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26.05.2022

15:13

Arbeitsmarkt

Fachkräftemangel im MINT-Bereich erreicht neues Allzeithoch – Akute Engpässe in Ostdeutschland

Von: Barbara Gillmann, Dietmar Neuerer

Der Fachkräftemangel in technisch-naturwissenschaftlichen Berufen hat sich gegenüber 2021 fast verdoppelt. In Ostdeutschland ist die Lage besonders in Digitalisierungsberufen brisant. 

Fachkräfte, MINT-Berufe dpa

Fachkräfte

In Digitalisierungsberufen herrscht vor allem in Ostdeutschland ein akuter Mangel an Fachkräften.

Berlin Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) warnt vor einem akuten Fachkräftemangel in Digitalisierungsberufen in Ostdeutschland: „Die neuen Länder drohen bei der Digitalisierung aus Mangel an Humankapital abgehängt zu werden“, heißt es in einer Studie des Instituts im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums, für die der IW-Analyst Alexander Burstedde Daten der Bundesagentur für Arbeit ausgewertet hat. Die Engpässe seien in Deutschland zwar regional sehr ungleich verteilt. Im Osten sei das Arbeitsangebot für Digitalexperten jedoch „deutlich zu niedrig“.

Der Anteil der offenen Stellen in Digitalisierungsberufen, die rein rechnerisch nicht besetzt werden können – die sogenannte Stellenüberhangsquote –, betrug danach 2021 in den ostdeutschen Flächenländern 55 Prozent. Es gab also für jede zweite offene Stelle keine passend qualifizierten Arbeitslosen. 2020 waren es noch 49 Prozent. Zum Vergleich: In den Stadtstaaten, wo die Rekrutierung in Digitalisierungsberufen deutlich leichter falle, seien es 2021 nur 28 Prozent gewesen. 

Deutschlandweit taxiert das IW den Fachkräftemangel in Digitalisierungsberufen im September 2021 auf rund 77.000 fehlende Personen. Es gab damit zu diesem Zeitpunkt für etwa jede zweite offene Stelle keinen passend qualifizierten Arbeitslosen. „Die Unternehmen brauchen deutlich mehr Digitalisierungskompetenzen, als der deutsche Arbeitsmarkt derzeit bereitstellt“, resümiert das Institut.

Die Probleme im IT-Bereich sind Teil des allgemeinen Mangels an Arbeitskräften im sogenannten MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). Die Fachkräftelücke lag nach dem jüngsten MINT-Frühjahrsreport des IW im April bei 320.600 und damit rund doppelt so hoch wie vor einem Jahr. 

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    Nun stehen bundesweit fast einer halben Million offener Stellen rund 180.054 Jobsuchende in einem MINT-Beruf gegenüber. Dabei geht es keineswegs nur um Akademiker – fast die Hälfte davon betreffen Ausbildungsberufe. „Ohne erste Erfolge bei der Zuwanderung würde die Lücke bei über 600.000 liegen“, schreiben die Forscher um den IW-Bildungsexperten Axel Plünnecke. Neben der IT gibt es die größten Engpässe in den Energie- und Elektroberufen. 

    Mehr Frauen in MINT-Berufen

    Als Folge sei etwa die Forschungsleistung in Deutschland – gemessen an Patenten – in den letzten Jahren „allein dadurch gestiegen, dass die Patentanmeldungen von Erfinderinnen und Erfindern mit ausländischen Wurzeln zugenommen haben“, sagte Plünnecke. Bei Patentanmeldungen in Digitalisierungstechnologien sei der Anteil besonders stark gestiegen, nämlich von acht Prozent im Jahr 2010 auf 14 Prozent im Jahr 2018. „In der Branchengruppe Telekommunikation und IT beträgt der Zuwanderungsanteil sogar 22,5 Prozent.“

    Einen kleinen Fortschritt gibt es bei den Bemühungen, mehr Frauen in die meist gut bezahlten, oft aber von Männern dominierten MINT-Berufe zu locken: Ihr Anteil stieg zwischen 2012 und 2021 immerhin von 13,8 auf 15,6 Prozent. Absolut arbeiten nun 1.105.600 Frauen in MINT-Berufen. Hier liegt der Osten mit einem Frauenanteil von 16,6 Prozent vorn, im Westen sind es nur 15,2 Prozent. 

    Als Konsequenz aus den Befunden rät das IW, junge Menschen häufiger für Berufe mit Fachkräftemangel zu begeistern – durch geschlechterneutrale Aufklärung, mehr Praktika und eine Verlagerung des Angebots öffentlich finanzierter Ausbildungs- und Studienplätze hin zu Mangelberufen. „Der digitale Wandel erfordert eine Weiterentwicklung der beruflichen Bildung“, heißt es in der Studie.

    Zudem sollten Arbeitslose „regional und beruflich mobiler“ werden. Mit Blick auf Zuwanderer empfiehlt das IW, die berufliche Anerkennung zu vereinfachen und Sprachhürden abzubauen. „Die Gewinnung internationaler Fachkräfte sollte aktiver und serviceorientierter erfolgen.“

    Familienunternehmer stufen Lücke bei Digital-Fachkräften als besorgniserregend ein

    Der Verband der Familienunternehmer reagierte alarmiert auf die Verschärfung des Fachkräftemangels in Digitalberufen. „Die Zahlen sind besorgniserregend“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Verbands, Albrecht von der Hagen, dem Handelsblatt. Als Konsequenz forderte von der Hagen von der Politik, den Fokus stärker auf das Bildungssystem zu richten.

    Die Schulfächer im sogenannten MINT-Bereich müssten eine Aufwertung erfahren. „Das funktioniert nur mit besseren digitalen Angeboten in den Schulen und mit ausreichend Lehrkräften“, sagte von der Hagen. Gerade bei Lehrern werde es in den kommenden Jahren zu Engpässen kommen, denen die Politik begegnen müsse. „Vielleicht wäre es auch ein Gedanke, dass Lehrer in Mangel-Fächern besser bezahlt werden als der Durchschnitt, um so Anreize zu setzen.“

    Auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertags (DIHK) sieht den zunehmenden IT-Fachkräftemangel mit Sorge. „Die großen aktuellen Herausforderungen wie Energie- oder Mobilitätswende setzen auch einen spürbaren Schub bei der Digitalisierung in Deutschland voraus“, sagte Ilja Nothnagel, Mitglied der DIHK-Hauptgeschäftsführung, dem Handelsblatt. Die deutschen Unternehmen sähen hier trotz enormer Anstrengungen noch „viel Luft nach oben“. „Dabei bleibt dann der Fachkräftemangel eine große Bremse.“

    Nothnagel verwies auf die aktuelle DIHK-Konjunkturumfrage. Danach hätten 62 Prozent der Betriebe der IT-Branche den Fachkräftemangel als „ein Hauptgeschäftsrisiko“ angegeben. In der Gesamtwirtschaft seien es hingegen 56 Prozent gewesen. „Für eine erfolgreiche digitale Transformation fehlt es aus Sicht der Unternehmen zudem an den richtigen Rahmenbedingungen“, fügte der DIHK-Experte hinzu. „Eine unzureichende digitale Infrastruktur bremst die deutsche Wirtschaft aus“, warnte Nothnagel.

    So würden knapp 30 Prozent aller Betriebe noch immer über einen schlechten Zugang zu schnellem Internet klagen. „Außerdem wünschen sich die Betriebe von der Politik mehr Unterstützung bei Digitalisierungsvorhaben und einen besseren Zugang zu Fördermitteln, um innovative Technologien und neuer Geschäftsmodelle schneller umsetzen zu können“, erklärte Nothnagel.

    Hohe Nachfrage nach IT-Fachkräften mit Berufsausbildung

    Zu den Regionen, in denen der Fachkräftemangel nicht so stark ausgeprägt ist, zählt Berlin. In der Hauptstadt liegt die Stellenüberhangsquote der Studie zufolge bei 25,7 Prozent, obwohl es dort einen sehr starken Beschäftigungsaufbau in Digitalisierungsberufen gegeben habe. „Arbeitgeber finden dort also immer noch verhältnismäßig leicht neue Arbeitskräfte“, heißt es in der Untersuchung.

    Auch Hamburg (23,2 Prozent) und Bremen (28,3 Prozent) seien „Inseln guter Rekrutierungschancen“ im Vergleich zum jeweiligen Umland. Es gebe jedoch auch Großstädte, in denen Digitalisierungskompetenzen rar seien. Die Studie nennt hier vor allem Leipzig (60,1 Prozent) und Frankfurt (69,6 Prozent).

    In den Ländern ist die Stellenüberhangsquote am niedrigsten in Nordrhein-Westfalen (33,2 Prozent) und Baden-Württemberg (39,8 Prozent), knapp vor Schleswig-Holstein (39,9 Prozent). Am schwierigsten ist die Rekrutierung von Personal mit Digitalisierungskompetenzen in Mecklenburg-Vorpommern (53,8 Prozent) und Thüringen (54,8 Prozent).

    Als Digitalisierungsberufe gelten etwa Mechatroniker, die Roboter für die industrielle Produktion bauen, oder IT-Systemelektroniker, die beispielsweise Systeme der Informations- und Telekommunikationstechnik planen und installieren. Hier war der IW-Studie zufolge der Fachkräftemangel mit Abstand am größten. Für 70 Prozent der offenen Stellen gab es demnach im September 2021 deutschlandweit keine passend qualifizierten Arbeitslosen.

    Den mit Abstand größten Beschäftigungsaufbau von 2013 bis 2020 hat es bei IT-Berufen gegeben (plus 41 Prozent). Dies geht laut IW insbesondere auf das Wachstum bei Experten mit Master, Diplom und ähnlicher Qualifikation zurück (plus 84,2 Prozent).

    Aber auch die Nachfrage nach IT-Fachkräften mit Berufsausbildung sei sehr hoch – deren Beschäftigung stieg um 48 Prozent. „Dies darf als Erfolgsgeschichte des Ausbildungsberufs Fachinformatiker gewertet werden, der mit seinen inzwischen vier Fachrichtungen den Bedarf der Unternehmen gut zu treffen scheint“, resümiert das IW in seiner Untersuchung.

    Die größten Beschäftigungszuwächse gab es demnach bei Spezialisten für Technische Informatik (plus 232,9 Prozent), Experten für IT-Anwendungsberatung (plus 159,6 Prozent) und Experten für Softwareentwicklung (plus 99,1 Prozent).

    Digitalisierungsberufe bieten gute Verdienstmöglichkeiten

    Der Beschäftigungsaufbau in den digitalen Elektro-Berufen ist durch den anhaltenden Fachkräftemangel laut der Studie „stark gehemmt“. Das betrifft etwa sogenannte Bauelektriker, auch wenn nicht alle offenen Stellen einen Digitalisierungsfokus haben. Bauelektriker dürften demnach primär klassischen Bautätigkeiten nachgehen, wie beispielsweise Stromleitungen verlegen und Sicherungskästen installieren.

    Sie sind aber auch verantwortlich für das Verlegen von Datenleitungen sowie das Installieren von Smart-Home-Systemen. Abseits der Digitalisierung spielen sie auch eine wichtige Rolle beim Klimaschutz, etwa wenn sie Wallboxen und Photovoltaikanlagen einbauen.

    Als besonders relevant für die Digitalisierung gilt auch der Ausbildungsberuf „Elektroniker/-in für Betriebstechnik“. Experten aus diesem Bereich richten Steuerungen für automatisierbare Systeme ein oder programmieren speicherprogrammierbare Steuerungen (SPS) zur Regelung von Maschinen. „Diese Tätigkeiten sind für eine Digitalisierung der Industrie unerlässlich“, betont das IW in seiner Studie. Ebenfalls relevant sind Experten für Informatik. Diese sind laut IW „ein Sammelbecken für neue IT-Berufe wie etwa den Data Scientist oder den Machine Learning Engineer“.

    Viele Digitalisierungsberufe bieten der Studie zufolge gute Verdienstmöglichkeiten: Junge Arbeitskräfte unter 40 verdienen demnach am meisten als Führungskräfte für Softwareentwicklung, die 2020 einen Medianlohn von 6.131 Euro erzielt haben (Brutto in Vollzeit). Danach folgen Experten für Luft- und Raumfahrt- sowie Kraftfahrzeugtechnik mit 5.924 und 5.889 Euro. Auf dem Anforderungsniveau „Spezialist“ sei die Informatik mit 4.968 Euro am lukrativsten.

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