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04.11.2022

15:05

Autobahngesellschaft

„Kein Licht am Ende des Tunnels“ – Frust bei Mitarbeitern der Autobahn GmbH

Von: Daniel Delhaes

Die Angestellten der neuen Autobahngesellschaft beklagen Personalmangel und Überstunden, die Gewerkschaften schlagen Alarm. Die Lage gefährdet einen wichtigen Plan von Minister Volker Wissing.

Bei der Autobahngesellschaft des Bundes herrscht eine angespannte Personallage. dpa

Bau einer Autobahnbrücke in Sachsen

Bei der Autobahngesellschaft des Bundes herrscht eine angespannte Personallage.

Berlin Für Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) gibt es angesichts des Fachkräftemangels keinen Zweifel: Jeden, der sich für einen Job rund um die Verkehrsinfrastruktur interessiert, muss der Staat „mit vielen ausgestreckten Händen empfangen“, erklärte Wissing kürzlich bei einem Fachkräftegipfel in seinem Ministerium. „Moderne Infrastrukturen sind auch Voraussetzung für Klimaschutz“, warb er gleich noch für die bundeseigenen Gesellschaften - sei es nun die Deutsche Bahn AG, die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung - oder die Autobahn GmbH.

Von ausgestreckten Händen ist hingegen bei der neuen Autobahngesellschaft nicht die Rede. In einem Brandbrief an die drei Geschäftsführer beklagt der Gesamtbetriebsrat „überdurchschnittlich hohe Überstunden“ und „ausgereizte Gleitzeitstunden“. Die Vertreter der insgesamt mehr als 10.000 Mitarbeiter bemühen sogar den Hinweis „auf die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers“. Die Personalsituation müsse sich „drastisch und entscheidend verbessern“, heißt es. Der Brief liegt dem Handelsblatt vor.

Seit 2021 soll die neue Zentralgesellschaft die 13.000 Kilometer Autobahnen besser und günstiger verwalten als es zuvor die 16 Bundesländer jahrzehntelang erledigt haben. Doch bis heute hakt es, kann die Gesellschaft nicht all die Milliarden des Bundes verbauen, um Autobahnbrücken zu sanieren, Straßen zu erhalten und das Netz auszubauen. Stattdessen verschlingt die Gesellschaft für ihre Verwaltung weit mehr als geplant. Und nun verschärfen sich offenkundig die Personalprobleme.

Nach Auskunft der Autobahn GmbH sind mehr als 1000 Stellen unbesetzt. Doch das allein scheint nicht das größte Problem zu sein: Der Gesamtbetriebsrat beklagt Aktionismus, immer neue „Leuchtturmprojekte“ und „nicht funktionierende Prozesse“, die die Kollegen „zusätzlich und über Gebühr“ belasteten. Entsprechend groß ist die Unzufriedenheit der Mitarbeiter. Ein Sprecher der Gesellschaft erklärt, in der Aufbauphase ließe Mehrarbeit „nicht völlig vermeiden“.

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    Kündigungswelle bei der Autobahn

    „Die Stimmung ist äußerst schlecht“, heißt es hingegen in der Belegschaft. „Die Entwicklung der GmbH sehen die eigenen Beschäftigten immer kritischer.“ Die Fluktuation im Unternehmen ist hoch. Zuletzt kündigten vor allem in der Personalabteilung Abteilungsleiter, andere meldeten sich dauerhaft krank, wie Mitarbeiter berichten. „Resignation“ habe sich eingestellt; es gebe „kein Licht am Ende des Tunnels“.

    Mitarbeiter würden „die Autobahn wieder verlassen, obwohl wir den Anspruch haben, auf Dauer ein attraktiver Arbeitgeber zu sein“, beklagen die Betriebsräte. Und da es keine bundesweiten Qualifizierungskonzepte gebe, entstehe auch kein „überregionales Wir-Gefühl“.

    Ohnehin müssen die Länder weiter unterstützend aushelfen – und nicht nur sie, wie aus dem Brief des Gesamtbetriebsrates hervorgeht. Darin heißt es, die Niederlassungen müssten anstelle der Zentrale Reisekosten, Beihilfen, Trennungsentschädigungen oder Höhergruppierungen abwickeln. Dies führe dazu, dass die „Kernaufgaben“ - die Autobahnen zu verwalten - „nicht abgewickelt werden können“.

    Inzwischen vergrätzt die Geschäftsführung auch die Gewerkschaften. So wirft der Deutsche Beamtenbund der Geschäftsführung „grobes Foulspiel“ und „Unzuverlässigkeit“ vor. Im September hatten sich beide Seiten darauf verständigt, Fahrer von großen Gerätefahrzeugen besser zu bezahlen und deren Arbeitsbedingungen zu verbessern.

    Nun soll die Einigung nicht mehr gelten. „Die Arbeitgeber haben interne Probleme, und die Beschäftigten sollen sie durch Verzicht lösen“, schimpft die Gewerkschaft und droht, ihre Ziele notfalls „auch im Konflikt zu verfolgen“.

    Länder halten an der Projektgesellschaft Deges fest

    Angesichts der vielen Probleme kracht es auch zwischen dem Bund und den Ländern. Der Zankapfel ist die seit der Wiedervereinigung gewachsene und gut arbeitende Projektmanagementgesellschaft Deges. Sie wickelt für den Bund und inzwischen für viele Länder Autobahnprojekte ab, vor allem auch komplizierte Großprojekte wie Brücken. Auch die Deges sucht händeringend Mitarbeiter, 70 Ingenieure sollen fehlen, um allein die laufenden Projekte abzuwickeln. Darunter sind Autobahnprojekte im Volumen von mehr als 20 Milliarden Euro. Bald schon will die Deges mehr als 500 Mitarbeiter beschäftigen.

    Seit die Autobahn GmbH existiert, sind die Deges-Mitarbeiter aber verunsichert ob der eigenen Zukunft. Die Deges-Geschäftsführung drängt darauf, Klarheit zu schaffen. „Die Belegschaft beobachtet die Entwicklung sehr genau“, heißt es. Leistungsträger würden von anderen Unternehmen umworben. Es sei wichtig, die Marke Deges zu stärken und das Gehaltssystem anzupassen, um mit der freien Wirtschaft mithalten zu können.

    Die Beamten von Verkehrsminister Wissing würden aber viel lieber die Anteile der Bundesländer übernehmen und die Deges der Autobahn GmbH als Tochtergesellschaft unterstellen - am schon Ende des Jahres. So soll die Autobahn GmbH endlich schlagkräftig Projekte managen können. Die Deges indes – und mit ihr fast alle Gesellschafterländer - lehnen ab, wie bei der letzten Aufsichtsratssitzung deutlich wurde. Sie wollen die gut funktionierende Gesellschaft erhalten, um mit ihrer Hilfe die im Auftrag des Bundes verwalteten Bundesstraßen, die dortigen Brücken und ebenso Landstraßen in bewährter Manier zügig sanieren zu können. Diese Woche haben sich die Länder auf Ebene der Staatssekretäre erneut besprochen.

    „Die Angliederung an die Autobahn GmbH wäre der Tod auf Raten“, hieß es im Vorfeld. Angesichts der Probleme der Autobahngesellschaft lautete die selbstbewusste Losung: „Die einfachste und schnellste Lösung wäre, wenn die Autobahn der Deges beitritt.“

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