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11.02.2019

04:20

Bruttoinlandsprodukt

Die Grünen wollen den Wohlstand anders messen

Von: Silke Kersting

Für die Grünen reicht das Bruttoinlandsprodukt nicht aus, um das wirtschaftliche Wachstum anzuzeigen. Die Partei stellt eine Alternative vor.

Wachstum allein als Messgröße für Wohlstand genügt den Grünen nicht. dpa

Baustelle in München

Wachstum allein als Messgröße für Wohlstand genügt den Grünen nicht.

BerlinWenn die Bundesregierung ihren Jahreswirtschaftsbericht vorstellt, dann präsentiert sie nach Meinung der Grünen allenfalls die halbe Wahrheit. „Die Gleichung ‚Wachstum gleich Wohlstand‘ geht nicht mehr auf“, sagte Grünen-Politikerin Kerstin Andreae dem Handelsblatt. Für die wirtschaftspolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion steht fest: „Wir haben einen illusionären Wohlstand.“

Wirtschaftliches Wachstum, ausgedrückt im Bruttoinlandsprodukt (BIP), gelte oft als „das Maß aller Dinge“. Doch es zeige nicht, „wie sich die Einkommens- und Lebensverhältnisse in Deutschland unterscheiden, ob es gute und chancengleiche Bildung gibt, wie die digitalen Herausforderungen bestritten werden, oder wie hoch unser ökologischer Fußabdruck ist“, kritisiert Andreae. All diese Faktoren hätten sich in den vergangenen Jahren nicht verbessert.

Als Beweis führt die grüne Wirtschaftspolitikerin den Jahreswohlstandsbericht ihrer Fraktion an, der an diesem Montag in Berlin im dritten Jahr in Folge vorgestellt wird und dem Handelsblatt bereits vorliegt.
Der gut 100 Seiten umfassende Bericht mit dem Namen „Der Status Quo als Risikofaktor“ ergänzt das Bruttoinlandsprodukt um jeweils zwei ökonomische, ökologische, soziale und gesellschaftliche Indikatoren. Dazu gehören die Investitionsquote sowie Angaben zur Produktion von Umweltschutzgütern, zur Artenvielfalt und Bildungsausgaben, aber auch beispielsweise zur Einkommensverteilung. Damit soll ein realistischeres Bild von der Wohlstandsentwicklung in Deutschland gewonnen werden.

Was ist Wohlstand?

Verfasst haben den Bericht Roland Zieschank vom Forschungszentrum für Umweltpolitik an der Freien Universität Berlin sowie der Heidelberger Universitätsprofessor Hans Diefenbacher im Auftrag der Bundestagsfraktion der Grünen. „Der Jahreswohlstandsbericht ist ein Beitrag zur Frage, ob gesellschaftliches Wohlergehen weiterhin an Wachstumsraten gemessen werden soll“, sagt Zieschank. Seine Antwort ist eindeutig: nein.

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Die Mehrheit unter Politikern und Ökonomen sehe wirtschaftliches Wachstum als Problemlösung, gerade für soziale und viele ökologische Probleme, meint Zieschank. Es sei indes nicht allein die Wirtschaft, welche die Lebensqualität und das Wohlergehen bestimme. Der Reichtum einer Gesellschaft entstehe auch aus dem richtigen Umgang mit dem Human-, Sozial- und Naturkapital, heißt es in dem Bericht. Die Wissenschaftler plädieren darum für eine neue Form der Wirtschaftsberichterstattung.

Die Bundesregierung hatte erst Ende Januar ihren Jahreswirtschaftsbericht vorgestellt - mit einer Konzentration auf das Bruttoinlandsprodukt. Demnach ist die Wirtschaft weiterhin auf Wachstumskurs, auch wenn die Große Koalition ihre Wachstumsprognose für das laufende Jahr auf ein Prozent gesenkt hat. Die Beschäftigung soll weiter zunehmen.

Die Grünen sind dagegen in Alarmstimmung. Kein Wunder, zeigen die Indikatoren ihres Jahreswohlstandsberichts doch eher ein Verharren beim Status Quo. Einige zaghafte Verbesserungen reichten nicht aus, um eine Trendwende einzuleiten, heißt es. Der Wandel zu einer grünen Wirtschaft, der wirtschaftliche Vorteile und eine bessere Lebensqualität biete, verliere an Dynamik. Potenziale wie Bildung, Investitionen oder der Anteil von Umweltschutzgütern würden in ihrem Beitrag für die Gesellschaft unterschätzt, so Autor Zieschank: „Sie verharren insgesamt im Reich des Mittelmäßigen.“

Die Defizite des BIP

Eine reine quantitative Wachstumsorientierung führe jedoch zu immer mehr Folgeproblemen, „die den erwirtschafteten Wohlstand untergraben“, monieren die Wissenschaftler. Dabei habe das BIP viele Defizite. So könnten etwa Umweltschäden mit Reparaturmaßnahmen teilweise beseitigt oder abgemildert werden. Diese Kosten erschienen dann im BIP als Steigerung, obwohl sie im Grunde nur den Status Quo wieder herstellten, der vor der Umweltschädigung existierte. Eine Steigerung des Wohlstandes sei damit nicht verbunden.

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Dagegen könne die Vermeidung von Schäden und Folgekosten in der Zukunft, etwa durch ein Unterlassen bestimmter wirtschaftlicher Aktivitäten heute, zu einer Verringerung des BIP führen. Die langfristigen positiven Folgen derartiger Unterlassungen würden jedoch nicht berücksichtigt.

Auch die Verteilung der Einkommen werde im BIP nicht beachtet, so die Kritik. Man sehe nicht, ob es der Bevölkerung in etwa gleicher Weise zur Verfügung stehe oder ob Zuwächse nur einem sehr kleinen Teil zu Gute komme, was die soziale Ungleichheit verstärke, heißt es.

Das Bruttoinlandsprodukt eigne sich nicht, die Entwicklung des Wohlstands in seiner ganzen Breite abzubilden, so die Grünen. Bedauerlicherweise schlage sich diese Sichtweise aber weder im Jahreswirtschaftsbericht der Bundesregierung nieder, noch würden alternative Indikatoren bei wirtschaftspolitischen Entscheidungen systematisch einbezogen.

Moderne Messgrößen gefordert

Dabei hatte es bereits vor Jahren parteiübergreifend den festen Vorsatz gegeben, eine modernere Wirtschaftsberichterstattung auf den Weg zu bringen. Zwei Jahre lang diskutierten Politiker und Sachverständige in einer Enquete-Kommission des Bundestags, woran künftig der Reichtum Deutschlands gemessen werden solle.

Anfang 2013 präsentierte die Kommission das Ergebnis, ein reichhaltiger 844-Seiten-Bericht, der zwar das Bruttoinlandsprodukt als tragende Rolle zur Messung des materiellen Wohlstands ansah. Trotzdem riet auch die Kommission zu einem vielfältigeren Wachstums- und Wohlstandsbegriff. So solle die Regierung künftig die Einkommensverteilung und die Staatsschulden stärker beachten, außerdem den Grad der Freiheit sowie den Ausstoß der klimaschädlichen CO2-Emissionen und die Artenvielfalt.

Die Bundesregierung folgte dem nur halbherzig, sie gab aber Millionen Euro für einen halbjährigen Bürgerdialog aus, in dem die Teilnehmer über ihre Vorstellungen von Lebensqualität diskutierten. Die Ergebnisse flossen in den Regierungsbericht „Gut leben in Deutschland“ ein, der zeigt, wie komplex die Erfassung und Messung von Lebensqualität ist.

Die Grünen drängen die Regierung, jetzt rasch zu handeln. „Wenn wir so weitermachen“, meint Wirtschaftspolitikerin Andreae, „steht unser Wohlstand auf dem Spiel“.

Kommentare (1)

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Herr Helmut da Silva

11.02.2019, 11:02 Uhr

Die Grünen wollen den Wohlstand anders messen?
Ja natürlich. Im Gegensatz zu ihren gläubigen Anhängern/innen weis die Grühnenführung dass ihre Politik zu einem immer stärkeren Wohlstandsverlust führen wird. Deshalb soll der Wohstand anders gemessen werden. Was Artenvielfalt und welche Gewichtung dieser dann haben soll mit Wohlstand jedes einzelnen zu tun hat erschlisßt sich nur den Grünen Pharisäer. Wie im Sozialismus die Artenvielfalt wird stärker gewichtet und schon geht es uns allen besser. Da kann man ja nur lachen.
Nur ein Beispiel zur Einkommensverteilung als Größe. Hier werden was die LINKEN und die GRÜNEN andauernd fordern hohe Einkommen extrem stark besteuert. Im Ergebnis sihken die hohen Einkommen auf das Niveau der geringen Einkommen und uns geht es allen sofort besser. Was haben die mit kleinen Einkommen davon? Nichts! Ihr Einkommen hat sich nicht verändert.
Winston Churchill hat es auf den Punkt gebracht:
"Dem Kapitalismus wohnt ein Laster inne: Die ungleiche Verteilung der Güter.
Dem Sozialismus hingegen wohnt eine Tugend inne: Die gleichmäßige Verteilung des Elends."

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