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12.07.2022

13:20

Bildung

Trotz des neuen Schulfachs „Digitale Welt“ bleibt Informatikunterricht an Schulen die Ausnahme

Von: Barbara Gillmann

Hessen führt das neue Schulfach „Digitale Welt“ ein – zunächst allerdings nur an wenigen Schulen. Experten loben den Ansatz, fordern von den Länder aber mehr verpflichtende Angebote.

Informatik ist in vielen deutschen Schulen noch kein Pflichtfach. dpa

Unterricht in einer 9. Klasse

Informatik ist in vielen deutschen Schulen noch kein Pflichtfach.

Berlin Hessen startet ein neues Schulfach namens „Digitale Welt“. Das neue Fach soll nicht nur Grundkompetenzen in Informatik vermitteln. Die Schüler und Schülerinnen sollen nach Angaben der Landesregierung zugleich lernen, „wie digitale Technologien zur Lösung sozialer, ökonomischer und ökologischer Probleme beitragen können“.

Die Konzeption gehe „weit über den bekannten Informatikunterricht hinaus“, kündigten Kultusminister Alexander Lorz und Digitalministerin Kristina Sinemus (beide CDU) bei der Vorstellung Anfang der Woche an. Mit dieser Kombination sei man „Vorreiter in Deutschland“, sagte Lorz, der in der Kultusministerkonferenz auch die Riege der Unions-Kultusminister anführt.

Experten zufolge ist das Angebot an Informatikunterricht an Schulen noch lückenhaft. Und auch was in Hessen groß klingt, schrumpft bei näherer Betrachtung: Denn es geht lediglich um ein Pilotprojekt in den fünften Klassen an insgesamt zwölf Schulen. Über eine Ausdehnung soll erst nach einer Evaluation entschieden werden.

Bitkom: „Ein guter, aber sehr schüchterner Schritt“

„Beim Informatikunterricht an Schulen war Hessen bisher Schlusslicht im bundesweiten Vergleich. Der Vorstoß für ein neues Schulfach ‚Digitale Welt‘ ist ein guter, wenn auch sehr schüchterner Schritt in die richtige Richtung und macht Hessen noch nicht zum bundesweiten Vorreiter“, sagt die Bildungsexpertin beim Branchenverband Bitkom, Elisabeth Allmendinger, dem Handelsblatt.

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    „Zwei freiwillige Zusatzstunden an zwölf Pilotschulen werden dem Bedarf, informatische Grundkenntnisse und ein Verständnis für die digitale Welt flächendeckend und verpflichtend zu stärken, nicht gerecht“, kritisiert die Bitkom-Expertin. Stattdessen sei es unverzichtbar, dass „die hessische Landesregierung direkt Maßnahmen für einen landesweiten Roll-out und ein verpflichtendes Unterrichtsfach ab Sekundarstufe I in die Wege leitet“, fordert Allmendinger.

    Grafik

    Dennoch lobt sie: „Der Ansatz, Programmierkenntnisse mit der anwendungsorientierten und gesellschaftlichen Dimension der digitalen Welt in einem Schulfach zu integrieren, ist allerdings auf jeden Fall vielversprechend.“ Bei erfolgreicher Umsetzung könne das „durchaus eine Blaupause für eine bundesweite Neugestaltung des Informatikunterrichts sein“.

    Deutschlandweit mageres Angebot an Informatikunterricht in den Schulen

    Das hessische Projekt wirft ein Schlaglicht auf das deutschlandweit noch immer magere Angebot an Informatikunterricht in den Schulen. Der im Frühjahr vorgelegte „Informatik-Monitor“ der Gesellschaft für Informatik zeichnete ein „ernüchterndes Bild der Informatikbildung“, wie das Autorenteam resümiert. Trotz der intensiven Debatte in den vergangenen Jahren sei „die Bedeutung einer verbindlichen informatischen Bildung für alle Schülerinnen und Schüler offensichtlich nicht flächendeckend erkannt“.

    Zwar hat im vergangenen Jahr auch das größte Bundesland Nordrhein-Westfalen, wo ein Viertel aller Schüler lernen, die Einführung des Schulfachs Informatik für die Jahrgänge 5 und 6 aller Schulformen im Umfang von insgesamt zwei Unterrichtsstunden pro Woche auf den Weg gebracht. Und auch Schleswig-Holstein beginnt nach den Sommerferien, wöchentlich vier Stunden Informatik in den Unterricht zu integrieren. 

    Insgesamt sei es jedoch noch „ein weiter Weg bis zu einer nachhaltigen und verbindlichen informatischen Bildung in allen Bundesländern“, heißt es im Monitor.  

    Die Kultusministerkonferenz hatte 2016 eine Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ vorgelegt. Sie musste sich aber 2020/21 sowohl vom Wissenschaftsrat als auch von ihrer eigenen neuen Ständigen Wissenschaftlichen Kommission daran erinnern lassen, dass digitale Bildung zwar eine Querschnittsaufgabe ist, gleichwohl aber „am ehesten mit einem entsprechenden Fach Informatik“ vermittelt werden könne. 

    Nur ein Land mit Pflicht-Informatik-Stunden von der 5. bis zur 10. Klasse

    Das Zwischenergebnis war entsprechend: In der Sekundarstufe I – also der Mittelstufe von Klasse 5 bis 10 – gab es bis dahin in Bremen und Hessen „keinerlei Angebot für informatische Bildung“. In acht Ländern wird Informatik ausschließlich als Wahl- oder Wahlpflichtfach angeboten.

    Verbindlichen Informatikunterricht in der Sekundarstufe I gibt es lediglich in den fünf Ländern Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen. Dabei herrschen jedoch teilweise „enorme Unterschiede in der Breite des Angebots, bezogen auf die Jahrgänge und die betroffenen Schulformen“, heißt es im Informatik-Monitor. 

    Mecklenburg-Vorpommern sei seit 2019 das einzige Bundesland, in dem verbindlicher Informatikunterricht für alle Schülerinnen und Schüler durchgängig in den Jahrgangsstufen 5 bis 10 stattfinde. Sachsen hatte 1992 als erstes Bundesland ein Pflichtfach Informatik eingeführt und dies seit 2017 für alle Schularten verbindlich in den Klassenstufen 7 bis 10 ausgeweitet.

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