nancy Faeser (beide SPD) haben die zentralen Änderungsvorschläge in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt vorgestellt.

Das geplante zweite Migrationspaket sieht unter anderem vor, dass qualifizierte Fachkräfte mit Berufserfahrung eine Stelle in Deutschland annehmen können sollen, auch wenn ihr Berufsabschluss noch nicht formal anerkannt ist. Dies kann dann in Deutschland nachgeholt werden. Auch sollen Arbeitskräfte ohne konkreten Vertrag zur Jobsuche einreisen dürfen, wenn sie zuvor die Anerkennung ihres Abschlusses beantragt haben. Fachkräfte mit anerkanntem Abschluss sollen auch fachfremde Tätigkeiten annehmen dürfen.

Dercks betonte, dass vor allem die Dauer der Genehmigungsverfahren eine große Hürde sei. Unterlagen würden rund um den Globus geschickt, die Beamten setzten die komplexen Regelungen nicht einheitlich um, und es seien zu viele Behörden am Genehmigungsverfahren beteiligt. „Die rechte Hand weiß nicht, was die linke Hand macht“, beschrieb er die Situation.

DIHK: Es braucht einen Kulturwandel in den Verwaltungen

Dercks zeigte sich überzeugt: „Solche Umsetzungsprobleme bekommen wir nicht allein mit einer Reform der Gesetzesparagrafen gelöst. Hier geht es zum einen um einen Kulturwandel in den Verwaltungen, aber auch um praktische Unterstützung.“

Bereits jetzt ist der Fachkräftemangel das zweithöchste Geschäftsrisiko für deutsche Unternehmen, wie die Studie belegt. „Aus dem Fachkräftemangel ist längst ein Arbeitskräftemangel geworden“, klagt auch Gitta Connemann, Vorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT).

Um den Genehmigungsstau zu lösen, schlägt der DIHK unter anderem Schulungen für Mitarbeitende der zuständigen Behörden im In- und Ausland vor. Auch könnten die Auslandshandelskammern in Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt dabei helfen, Visa-Unterlagen vorzubereiten und Formulare auszufüllen. Eine Hotline des Bundesinnenministeriums, bei der Beschäftigte einer Ausländerbehörde oder eines Unternehmens Fragen zu den komplexen Detailregelungen stellen, könnte dann für die nötige Unterstützung sorgen.

Eine weitere Hürde für viele ausländische Bewerber ist laut DIHK die Sprachbarriere. Deshalb spricht sich der Verband dafür aus, den Spracherwerb zu fördern und in ausgewählten Fällen die Anforderungen an das Sprachniveau zu senken. Die deutsche Sprache sei zwar „gerade für kleine und mittlere Unternehmen ohne internationalen Bezug eines der wichtigsten Einstellungskriterien“, doch könnten die Kenntnisse auch während der Beschäftigung erworben werden, so Dercks.

Auch müsste es weitere Anreize für den Spracherwerb geben. Denkbar wäre für den DIHK „eine schnellere dauerhafte Aufenthaltserlaubnis“.

63.000 Auszubildende fehlen: Kooperationen mit ausländischen Schulen denkbar

Neben dem Fachkräftemangel beunruhigt die Betriebe vor allem auch der Arbeitskräfte- und Auszubildenenmangel. Bereits 2021 gab es laut der Bundesagentur für Arbeit über 63.000 unbesetzte Ausbildungsplätze in Deutschland. Deshalb fordert der DIHK auch Reformen für die Einwanderung von Ausbildungsplatzsuchenden ohne Fachhochschulreife. Ein Lösungsvorschlag, um ausländische Schüler auf die deutsche Ausbildung vorzubereiten, wären Kooperationen mit ausländischen Schulen. Zwar mangele es an vergleichbaren Ausbildungssystemen im Ausland, doch könnte so die Eignung und Qualifikation der Bewerber sichergestellt werden.

„Wer zu uns kommt und hier eine Ausbildung absolviert, hat danach gute Beschäftigungschancen“, rechtfertigte Dercks den Aufwand. Die Unternehmen seien bereit, die höheren Kosten zu tragen, denn wenn man den demografischen Wandel betrachtet, spitzt sich die Situation immer weiter zu. Gitta Connemann unterstützt die Vorschläge des DIHK. Die Vorsitzende des MIT forderte: „Alle Ressourcen müssen genutzt werden – im In- und Ausland. Ohne Denkverbote.“

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