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01.07.2022

14:41

Bildung

Studie: Pandemie lässt Schulleistungen der Viertklässler einbrechen

Von: Barbara Gillmann

Die langen Schulschließungen seit dem Corona-Ausbruch haben Konsequenzen: Schüler werden massiv zurückgeworfen. Die Kultusminister fordern mehr Geld vom Bund für Nachhilfe. 

Schülerinnen und Schüler wurden während der Pandemie massiv zurückgeworfen. imago/photothek

Schulklasse

Schülerinnen und Schüler wurden während der Pandemie massiv zurückgeworfen.

Berlin Die erste groß angelegte Studie zu den Folgen der Schulschließungen während der Pandemie belegt massive Lernverluste der Schülerinnen und Schüler in der Coronakrise: Viertklässler wurden im Fach Deutsch durchschnittlich um bis zu ein halbes Jahr zurückgeworfen. Auch in Mathematik hingen sie etwa ein Vierteljahr zurück. Das stellte das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) im Auftrag der Kultusministerkonferenz (KMK) fest.

Dabei verglich das Institut die Erhebung IQB-Bildungstrend vom Sommer 2021 mit der von 2016. Getestet wurden knapp 27.000 Viertklässler in 1464 Grund- und Förderschulen aus allen Bundesländern. Das IQB überprüfte seit 2011 zum dritten Mal, inwieweit die Schüler die Mindeststandards erreichen, die die Kultusminister festgelegt haben. 

Die Autoren führen den Großteil der Lernverluste darauf zurück, dass die Schulen wegen der Coronakrise mehr als 180 Tage geschlossen waren. In anderen Ländern sah das anders aus: In Frankreich waren es nach einer Ifo-Studie nur 56 Tage, in Spanien 45 und in Schweden lediglich 31 Tage.

Aber es ist nicht nur der Schulausfall: Denn auch schon vor der Pandemie hätten „zu viele Kinder nicht die Mindeststandards erreicht“, stellte die wissenschaftliche Leiterin des IQB, Petra Stanat, klar. Und mahnte: „Um diese Kinder muss sich das Bildungssystem systematischer kümmern.“

Seit 2011 gibt es einen eindeutigen Negativtrend, den Corona nun offenbar noch deutlich verschärft hat. Sowohl im Lesen, Zuhören, in der Rechtschreibung als auch in Mathe gingen die Durchschnittsleistungen merklich zurück. 

Der Teil der Schüler, die „den Regelstandard erreichen oder übertreffen“, sank laut IQB im Lesen – also der entscheidenden Technik für das Lernen insgesamt – von zwei Dritteln auf 58 Prozent. Parallel dazu wuchs die Quote derer, die nicht einmal den Mindeststandard erreichen, von zwölf auf fast 19 Prozent. 

Noch drastischer ist die Lage im Fach Mathematik: Hier verdoppelte sich der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die nicht einmal die Minimalfähigkeiten erlernt hatten, seit 2011 nahezu und lag bei knapp 22 Prozent. Zugleich erreichte zuletzt nur noch gut jeder Zweite die Regelstandards im Fach Mathematik. Zehn Jahre zuvor waren es noch gut zwei Drittel. 

Kultusminister fordern eine weitere halbe Milliarden Euro vom Bund für Nachholkurse

Die Kultusminister fordern angesichts der massiven Verschlechterungen vor allem mehr Geld vom Bund für Corona-Nachholkurse. „Wir haben die Bundesregierung gebeten, das Bundesprogramm ,Aufholen nach Corona für Kinder und Jugendliche‘ in Bezug auf Lernrückstände sowie psychosoziale Effekte im Schulbereich mit weiteren 500 Millionen Euro zunächst bis zum Ende des Schuljahres 2023/2024 zu verlängern“, sagte die KMK-Vorsitzende, Schleswig-Holsteins Schulministerin Karin Prien (CDU).

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Das Aufholprogramm des Bundes umfasst bisher zwei Milliarden Euro für 2021 und 2022. Eine Milliarde fließt in Maßnahmen in und außerhalb der Schulen, um die Lernrückstände abzubauen. Weil viele Kinder in der Pandemie auch unter Isolierung litten, ist eine weitere Milliarde für soziale Maßnahmen bestimmt: Bildung von  Kita-Kindern, Freizeit-, Ferien- und Sportaktivitäten für Schüler und die Begleitung von Kindern und Jugendlichen im Alltag und in der Schule

Darüber hinaus sei es aber auch „dringend nötig, dass Bund und Länder gemeinsam ein dauerhaftes Programm zur Überwindung von Bildungsrückständen und psychosozialen Problemen von Kindern und Jugendlichen auflegen“, hatte der Sprecher der SPD-Kultusminister, Hamburgs Senator Ties Rabe, gesagt.

Angesichts des generellen Rückgangs der Schulleistungen hatten vor wenigen Tagen auch die Autoren des neuen Nationalen Bildungsberichts strukturelle und systematische  Maßnahmen gefordert. Es reiche nicht aus, kurzfristig Zusatzstunden zu organisieren – nötig sei auch die Bewertung, ob und was diese Programme bringen, forderte der Sprecher der Autorengruppe des Berichts, der Bildungsforscher Kai Maaz. 

Zudem müsse sichergestellt werden, dass die Defizite der Viertklässler auch in den weiterführenden Schulen systematisch angegangen würden. Bisher geschieht dies in aller Regel nicht. Das Ergebnis ist, dass auch unter den 15-jährigen Schülern jeder fünfte nicht die Minimalanforderungen in Deutsch und Mathematik erfüllt, wie die Pisa-Tests regelmäßig zeigen. 

Kinder mit Zuwanderungsgeschichte fallen wieder weiter zurück

Der neue IQB-Trend zeigt jedoch nicht nur einen Abfall der Leistungen. Daneben vergrößerte sich auch der Abstand zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund. Das ist kein Randproblem, denn Kinder mit Zuwanderungsgeschichte machen mittlerweile mehr als ein Drittel der Grundschüler aus. Daneben hat sich auch das chronische Manko des deutschen Schulsystems vergrößert, die weit überdurchschnittliche Abhängigkeit des Lernerfolgs vom Elternhaus. 

Ein Problem für die bessere Förderung der Schüler ist der wachsende Lehrermangel: Dem Nationalen Bildungsbericht zufolge werden bis 2030 in Schulen und Kitas fast 180.000 Fachkräfte fehlen. Allein in den Kitas, wo die sprachlichen Grundlagen für die Schule gelegt werden, fehlen schon bis 2025 gut 72.000 Kräfte. 

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