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03.12.2019

18:52

Bildungsstudie

Wirtschaft wegen mieser Pisa-Ergebnisse in Sorge

Von: Barbara Gillmann

Arbeitgeber und Unternehmen zeigen sich alarmiert von den Rückschritten bei der Bildungsstudie. Sie fordern mehr Kooperation von Bund und Ländern.

Die Bundesregierung identifiziert Bildung als Schlüsselfaktor für die Zukunft. Doch die deutschen Schüler lassen in allen Disziplinen nach. Design Pics/Getty Images

Mathefrust an der Tafel

Die Bundesregierung identifiziert Bildung als Schlüsselfaktor für die Zukunft. Doch die deutschen Schüler lassen in allen Disziplinen nach.

Berlin Die deutsche Wirtschaft hat besorgt auf die Ergebnisse des jüngsten Pisa-Tests der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zu den Leistungen der 15-jährigen Schüler reagiert. Deutschland dürfe sich keinesfalls damit zufriedengeben, international nur Mittelmaß zu sein, warnen Arbeitgeber, Gewerkschaften, Handwerk und Mittelstand.

Denn so werde die Bundesrepublik die Herausforderungen nicht bestehen. „Unser Ehrgeiz muss es sein, zur Spitze zu gehören“, hieß es bei den Arbeitgebern.

„Die Ergebnisse des neuen Pisa-Tests sind für Deutschland mehr als unbefriedigend. Mit diesem Abwärtstrend können wir keinesfalls zufrieden sein“, sagte ein Sprecher der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) dem Handelsblatt. Die Bildungspolitik in den Ländern müsse „dringend ihre Hausaufgaben machen, denn wir können es uns keinen Tag länger leisten, einen so großen Teil junger Menschen auf der Strecke zu lassen“.

Die Tests hatten in allen getesteten Disziplinen – Lesen, Mathe und Naturwissenschaften – einen Rückgang gegenüber den Vorjahren gezeigt. Zwar liegt Deutschland insgesamt leicht über dem OECD-Durchschnitt – allerdings nur, weil Top-Pisa-Nationen wie etwa Finnland oder Australien deutlich nachgelassen haben.

Unverändert groß bleibt Deutschlands Abstand zur Spitzengruppe. Dort haben sich westliche Länder wie Estland, Finnland, Kanada und Polen festgesetzt – und vor allem asiatische Länder wie Hongkong, Singapur, Korea und die chinesischen Metropolregionen. Getestet wurden in Deutschland rund 5.500 Schüler an 223 Schulen, erstmals ausschließlich am Computer.

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Nach dem Pisa-Schock 2001 habe Deutschland in „beeindruckendem Tempo Reformen eingeleitet, die viele Länder bewundert haben“, sagte OECD-Vizegeneralsekretär Ludger Schuknecht bei der Vorstellung von Pisa 2018. Nun sei der Prozess aber zum Stillstand gekommen. Der OECD-Experte rief Deutschland daher auf, „seine Begeisterung für Bildung und Kompetenzen zu erneuern und seinen Reformgeist wieder auf den Weg zu bringen“.

Der Anteil der sogenannten „Risikogruppe“, also der Schüler, die nicht mal auf Grundschulniveau lesen können, ist sogar auf über 21 Prozent gestiegen. In den Schulen außerhalb der Gymnasien beträgt der Anteil mittlerweile sogar knapp 30 Prozent.

Diverse Wirtschaftsverbände riefen die Länder angesichts dieser Ergebnisse zu stärkerer Kooperation auf – auch mit dem Bund. Erst vergangene Woche hatten sich Bayern und Baden-Württemberg von dem im Koalitionsvertrag vereinbarten nationalen Bildungsrat abgewandt, der insgesamt für mehr Transparenz und Vergleichbarkeit sorgen sollte. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) machte deutlich, dass sie weiter zur Zusammenarbeit bereit sei – die Länder insgesamt aber klären müssten, was sie wollten.

DIHK fordert engere Zusammenarbeit von Bund und Ländern

Vor allem der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und das Handwerk drängen auf mehr Koordination. „Um international an die Spitzengruppe anschließen zu können, sind deutlich stärkere und besser koordinierte Anstrengungen der Länder notwendig“, sagte der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), Hans Peter Wollseifer. Eine engere Zusammenarbeit von Bund und Ländern sei „zwingend geboten, um bereits in der allgemeinbildenden Schule die Grundlage für eine erfolgreiche Ausbildung und weitere Bildungskarriere zu legen“.

Für die Betriebe seien „bundesweite und verbindliche Bildungsziele und Standards wichtig“, mahnte der Vizehauptgeschäftsführer des DIHK, Achim Dercks. Nur so könnten Betriebe Leistungsanforderungen und Abschlüsse miteinander vergleichen. „Die bundeseinheitlichen Prüfungen der Industrie- und Handelskammern im Bereich der beruflichen Bildung zeigen, dass dies möglich ist.“

Deutschland verspiele durch das Absenken des Niveaus seine „internationale Wettbewerbsfähigkeit und seinen künftigen Wohlstand“, warnt die Bildungsallianz des Mittelstands. Die Ausgaben für Bildung seien schlicht zu gering, sagte Mario Ohoven, Vorsitzender der Allianz. Nach den jüngsten Daten gab Deutschland zuletzt (2016) 4,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bildung aus. OECD-weit waren es im Schnitt fünf Prozent, in den EU-23-Ländern 4,5.

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Große Sorgen machen der Wirtschaft die Leistungsrückgänge der letzten Jahre in den für die Technikberufe so entscheidenden MINT-Fächern. „Das ist für ein so reiches und technikgetriebenes Land wie Deutschland nicht gut“, sagte die Sprecherin des nationalen MINT-Forums, Nathalie von Siemens.

Co-Sprecher Ekkehard Winter verwies darauf, dass in Mathematik der Anteil der Leistungsschwachen zugenommen habe und nun mehr als ein Fünftel lediglich über rudimentäre Kenntnisse verfüge und auch in Naturwissenschaften ein Fünftel nicht die Mindestanforderungen erreiche. Es kämen „für diese Gruppe große Bedenken mit Blick auf ihre Ausbildungsfähigkeit“ auf.

Der amtierende Präsident der Kultusministerkonferenz, Hessens Schulminister Alexander Lorz (CDU), reagierte unaufgeregt auf die Ergebnisse: Das deutsche Bildungssystem sei nicht so schlecht, wie es manchmal geredet werde. „Aber es ist auch nicht so gut, wie wir es gerne hätten.“ Die Ergebnisse seien weder spektakulär gut, noch spektakulär schlecht, sondern unspektakulär.

Die für die Schulen nicht zuständige Bundesbildungsministerin hingegen zeigte sich sehr besorgt über die Einschätzung der OECD, Deutschland habe „positiv, aber abflachend“ und zunehmend negativ“ abgeschnitten. Auch könne sie „keine Dynamik mehr erkennen“, so Karliczek. Es treibe sie um, dass „die Leistungsschwere immer größer wird, die Jungs schlechter werden und der sozioökonomische Hintergrund der Schüler sogar bestimmender wird“.

6,2 Millionen Erwachsene können nicht richtig lesen und schreiben

So könne man den hohen Sockel von 6,2 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die nicht richtig lesen und schreiben können, nicht abbauen. Statt sich mit Mittelmaß in den Schulen zufriedenzugeben, dürfe man „auch hier gern einen Exzellenzanspruch haben“ sagte sie und mahnte eine „nationale Kraftanstrengung“ an.

Auch der Sprecher der SPD-Kultusminister, Hamburgs Senator Ties Rabe, sagte, auffällig sei, dass Deutschland im internationalen Vergleich eine relativ geringe Schulzeit und eine höhere Zahl von Schülern habe, die zu Hause kaum Deutsch sprechen. „Wenn wir vorankommen wollen, brauchen wir mehr Bildungszeit und müssen insbesondere früher mit Bildung beginnen“, so Rabe.

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Zudem müsse man die Schulzeit stärker auf die Kernkompetenzen „Lesen“, „Schreiben“ und „Rechnen“ konzentrieren. Die moderne Unterrichtsforschung im Bund-Länder-Programm „Bildung in Sprache und Schrift“ habe gezeigt, „dass Kinder nach bestimmten Methoden besser lesen und schreiben lernen. Diese Erkenntnisse müssen wir jetzt umsetzen.“ Lorz sagte, auch in den weiterführenden Schulen könnten Lehrer heute eben nicht mehr davon ausgehen, dass die Kinder in der Grundschule ausreichend lesen und schreiben lernen, und müssten dies bei Bedarf nachholen.

Die deutsche Pisa-Koordinatorin Kristina Reiss bescheinigte Deutschland zudem eine anhaltend „hohe Ungerechtigkeit des Bildungssystems“. Denn der schulische Erfolg hänge hierzulande nach wie vor weit mehr vom Elternhaus ab als im Durchschnitt der OECD. In Europa schaffen es vor allem die Skandinavier, aber auch Italien und die Niederlande weit besser, durch das Elternhaus bedingte Unterschiede auszugleichen.

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