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31.03.2021

14:39

Bund-Länder-Beschluss

Mehrere Länder lehnen generelle Impfeinladung an über 60-Jährige ab – NRW geht anderen Weg

Das Saarland setzt Impfung mit Astra-Zeneca aus, in NRW soll das Präparat allen Menschen über 60 angeboten werden. Der Lehrerverband fordert Impfungen mit Vakzinen anderer Hersteller.

Statt Astra-Zeneca werde im Saarland bei den Terminen nun mit den Vakzinen von Biontech oder Moderna geimpft. dpa

Corona-Impfungen

Statt Astra-Zeneca werde im Saarland bei den Terminen nun mit den Vakzinen von Biontech oder Moderna geimpft.

Düsseldorf Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt wollen die Möglichkeit, generell ab 60-Jährigen das Impfen mit Astra-Zeneca zu ermöglichen, noch nicht umsetzen. Die Bundesländer kündigten am Mittwoch auf Anfrage der Nachrichtenagentur Reuters an, dass sie noch keinen Gebrauch von der Option machen wollen, die Bund und Länder am Dienstagabend beschlossen hatten. Die Zahl der älteren Menschen, die noch nicht geimpft seien, sei noch zu groß, heißt es übereinstimmend.

„In Sachsen-Anhalt warten noch viele Menschen über 70 Jahren auf eine Impfung“, sagte die sachsen-anhaltinische Gesundheitsministerin Petra Grimm-Benne. „In Baden-Württemberg sind (...) weiterhin ausschließlich die Menschen aus der ersten und der zweiten Priorität impfberechtigt“, teilte das Gesundheitsministerium in Stuttgart mit. „Wir bringen jetzt die Impfung der besonders vulnerablen, hochpriorisierten Menschen dieser Altersgruppe mit Astra-Zeneca schneller voran“, heißt es weiter.

Ähnlich ist die Lage in Hessen: Das Land öffnet die Impfungen ebenfalls noch nicht für die Gruppe der 60- bis 69-Jährigen. In den ersten zwei Prioritätsgruppen seien noch rund 650.000 Bürger, denen Hessen ein Impfversprechen, aber noch keinen Termin gegeben haben, sagt Innenminister Peter Beuth. „Die werden wir jetzt in den nächsten Wochen erst abarbeiten.“

Danach werde sich Hessen mit der Frage auseinandersetzen, wann die Impfungen für Menschen ab 60 Jahren geöffnet werden. „Die Gruppe der 60- bis 70-Jährigen ist eine sehr, sehr große“, fügt Ministerpräsident Volker Bouffier hinzu.

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    Das Saarland hat Impfungen mit dem Vakzin an diesem Mittwoch zunächst ausgesetzt. Es seien aber keine Impftermine abgesagt worden, teilte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums in Saarbrücken mit. Statt Astra-Zeneca werde bei den Terminen nun mit den Vakzinen von Biontech oder Moderna geimpft. Das weitere Vorgehen des Saarlandes werde am Mittwoch im Stab Impfen besprochen und veranlasst.

    Einen anderen Weg geht dagegen Nordrhein-Westfalen. Eine Lieferung von 380.000 Dosen Astra-Zeneca am Samstag soll Menschen im Alter über 60 Jahren angeboten werden. Die Termine für die Impfzentren würde entsprechend freigeschaltet, die Zentren würden die Öffnungszeiten ausweiten, sagte Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) am Mittwoch.

    Rheinland-Pfalz wird Menschen ab 60 Jahre von kommendem Mittwoch an ein Impfangebot mit dem Vakzin von Astra-Zeneca machen. Das kündigt Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler in Mainz an. Von der Empfehlung, den Impfstoff nicht mehr an unter 60-Jährige zu verabreichen, seien in dem Bundesland 60.000 Menschen betroffen.

    Ziel der Landesregierung sei, dass diese Personen bis Ende April einen Termin für eine Impfung mit einem anderen Stoff bekämen. Die Betroffenen müssten dafür nichts tun, sie würden informiert.

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    Bund und Länder hatten am Dienstagabend nach einer Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) beschlossen, Astra-Zeneca in der Regel nur noch für Menschen ab 60 Jahre einzusetzen. Jüngere sollen sich „nach ärztlichem Ermessen und bei individueller Risikoanalyse nach sorgfältiger Aufklärung“ weiterhin damit impfen lassen können.

    Astra-Zeneca betont Nutzen seines Präparats

    Die Bundesländer können nun auch entscheiden, ob sie schon jetzt 60- bis 69-Jährige zu Impfungen mit Astra-Zeneca einladen. „Dies gibt die Möglichkeit, diese besonders gefährdete und zahlenmäßig große Altersgruppe angesichts der wachsenden dritten Welle nun schneller zu impfen“, heißt es dazu im Beschluss der Gesundheitsminister von Bund und Ländern. Derzeit laufen generell Impfungen in den ersten beiden Prioritätsgruppen, zu denen – bezogen auf das Lebensalter – Menschen ab 70 Jahre gehören.

    Astra-Zeneca betonte nach der erneuten Einschränkung des Einsatzes seines Coronavirus-Impfstoffes in Deutschland den Nutzen des Präparats. Die Zulassungsbehörden in Großbritannien und der

    Die Europäische Arzneimittelbehörde (Ema) habe zwar keinen kausalen Zusammenhang zwischen dem Impfstoff und Gerinnungsereignissen feststellen können, doch sei sie zu dem Schluss gekommen, „dass für sehr seltene Fälle von schweren zerebralen thromboembolischen Ereignissen mit Thrombozytopenie ein kausaler Zusammenhang mit dem Impfstoff nicht bewiesen, aber möglich ist und weiter untersucht werden sollte“, so die Mitteilung weiter.

    Gesundheitspolitiker der Koalition äußerten sich zuversichtlich für die weitere Impfkampagne. Der Stiko-Vorsitzende Thomas Mertens sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe, die Auswirkungen der Entscheidung seien schwer abzusehen. „Es kann sein, dass dadurch Vertrauen schwindet.“ Es könne aber auch das Gegenteil bewirken. In jedem Fall habe die Kontrollfunktion des Paul-Ehrlich-Instituts gut funktioniert. „Sie haben mehr als 30 besorgniserregende Fälle registriert, es wurde intensiv geprüft und Alarm geschlagen, und jetzt reagiert man darauf. Das sollte eigentlich vertrauensbildend sein.“

    Die Ema kündigte für kommende Woche erneute Beratungen über die Sicherheit des Mittels an.

    Lehrerverband fordert rasche Impfmöglichkeit

    Lehrerverbands-Präsident Heinz-Peter Meidinger verlangte eine rasche Möglichkeit für unter 60-jährige Lehrkräfte, sich mit Biontech/Pfizer und demnächst mit Johnson & Johnson impfen lassen zu können. „Wenn dieser Austausch nicht sofort stattfindet, wird es mit der Durchimpfung von Lehrkräften im April nichts mehr werden“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

    Dies gefährdete sonst zusätzlich zu steigenden Infektionszahlen die Chancen, Schulen offen zu halten. Momentan sind in den meisten Bundesländern Osterferien. Viele Schulen sollen in der Woche nach Ostern oder eine Woche später wieder öffnen.

    Unionsfraktionsvize Thorsten Frei unterstützt die Entscheidung, die Verwendung des Impfstoffes einzuschränken –„auch wenn das mit Sicherheit zu Verunsicherung in der Bevölkerung führt“. Im Deutschlandfunk zeigt er sich zuversichtlich, dass trotzdem die Zusage eines Impfangebots für alle bis zum Ende des Sommers eingehalten werden kann. Das sei zu schaffen, wenn die Hersteller die Impfzusagen einhielten. „Dann werden wir schon in den nächsten Wochen mit deutlich höheren Impfdosen rechnen können.“

    Frei plädiert dafür, von der Impfreihenfolge „ein gutes Stück weit“ abzuweichen. Die Haus- und Betriebsärzte müssten jetzt sehr viel stärker in die Impfkampagne eingebunden werden. Die Reihenfolge sei grundsätzlich richtig, es gehe aber darum, dass „man sich nicht mehr sklavisch daran hält“.

    Die CDU-Gesundheitspolitikerin Karin Maag nannte den Beschluss nun eine „angemessene Reaktion“ auf die Auffälligkeiten. „Auf dieser Grundlage kann die Impfkampagne gut und sicher weitergeführt werden.“

    Lauterbach: „Es ist ein sehr guter Impfstoff“

    Der SPD-Experte Karl Lauterbach sagte am Dienstagabend in der ARD: „Wir werden eine kleine Delle haben von ein paar Tagen, wo es Verwirrung gibt, aber dann wird das Impftempo wieder voll anziehen.“ Generell überwiege bei über 60-Jährigen der Nutzen mögliche Risiken. „Es ist ein sehr guter Impfstoff, den ich weiter empfehlen kann.“ Die Klärung sei aber richtig gewesen. Man müsse auf die neuen Daten reagieren, denn „das ist keine Kleinigkeit, über die wir hier reden.“

    FDP-Generalsekretär Volker Wissing kritisierte das Krisenmanagement. „Wir verlieren Zeit, wir zerstören das Vertrauen in die Impfung, sagte er bei „Bild live“.

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