Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

03.05.2022

15:13

Beschäftigung

Arbeitskräftemangel verschärft sich – Sind Zuwanderung und bessere Arbeitsbedingungen die Lösung?

Von: Jürgen Klöckner, Frank Specht

Die Wirtschaft hofft angesichts absehbarer neuer Beschäftigungsrekorde auf verstärkte Zuwanderung. Aber auch im Inland gibt es noch Potenzial.

Seniorenheim dpa

Gesundheitswesen

Altenpflegerin und Bewohnerin eines Seniorenheims.

Berlin Ukrainekrieg, Lieferkettenprobleme, steigende Inflation – all das kann dem deutschen Arbeitsmarkt bisher nichts anhaben. Die von der Coronapandemie nur kurzzeitig unterbrochenen Beschäftigungsrekorde steuern auf eine Fortsetzung zu. Der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Detlef Scheele, sagte am Dienstag bei der Präsentation der aktuellen Arbeitsmarktdaten, es sei schon seit Langem eine „faktische Entkopplung zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und Arbeitslosenzahl“ zu beobachten.

Die zeigt sich auch aktuell. Vergangene Woche hatte die Bundesregierung ihre Wachstumsprognose für das laufende Jahr von 3,6 Prozent auf 2,2 Prozent BIP-Wachstum heruntergeschraubt. Und trotzdem stellen die Unternehmen neue Mitarbeiter ein. Das Statistische Bundesamt zählte im März rund 45,2 Millionen Erwerbstätige. Damit wurde erstmals der Stand vom Februar 2020 – also vor Beginn der Coronabeschränkungen in Deutschland – wieder übertroffen.

Auch die Zahl der im April neu gemeldeten offenen Stellen bewege sich bereits wieder über Vorkrisenniveau, sagte Scheele. „Die Nachfrage nach neuen Arbeitskräften ist weiter sehr hoch.“

Der Stellenindex BA-X der Bundesagentur, ein Indikator für den Arbeitskräftebedarf, setzte im April seinen Aufwärtstrend fort und ist auf den höchsten Stand seit Beginn der Erhebung im Jahr 2005 geklettert. Damals gab es mit fast fünf Millionen Arbeitslosen allerdings noch ein Reservoir, aus dem die Unternehmen schöpfen konnten.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Im April dieses Jahres waren noch gut 2,3 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet – 462.000 weniger als vor einem Jahr. Die Arbeitslosenquote sank um 0,1 Prozentpunkte auf 5,0 Prozent. In Bayern ist die Quote erstmals im laufenden Jahr auf unter drei Prozent gefallen, der Freistaat ist damit nahe an der Vollbeschäftigung.

    Entsprechend schwer fällt es vielen Unternehmen, Mitarbeiter zu finden. Der Hauptgeschäftsführer des Maschinenbauverbands VDMA, Thilo Brodtmann, ist alarmiert. „Der Fachkräftemangel droht dringend benötigtes Wachstum auszubremsen“, sagte er dem Handelsblatt.

    Gastgewerbe braucht dringend Mitarbeiter

    Besonders stark gestiegen ist die Personalnachfrage im Gastgewerbe, das sich gerade vom Coronalockdown erholt. Unternehmensdienstleister oder Industriebetriebe suchen ebenfalls neue Mitarbeiter, auch wenn das verarbeitende Gewerbe den Beschäftigungshöchststand aus dem Jahr 2019 noch nicht wieder erreicht hat.

    Inwieweit Geflüchtete aus der Ukraine dazu beitragen können, Arbeitskräftebedarfe zu decken, sei momentan noch völlig unklar, sagte BA-Chef Scheele. Man wisse nicht, ob und wie lange sie hierbleiben wollten. Außerdem seien von den rund 580.000 registrierten Geflüchteten etwa 40 Prozent Kinder und zehn Prozent Menschen jenseits des erwerbsfähigen Alters.

    Aus der Wirtschaft wächst deshalb der Druck auf die Regierung, ganz unabhängig von der Fluchtbewegung aus der Ukraine Zuwanderung nach Deutschland zu erleichtern und die im Koalitionsvertrag versprochene Reform des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes rasch anzugehen.

    Ausländische Fachkräfte könnten dazu beitragen, den Personalmangel zu lindern, sagte VDMA-Hauptgeschäftsführer Brodtmann. „Voraussetzung dafür sind unbürokratische und transparente gesetzliche Regelungen – sowohl für die Unternehmen hier als auch für arbeitssuchende Fachkräfte im Ausland.“

    Gastronomie dpa

    Suche nach Arbeitskräften für die Gastronomie

    Viele Betriebe mussten während der Lockdowns Personal entlassen.

    Das von der Ampel in Aussicht gestellte Punktesystem für die Einwanderung sei ebenso bedeutsam wie eine möglichst reibungslose Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse. Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) hatte jüngst im Interview mit dem Handelsblatt angekündigt, die Ampelregierung werde „ein modernes Einwanderungsrecht schaffen, um Arbeitskräfte zu gewinnen, die wir dringend brauchen“.

    Allerdings richten sich die Blicke der Unternehmen nicht nur nach außen, sondern auch auf die inländischen Potenziale – etwa in der Pflegebranche, wo der Fachkräftemangel besonders dramatisch ist. So errechnete die Krankenkasse Barmer kürzlich, dass der Branche bis 2030 rund 182.000 zusätzliche Arbeitskräfte fehlen. Die Bertelsmann-Stiftung geht gar von bis zu 500.000 fehlenden Pflegekräften aus.

    Die Gründe für den Mangel sind vielfältig. Im Wesentlichen aber trifft ein steigender Personalbedarf durch mehr und mehr Pflegebedürftige auf teils unattraktive Arbeitsbedingungen. Die Probleme sind seit Jahren bekannt, wirklich verbessert hat sich die Lage allerdings nicht. Eine am Montag von Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) vorgestellte Expertenkommission für eine Krankenhausreform soll dies zumindest in den Kliniken ändern.

    Pflegebranche könnte großes inländisches Arbeitskräftepotenzial heben

    Das Potenzial ist durchaus gegeben, wie eine von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie nahelegt. Demnach stünden mindestens 300.000 Vollzeitpflegekräfte zusätzlich zur Verfügung, wenn es gelänge, Aussteiger zur Rückkehr in den Beruf und Teilzeitkräfte zur Aufstockung ihrer Arbeitszeit zu motivieren. Voraussetzung wäre aber eine deutliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen.

    Für die Studie, an der auch die Arbeitnehmerkammer Bremen, die Arbeitskammer des Saarlandes und das Institut Arbeit und Technik (IAT) beteiligt waren, wurden rund 12.700 ausgestiegene sowie in Teilzeit beschäftigte Pflegekräfte befragt. Als zentrale Bedingungen für die Rückkehr in den Beruf oder eine Aufstockung der Arbeitszeit nannten die Befragten beispielsweise eine bessere Bezahlung, verlässliche Arbeitszeiten und mehr Zeit für menschliche Zuwendung.

    In einem optimistischen Szenario stünden dann sogar bis zu 660.000 Vollzeitpflegekräfte zusätzlich bereit. IAT-Forschungsdirektorin Michaela Evans sagte am Dienstag, die Studie beinhalte einige wichtige Themen für die Expertenkommission der Bundesregierung, deren Mitglied sie ist.

    Die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Heike Baehrens, sieht nun auch Arbeitgeber in der Verantwortung: „Durch eine gute und wertschätzende Führungs- und Anleitungskultur in den Einrichtungen können sie den vielen, gut ausgebildeten Fachkräften in unserem Land den Weg zurück in die Pflege ebnen“, sagte sie. „Der Teufelskreis aus zu wenig Personal und der Überlastung des verbleibenden Personals, das dann Arbeitszeiten reduziert oder gar den Beruf verlässt, kann hier durchbrochen werden.“

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×