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05.07.2019

03:55

Christian Böllhoff im Interview

„Das Wachstum schwappt weiter“ – Prognos-Chef spricht über den Zukunftsatlas

Von: Christian Rickens

Eine überraschende Erkenntnis: Die Regionen in Deutschland nähern sich weiter an. Im Interview erklärt Prognos-Chef Christian Böllhoff die Gründe.

Seit 2003 ist er CEO bei Prognos. Prognos AG

Christian Böllhoff

Seit 2003 ist er CEO bei Prognos.

Herr Böllhoff, wir haben uns daran gewöhnt, dass sich die Regionen in Deutschland immer weiter auseinanderentwickeln. Laut Ihrer Studie hat sich der Abstand zwischen Spitzenreiter und Schlusslicht hingegen verringert. Ein Messfehler?
In früheren Ausgaben des „Zukunftsatlas“ betrug der Unterschied zwischen der erst- und der letztplatzierten Region maximal 32 Indexpunkte, jetzt sind es noch 29 Indexpunkte. Dieser Effekt ist nicht riesig, aber eindeutig vorhanden.

Wie erklären Sie sich diese Trendwende?
Wir blicken in der Bundesrepublik auf eine lange Phase zurück, in der es immer weiter nach oben ging. In einigen Magnetstädten sind die Kapazitätsgrenzen erreicht, deshalb kommt es zu sogenannten Spill-over-Effekten: Das Wachstum, das in der Metropole keinen Platz mehr findet, schwappt immer weiter in die Umgebung, in Form von Zuzüglern und Unternehmensansiedlungen dort. Das sehen Sie besonders deutlich am Speckgürtel um Berlin und München.

Der zweite Grund ist die Demografie. Wir haben mittlerweile fast in ganz Deutschland wieder Bevölkerungswachstum, auch abseits der Ballungsräume. Das liegt an der hohen Zuwanderung nach Deutschland sowie an steigenden Geburtenraten.

Meinen Sie mit der hohen Zuwanderung die Grenzöffnung für Flüchtlinge 2015?
Ökonomisch wesentlich bedeutsamer ist der starke Zuzug von Arbeitskräften aus anderen EU-Staaten, zum Beispiel Süd- und Osteuropa.

Wie nachhaltig ist diese Entwicklung?
Solange die positive ökonomische und demografische Gesamtentwicklung in Deutschland anhält, werden sich auch die Regionen weiter aneinander annähern. In einer längeren Phase ohne Wachstum oder mit gebremstem Zuzug kann sich die Entwicklung hingegen umkehren. Wobei die Parallele zu 2010 interessant ist.

Was passierte damals?
Nach der Weltwirtschaftskrise von 2009 mussten die exportorientierten Branchen in den Ballungsräumen die Kurzarbeit verdauen und erst wieder anspringen. Auch damals sahen wir ein Aneinanderrücken, weil die starken Regionen durch die Rezession überproportional geschwächt worden waren. Jetzt erleben wir einen ähnlichen Effekt, aber aus gegenteiligem Grund: Durch das lange Wachstum in Deutschland werden auch schwächere Regionen stärker und profitieren von Wachstum und Wohlstand.

Also ist etwas dran am alten Spruch der Wachstumsverfechter: „Die Flut hebt alle Boote“?
Ja, zumindest bezogen auf die Zukunftschancen der allermeisten deutschen Regionen.

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