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29.03.2020

14:04

Coronakrise

Wann sollte Deutschland die ersten Schritte zur Normalisierung gehen?

Von: Klaus Stratmann, Martin-W. Buchenau, Stefan Menzel, Anja Müller, Katrin Terpitz, Christoph Schlautmann

Ein übereiltes Ende der Einschränkungen durch die Coronakrise ist aus Sicht der Wirtschaft nicht zu vertreten. Dennoch erwarten die Unternehmen klare Perspektiven.

Erhalten Unternehmen bald klare Ansagen, wann und wie die Wirtschaft wieder hochgefahren werden darf, würden die Insolvenzen beherrschbar bleiben, glaubt Reinhold von Eben Worlée, Präsident des Familienunternehmerverbandes. dpa

Ein Café in Berlin

Erhalten Unternehmen bald klare Ansagen, wann und wie die Wirtschaft wieder hochgefahren werden darf, würden die Insolvenzen beherrschbar bleiben, glaubt Reinhold von Eben Worlée, Präsident des Familienunternehmerverbandes.

Berlin, Stuttgart, Düsseldorf Deutschland hat sich binnen weniger Tage komplett verwandelt. Der Stillstand, den die Politik der Wirtschaft und jedem einzelnen Bürger angesichts der Coronakrise verordnet hat, verändert den Alltag radikal – und droht viele Unternehmen in den Ruin zu treiben.

Dennoch ist in der Wirtschaft das Verständnis für die Maßnahmen groß. Gleichwohl fordern Unternehmer und Verbandsvertreter, Möglichkeiten zur Lockerung der Maßnahmen unvoreingenommen zu prüfen.

„Selbst wenn ein möglicher Zeitpunkt für eine kontrollierte Rückkehr zur wirtschaftlichen Normalität noch ungewiss ist, sollte die Bundesregierung aber schon jetzt im Dialog mit der Wirtschaft die ersten Schritte vorbereiten“, sagte BDI-Präsident Dieter Kempf dem Handelsblatt.

Unternehmen und Politik müsse es gemeinsam gelingen, „die vorrangige Unversehrtheit von Menschen und den kontrollierten Hochlauf der Wirtschaftstätigkeit miteinander vereinbar zu gestalten“, sagte der BDI-Präsident. „Gesundheitsschutz und wirtschaftliche Erholung sind kein Gegensatz, sondern zwei Seiten derselben Medaille“, ergänzte er.

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    Für jede getroffene Maßnahme, die wirtschaftliche Aktivitäten runterfahre, brauche es umfangreiche Folgenabschätzungen, forderte Kempf. „Uns ist klar, dass der Zeitpunkt, wann die Krise vorüber ist, derzeit ungewiss ist. Die Bundesregierung sollte baldmöglichst eine Strategie zur schrittweisen Rückkehr zur Normalität entwickeln“, sagte er.

    Aufhebung der Einschränkungen zu früh

    Die Debatte über Dauer und Intensität der Maßnahmen im Kampf gegen die Coronakrise ist damit in vollem Gange. Bundeskanzlerin Angela Merkel warnte an diesem Freitag noch vor einer Lockerung der Maßnahmen.

    Derzeit verdoppele sich die Zahl der Neuinfektionen noch alle vier bis fünf Tage, sagte sie. Man könne über die Einschränkungen erst sprechen, wenn die Spanne sich in Richtung von zehn Tagen ausdehne.

    Auch der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hält eine Debatte über eine Aufhebung der Einschränkungen des öffentlichen Lebens für zu früh. „Wir wissen heute noch nicht, wie lange wir das öffentliche Leben beschränken müssen“, sagt er am Freitag.

    „Deshalb ist es jetzt noch viel zu früh, um Entwarnung zu geben oder Ausstiegsdaten in Aussicht zu stellen“, sagte der Grünen-Politiker. Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) mahnen zu Geduld.

    Dagegen hatte Unionsfraktionsvize Carsten Linnemann (CDU) gefordert, die Wirtschaft in Deutschland spätestens nach Ostern „schrittweise“ wieder hochzufahren.

    Ergebnisse aktueller Maßnahmen abwarten

    DIHK-Präsident Eric Schweitzer will sich im Moment noch nicht auf eine Forderung nach einer Lockerung der Maßnahmen festlegen. Er hoffe, „dass die aktuellen Beschränkungen die notwendige Wirkung zeigen und Bremseffekte bei den Infektionen eintreten. Dann können wir über die nächsten Schritte entscheiden, was auch für die Wirtschaft wichtig ist“, sagte er. Aktuell müsse man auch in der Wirtschaft „auf Sicht fahren“.

    Reinhold von Eben Worlée, Präsident des Familienunternehmerverbandes, hält es für möglich, ein Wiederanfahren des wirtschaftlichen Lebens mit dem Gesundheitsschutz der Bevölkerung zu kombinieren.

    Dazu sei ein Exit-Plan erforderlich, aus dem hervorgehe, „wie die Strangulierung der Unternehmen durch die umfassenden Schutzmaßnahmen gelockert werden kann bei gleichzeitigem Schutz der Corona-Risikogruppen“, sagte von Eben-Worlée dem Handelsblatt.

    „Wenn die Unternehmen innerhalb der nächsten zwei Wochen klare Ansagen bekommen, wann und unter welchen Bedingungen das öffentliche Leben und damit auch die Wirtschaft wieder hochgefahren werden dürfen, werden die Insolvenzen und der Ausfall bei den Rückzahlungen der Überbrückungskredite eher beherrschbar bleiben“, sagte er.

    „Wir Familienunternehmer fordern diesen Exit-Plan jetzt auch mit Blick auf unsere Mitarbeiter: Jeder, der aus der Kurzarbeit bald wieder raus kann, erspart sich und seiner Familie große finanzielle Sorgen“, sagte von Eben-Worlée.

    Großer Druck auf den Unternehmen

    Wolf-Henning Scheider, Vorstandschef des Autozulieferers ZF Friedrichshafen, mahnt zu maßvollem Vorgehen: „Wirtschaft und Gesellschaft darf man bei dieser sensiblen Frage nicht gegeneinander ausspielen“, sagte Scheider. Das Vertrauen der Verbraucher müsse erst wieder stabil werden. ZF ist nach Bosch und Continental der drittgrößte deutsche Autozulieferer.

    Ähnlich argumentiert Michael Huber, Generalbevollmächtigter der Brauerei Veltins. „Wir brauchen alltagstaugliche, wägbare Prognosen, die Menschen und Wirtschaft gleichermaßen schützen. Nach Angst und Hysterie müssen wir Augenmaß walten lassen“, sagte Huber und warnte: „Für eine Zeitpunkt-Empfehlung ist es noch zu früh.“

    Der Druck, der gerade auf den Unternehmen der Automobilbranche lastet, ist immens. So warnt Volkwagen davor, die aktuellen Produktionsstopps zu lange auszudehnen. „Selbst für das finanziell starke Unternehmen Volkswagen stellt die derzeitige Ausnahmesituation eine akute wirtschaftliche Gefahr dar. Einen monatelangen Stillstand kann die Wirtschaft, können auch wir als leistungsfähiges, großes Unternehmen nicht verkraften“, schreiben Konzernchef Herbert Diess, der Aufsichtsratsvorsitzende Hans Dieter Pötsch und Betriebsratschef Bernd Osterloh in einem gemeinsamen Mitarbeiterbrief.

    Im vergangenen Jahr habe der Konzern an jedem Tag einen Gewinn von mehr als 50 Millionen Euro erzielt. Geld, das jetzt fehle. Es werde schwer sein und lange dauern, diese Verluste aufzuholen – viel länger als die Coronakrise selbst dauern werde. „Und mit jedem weiteren Krisentag wird es schwieriger“, schreiben die drei Volkswagen-Vertreter.

    Für den Wolfsburger Autokonzern sei es wichtig, dass die Produktion bald wieder aufgenommen werde. „Einige Wochen und Monate können wir das durchhalten, aber nicht unendlich“, hatte Konzernchef Diess zuvor in einer Fernsehsendung gesagt.

    Arndt Kirchhoff, CEO der Kirchhoff-Gruppe, die vor allem im Autozulieferergeschäft aktiv ist, ist der Meinung, dass die Gesundheit „auf jeden Fall vorgeht“. Auch für die Unternehmen stehe die Gesundheit der Mitarbeiter an erster Stelle. „Vor Ende nächster Woche können wir doch überhaupt noch nichts zu den Erfolgen der Kontaktverbote sagen und was man überhaupt möglicherweise verantworten kann.“, sagt der Unternehmer, der auch Präsident der Unternehmer NRW und Präsident des Verbandes der Metall- und Elektro-Industrie Nordrhein-Westfalen ist. „Mir ist wichtig, dass die Maßnahmen europaweit gelten und eventuell auch die Lockerungen, wenn diese möglich sein sollten.“ Die Autoindustrie jedenfalls denke europäisch.

    Auch in anderen Branchen ist das Geschäft komplett zusammengebrochen, etwa in vielen Bereichen der Gastronomie. So sind die 102 Restaurants der deutschen Pizza- und Pastakette L’Osteria derzeit geschlossen, die 5000 Mitarbeiter erhalten Kurzarbeitergeld. „Gesundheit hat absolut Vorrang. Aber positive Signale aus China und aus Skandinavien lassen hoffen, dass auch bei uns vieles vielleicht schon bald und stufenweise wieder hochgefahren werden könnte“, sagt L'Osteria-Chef Mirko Silz. „Das sollte allerdings sorgsam geschehen. Und vielleicht liegt dann ein Fokus darauf, so genannte „Gefährdete“ zu schützen und anderen wieder mehr Freiheiten zu geben. Wir bereiten gerade Services wie Abholung und Lieferung vor. Wir sollten die Krise nutzen, um kreativ zu sein und an Neuem zu arbeiten.“

    Manche Unternehmer fordern, stärker in die Planungen einbezogen zu werden. Die Wirtschaft müsse „dringend mit an den Tisch“, wenn es um Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie gehe, sagte Karl Gernandt, der bei den Logistikunternehmen Hapag- Lloyd und Kühne + Nagel die Interessen von Großinvestor Klaus-Michael Kühne vertritt.

    Die Logistikbranche ist von den Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie stark betroffen. Komme es zu unbedachten Schließungen von Häfen oder Flughäfen, warnt Gernandt, könne das gravierende Folgen für die Lieferkette haben, warnte Gernandt.

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