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06.09.2019

10:13

Bevölkerungsbefragung

Abwanderung, Alterung, Männerüberhang: Studie sieht Demokratie in Ostdeutschland in Gefahr

Von: Dietmar Neuerer

Die Deutschen blicken skeptisch auf Zuwanderung – vor allem im Osten sind die Vorbehalte groß. Warum das gefährlich ist, zeigt eine Untersuchung.

Vor allem die ländlichen Regionen im Osten sind stark von Abwanderung und einer alternden Bevölkerung betroffen. dpa

Wahlveranstaltung der AfD

Vor allem die ländlichen Regionen im Osten sind stark von Abwanderung und einer alternden Bevölkerung betroffen.

Berlin In Ostdeutschland kann die vorhandene Skepsis gegenüber Zuwanderung in Kombination mit Abwanderung, Alterung und Frauenschwund zu einer echten Gefahr für eine offene Gesellschaft werden. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB).

Für die Untersuchung wurden exemplarisch vor allem ländliche Gebiete Thüringens in den Blick genommen. Dafür wertete die Studienautorin, die Soziologin Katja Salomo, Daten des Thüringen-Monitors aus, einer seit dem Jahr 2000 jährlich stattfindenden repräsentativen Bevölkerungsbefragung zur politischen Kultur in Thüringen. Ein Schwerpunkt liegt auf der Erforschung rechtsextremer Einstellungen, der Demokratieakzeptanz, der Demokratiezufriedenheit, des Institutionenvertrauens und der politischen Partizipation der Thüringer Bevölkerung.

Bislang wurden intolerante Einstellungen in Ostdeutschland oft mit der wirtschaftlichen Situation und der Höhe der Arbeitslosigkeit erklärt. Die Analyse von Salomo zeigt dagegen für Thüringen: In Gegenden, wo eine hohe Abwanderung auf eine alternde Bevölkerung treffe, fühlten sich Menschen oft sozial benachteiligt. „Das wiederum führt vermehrt zu demokratieskeptischen und fremdenfeindlichen Einstellungen“, heißt es in der Studie.

Ausschlaggebend für diese Entwicklung sind laut der Studie Unterschiede in der sogenannten „demografischen Homogenität“, dem Zusammentreffen ungünstiger Bevölkerungsentwicklungen. Die Studie nennt hier neben hohen Abwanderungsraten, eine stark alternde Bevölkerung und einen Überhang von Männern im heiratsfähigen Alter. In Thüringen seien davon vor allem die ländlichen Gebiete betroffen.

In Landkreisen wie etwa Greiz, Saalfeld-Rudolstadt, dem Saale-Orla-Kreis, Sonneberg und Schmalkalden-Meinigen wurden demnach zwischen 2011 und 2014 überdurchschnittlich stark ausgeprägte fremdenfeindliche und chauvinistische Einstellungen gemessen. Im selben Zeitraum sei jedoch die Arbeitslosigkeit in diesen Landkreisen nur durchschnittlich hoch oder vergleichsweise gering gewesen. Stark ausgeprägt sei dagegen die Alterung in diesen Landkreisen, mit Ausnahme von Sonneberg, sowie der Männerüberhang.

Die Schlussfolgerungen, die die Studie aus dieser Entwicklung zieht, sind ernüchternd. Eine hohe Abwanderung könne sich „destabilisierend auf das soziale Geflecht“ auswirken. Denn: Fehlen junge Menschen in Regionen mit stark alternder Bevölkerung, brechen auch Freizeitangebote weg. Männer könnten sich zudem zurückgelassen fühlen, wenn die Suche nach einer Partnerin durch die demografische Situation vor Ort erschwert sei.

„Mit zunehmender demografischer Homogenität fühlen sich Menschen gegenüber der städtischen Mehrheitsgesellschaft benachteiligt und haben Angst, auf die Verliererseite des Lebens zu geraten“, warnt die Wissenschaftlerin Salomo.

Ängste der Deutschen zurückgegangen

Für Thüringen und andere ostdeutsche Bundesländer sieht die Forscherin daher einen Teufelskreis. Ohne Zuwanderung, besonders in ländliche Gebiete, lasse sich der Bevölkerungsschwund nicht wenden. „Dazu braucht es Offenheit gegenüber Zugewanderten. Diese wird allerdings immer weniger wahrscheinlich, je homogener die Bevölkerung in Hinblick auf die Alters- und Geschlechterverteilung ist“, sagt Salomo.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Zuwanderung generell die Deutschen umtreibt, wie die Studie „Die Ängste der Deutschen“ zeigt. Die repräsentative Umfrage, die am Donnerstag veröffentlicht wurde, wird seit 1992 von der R+V-Versicherung in Auftrag gegeben. Demnach fürchten sich 56 Prozent vor einer Überforderung des Staates durch Flüchtlinge. Jeweils 55 Prozent gaben an, dass Spannungen durch den Zuzug von Ausländern und eine gefährlichere Welt durch die Politik von US-Präsident Donald Trump ihnen Sorgen bereiten.

Insgesamt sind die Ängste der Deutschen aber in den vergangenen Jahren zurückgegangen, betonen die Autoren der Studie. Im Langzeitvergleich sorgten sich 39 Prozent der Befragten stark. Das ist der niedrigste Wert seit 1994.

Mehr: Die Art der Auseinandersetzung mit der AfD muss sich ändern. Dabei dürfen ihre rassistischen Umtriebe aber nie vergessen werden.

Kommentare (3)

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Herr J.-Fr. Pella

06.09.2019, 10:50 Uhr

Es ist schon seltsam. Warum immer nur Ostdeutschland.

A L L E aufgezählte Punkte sehe ich auch in Berlin. Natürlich nur in Ostberlin!

Herr Tobias Schmitz

06.09.2019, 11:22 Uhr

@Herr Pella Berlin hat im Moment nicht mit Abwanderung, Überalterung (im Schnitt jünger als bspw. Thüringen) oder einem Männerüberhang (51% Frauenanteil) zu kämpfen. Auch nicht in Ostberlin...

Herr Tizian Fusser

06.09.2019, 14:44 Uhr

Die Problematik Abwanderung und Überalterung der Bevölkerung in Ostdeutschland hat einen Grund. Das Management von den Gemeinden und Landkreisen ist im wesentlichen von den gleichen Leuten erfolgt, die für den Untergang der DDR zuständig waren. Als Wessi, der von der Stunde Null an in Ostdeutschland gewohnt und gearbeitet hat, habe ich als Investor und Selbständiger die betrügerischen Machenschaften der alten Seilschaften live und persönlich miterleben müssen. Das durch die mehr als ausreichend dorthin geflossenen Fördermittel möglich gewesene Wirtschaftswachstum wurde durch Missmanagement und Korruption nicht erreicht. Folge davon war die Abwanderung von 20 % der Bevölkerung. Auf dem Land ist fast jeder 2. Einwohner gegangen. Es handelt sich um ein selbstverursachtes Problem der Administration in Ostdeutschland. Der einfache ostdeutsche Bürger der Wendegeneration, der die letzten 30 Jahre fleißig gearbeitet hat, steht jetzt wegen des fehlenden Wachstums mit einer Minirente da. Der Frust darüber wird im Wege der Projektion auf die Ausländer übertragen. Auf diesem Klavier spielt die AfD virtuos.

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