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28.12.2018

03:55

In der Chemie ist die duale Ausbildung noch gefragt. BASF SE

Auszubildende im Labor

In der Chemie ist die duale Ausbildung noch gefragt.

Ausbildung in Dax-Konzernen

Die neuen Leer-Stellen

Von: Barbara Gillmann

Deutschlands Großkonzerne haben die Zahl ihrer Ausbildungsplätze deutlich reduziert. Nicht nur Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer warnt vor den Folgen.

Berlin Anfang Oktober feierte Daimler den Start des neuen Ausbildungsjahrgangs: Knapp 1.700 Schulabgänger machen nun eine Lehre in einem der gut 30 Ausbildungsberufe „beim Daimler“, wie es im Südwesten heißt. Sie „gestalten mit ihren frischen Ideen und ihrer Begeisterung die Mobilität der Zukunft“, lobte Daimler-Boss Dieter Zetsche.

Insgesamt ist das Ausbildungsengagement bei Daimler jedoch gesunken. Im Lehrjahr 2017/18 gab es 5.330 Lehrlinge. Die Ausbildungsquote, also das Verhältnis zur Gesamtzahl der Beschäftigten, lag bei 3,1 Prozent. Zehn Jahre zuvor waren es noch 7500 Lehrlinge – die Quote lag bei satten 4,5 Prozent.

Daimler ist kein Einzelfall: Die Vorzeigeunternehmen der Republik sind bei der Ausbildung von Lehrlingen auf dem Rückzug, ergab eine Umfrage des Handelsblatts. Von 28 Konzernen, die Angaben machten, weisen 20 heute eine deutlich niedrigere Ausbildungsquote auf. Und das trotz eines seit Jahren anhaltenden Aufschwungs.

Die Digitalisierung bewirkt nicht, dass beruflich ausgebildete Fachkräfte obsolet und nur noch Akademiker gesucht werden. Im Gegenteil: Gesamtwirtschaftlich ist der Mangel an dual ausgebildeten Fachkräften ein echtes Problem: „Der Mangel erfasst mehr und mehr Regionen und Branchen. Dabei geht es immer öfter um beruflich qualifizierte Fachkräfte, nicht um Akademiker“, heißt es etwa beim Institut der Deutschen Wirtschaft (IW).

Die vom IW errechnete Arbeitskräftelücke in den für die deutsche Wirtschaft zentralen Mint-Berufen – also Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – hat zuletzt einen Allzeit-Rekordwert von 338.200 Personen erreicht – der Anteil der Nicht-Akademiker darunter ist auf die Rekordmarke von fast 70 Prozent gestiegen.

Die Konzerne bilden dennoch weniger aus: So gab es etwa bei der Telekom pro 100 Mitarbeiter vor zehn Jahren 7,6 Auszubildende, 2017/18 waren es noch 4,2. Bei der Deutschen Bank sank die Quote seit 2007 von 5,2 auf 3,0 im Jahrgang 2017/18. Bei RWE waren es vor einer Dekade noch 7,2, zuletzt nur noch sechs Prozent.

Volkswagen hat zwar die absolute Zahl der Lehrlinge deutlich von 7.700 auf 11.500 gesteigert. Das lag jedoch an vielen Übernahmen, durch die sich die Mitarbeiterzahl auf knapp 290.000 fast verdoppelte. Relativ gesehen sank die Quote von 4,6 auf vier Prozent.

Grafik

Die rückläufige Ausbildung findet auch Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer nicht in Ordnung. Speziell zu den Dax-Konzernen will er sich zwar nicht äußern, doch für diese gelte wie für die gesamte Wirtschaft: „Alle Unternehmen müssen mehr ausbilden – auch mehr Nicht-Olympioniken.“ Betriebe dürften sich nicht nur über Fachkräftemangel beschweren. „Selber ausbilden ist die Parole“, sagte Kramer dem Handelsblatt

Ein Überblick über die Ausbildungsanstrengungen im neuen Lehrjahr 2018/19, das im Herbst begann, ist derzeit noch nicht möglich, da diverse Konzerne die Quoten erst im kommenden Jahr bekanntgeben. Die Angaben, die dem Handelsblatt bereits vorliegen, lassen jedoch keine Besserung, sondern eher einen weiteren Rückgang erwarten.

Insgesamt gibt es in Deutschland aktuell rund 1,3 Millionen Azubis. Die große Masse – fast eine Million – lernt in Klein- und Mittelbetrieben. Dort kommen in den Betrieben, die ausbilden, auf 100 Mitarbeiter 5,7 Lehrlinge. In Großbetrieben ab 500 Beschäftigten liegt die Quote bei nur 4,3 Prozent.

„So gut wie gar keine Lehrlinge“ habe Deutschlands wertvollster Konzern SAP, räumte ein Sprecher nach mehrfachen Anfragen ein. Es gebe zwar den Ausbildungsberuf des mathematisch-technischen Softwareentwicklers – das sei aber nur etwas für die Automobilindustrie, etwa zur Motorsteuerung.

Für die Entwicklung der SAP-Software könne man keine Azubis gebrauchen. Auch in der Verwaltung setzt man bei SAP nicht auf eigenen Nachwuchs. Duale Studenten bildet der Software-Konzern aus: Zuletzt waren es 475 und damit drei Prozent der rund 15.500 Beschäftigten in Deutschland.

Positive Ausnahmen bei der Lehrlingsausbildung sind viele Chemie- und Pharmakonzerne – mit Ausnahme von Bayer haben sie ihre Quote sogar erhöht, Henkel hat sie zumindest stabil gehalten. Auch Dax-Neuling Vonovia sticht positiv heraus: Der größte deutsche Wohnungskonzern konnte die Azubiquote deutlich steigern. Mehr Lehrlinge hat auch die Deutsche Börse eingestellt.

DGB-Vizechefin Elke Hannack: „Vorzeigeunternehmen müssen über Bedarf ausbilden“

DGB-Vizechefin Elke Hannack

„Vorzeigeunternehmen müssen über Bedarf ausbilden“

Konzerne müssen bei der Ausbildung Vorbilder sein, sagt die Vize-Vorsitzende des DGB. Auch die Konzernchefs sollten persönlich Verantwortung übernehmen.

An mangelnder Nachfrage der Bewerber liegt es nicht: Anders als viele kleine und mittlere Unternehmen bekommen Konzerne mit Weltruf noch immer weit mehr Bewerbungen, als sie Plätze haben. So bewarben sich etwa bei Bayer auf 731 Ausbildungsplätze mehr als 18.000 Schulabgänger. Bei der Deutschen Post DHL Group konkurrierten 2017 35.000 junge Menschen um 2600 Plätze.

RWE berichtet zwar davon, dass „die Attraktivität der dualen Ausbildung nachgelassen“ habe – es gibt dort jedoch noch immer dreimal so viele Bewerber wie Plätze. Der einzige Dax-Konzern, der nicht besetzte Lehrstellen meldet, ist Heidelberg Cement: Von insgesamt 207 Lehrstellen konnten 21 im gewerblichen Bereich nicht besetzt werden.

Nach den Gründen für den Abwärtstrend bei der Lehre befragt, geben die allermeisten Unternehmen an, dass sie nur für den eigenen Bedarf ausbilden. Früher gehörte es bei großen Unternehmen zum guten Ton, über den eigenen Bedarf hinaus auszubilden – und damit für kleinere Unternehmen, vor allem verbundene, Zulieferer oder Kunden. Das ist offenbar passé.

Beispielsweise bei RWE, wo man „jahrelang über den eigenen Bedarf hinaus“ ausbildete. Auch Eon stellt seit 2014 nur noch so viele Lehrlinge ein, wie das Unternehmen auch weiterbeschäftigen möchte.

2007 berichtete die mittlerweile von der Commerzbank geschluckte Dresdner Bank noch stolz, man habe die Übernahmequote auf 63 Prozent gesteigert – mehr als ein Drittel hatte das Unternehmen damals also für andere ausgebildet. Die Commerzbank macht dazu heute keine Angaben.

Einzig die Telekom gibt an, sie übernehme rund 70 Prozent – bildet also drei von zehn Lehrlingen für andere aus. Das liegt teilweise daran, dass sich nicht alle für eine Anschlussstelle im Konzern bewerben. Auch Bayer bildet im Rahmen der „Ausbildungsinitiative Rheinland“ 69 Azubis für kleinere Firmen und Handwerker mit aus.

Alle Unternehmen müssen mehr ausbilden – auch mehr Nicht-Olympioniken. Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer

Der Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) Friedrich Hubert Esser, kritisiert die Entwicklung als höchst schädlich für die Wirtschaft insgesamt: Viele Unternehmen „rechnen heute viel kostenorientierter, wo sie auch bei der Ausbildung sparen können“. Das sei „ökonomisch zunächst nachvollziehbar“, aber ein Arbeitsmarkt wie der deutsche, der zentral auf der berufsspezifischen Ausbildung beruhe, „kann nur funktionieren, wenn genügend attraktive Ausbildungsplätze angeboten werden“.

Esser warnt die Konzerne, die heute weniger ausbilden, dass sie „sich langfristig auch ins eigene Fleisch schneiden, denn defensives Ausbildungsverhalten fällt auf sie selbst zurück, wenn in ihrer Branche insgesamt Fachkräfte fehlen“.

Die Konzerne „würden auch keinem Mittelständler die Azubis wegnehmen“, wenn sie mehr ausbildeten, versichert der BIBB-Präsident, „denn unterm Strich gibt es durchaus noch Zehntausende unversorgte Bewerber, auch im Übergangssystem“. Das „Übergangssystem“ meint all die Maßnahmen, in denen Schulabgänger keinen Beruf lernen, sondern an Berufsschulen einen Schulabschluss nachholen, Kompetenzen verbessern oder schlicht überwintern, bis sie eine Lehrstelle finden.

DGB-Vizin Elke Hannack schlug vor, „es wäre hilfreich, wenn die Kanzlerin Dax-Konzerne mal zu einem Gipfel ‚Verantwortung für Ausbildung‘ einladen würde“.

2017 sind erneut fast 300.000 junge Leute in dieses System eingemündet, das auch als „Warteschleife“ kritisiert wird.

Der Ausbildungsexperte des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW), Dirk Werner, sieht eine Mitschuld der Arbeitnehmer: Die nahezu verschwundene Bereitschaft, über Bedarf auszubilden, „hat auch mit dem Druck der Betriebsräte und Gewerkschaften zu tun: Diese drängen seit vielen Jahren darauf, dass die Konzerne möglichst alle Azubis auch unbefristet übernehmen sollen.“

So sehe etwa der Metall-Tarifvertrag vor, dass Azubis dort nach erfolgreicher Prüfung für mindestens ein Jahr übernommen werden. Auch die IG BCE mache großen Druck auf unbefristete Übernahmen.

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„Auch für die Azubis selbst ist es nicht angenehm, wenn sie am Ende einer Lehre bei Daimler oder der Deutschen Bank nicht übernommen werden“, meint Werner. Das liege auch daran, dass die Karrierechancen im Mittelstand kaum bekannt seien: „Hier hilft nur Aufklärung und eine weit bessere Berufsorientierung in den Schulen.“

Der einzige Konzern, der neben den eigenen Azubis auch gezielt im Auftrag anderer Unternehmen ausbildet, ist Siemens: So kamen 2017 zu den 3.800 Siemens-Azubis noch 2300 von Kooperationspartnern und anderen kleineren Betrieben hinzu.

Parallel zum Abbau der Ausbildung klassischer Lehrlinge haben viele Konzerne die Einstellung von dualen Studenten hochgefahren. Die naheliegende Vermutung, dass Lehrlinge schlicht durch duale Studenten ersetzt werden, weisen die meisten Konzerne aber zurück. „Höhere Berufsprofile nehmen zu, unter anderem aufgrund des Outsourcings spezifischer Tätigkeiten und der Globalisierung“, heißt es etwa bei Linde.

Lediglich die Deutsche Bank spricht von „kommunizierenden Röhren“, also dass die Gesamtzahl aus Auszubildenden und Studenten etwa gleich bleibt.

Dennoch betrachten manche Konzerne beide Arten der Ausbildung zusammen. So beharrt etwa VW darauf, dass dort die „Ausbildungsquote“ 2007 und 2017 gleich hoch war. Teilweise geben Konzerne gar keine getrennten Zahlen mehr bekannt.

Wie Konzerne bei Ausbildungszahlen mauern

Rechercheprobleme

Ausbildungszahlen und -quoten in den gut besetzten Pressestellen der Dax-Konzerne abfragen? Klingt einfach – geriet aber zu einem monatelangen Gezerre. Manche Pressestelle reagierte erst auf die dritte E-Mail. Daten von 2007 zum Vergleich? Sind leider nicht mehr vorhanden, hieß es etwa bei der Commerzbank – obwohl im Netz ein Geschäftsbericht zugänglich ist. Andere lehnten die Herausgabe mit dem Verweis ab, die Ausbildungsquote von damals sei mit der aktuellen „nicht vergleichbar“.

Der wertvollste deutsche Konzern SAP teilte zunächst mit, er wolle „nicht an der Umfrage teilnehmen“. Erst nach Monaten gab er bekannt, es gebe so gut wie keine Azubis, sondern lediglich duale Studenten. Auffällig: Rechercheprobleme verursachten ausschließlich solche Konzerne, die wenig ausbilden oder stark nachgelassen haben. Andere lieferten Daten nach wenigen Tagen.

Duales Studium

Erst im Laufe der Recherche fiel auf, dass sehr viele Konzerne bei den „Auszubildenden“ die dualen Studenten schlicht mitrechnen – ohne jedoch darauf hinzuweisen. Auf die Bitte nach getrennten Daten von Azubis und Studenten versteiften sich diverse Konzerne darauf, dies sei „nicht möglich“. Einige fanden nach mehrmaligem Nachfragen dann doch getrennte Daten. Andere blieben hart.

Verhältnis der Azubis zur Mitarbeiterzahl

Auch die statistisch eindeutige Kennzahl „Ausbildungsquote“ – also das Verhältnis der Azubis zur Mitarbeiterzahl wird da schon mal unterschiedlich ausgelegt, so dass beim Nachrechnen Differenzen entstanden. „Wir berechnen das auf einer anderen Basis“, die man leider nicht veröffentlichen könne, hieß es dann.

Doch selbst wenn man klassische Azubis und duale Studenten zusammenrechnet, kommt man auf mindestens elf Dax-Konzerne, bei denen auch diese „Gesamt-Ausbildungsquote“ seit 2007 merklich gesunken ist. Das gilt etwa für Daimler, Deutsche Bank, Deutsche Post, Telekom, Eon, Heidelcement und die Lufthansa.

Mancher Konzern habe die Nachwuchsstrategie radikal verändert, berichtet BIBB-Präsident Esser – etwa bei Industriekaufleuten oder Büromanagern: „Statt junge Leute selbst auszubilden, holen sie sich lieber BWL-Bachelor von der Fachhochschule, die sie dann ,on the job‘ qualifizieren.“

Das sei „vielleicht aus Unternehmenssicht rational, berufsbildungspolitisch allerdings bedenklich“. Denn so „haben hier Schulabgänger ohne Abitur keine Chance mehr“, zudem „werden Ausbildungskosten quasi sozialisiert, indem sie auf die Fachhochschulen und damit auf den Staat verlagert werden“.

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