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16.12.2019

06:00

Ausbildung: börsennotierte Unternehmen bauen Lehrstellen ab imago/photothek

Lehrstellen im Fokus

Wer nicht ausbildet, soll sich an den Kosten der anderen beteiligen, fordern Handwerker und Familienunternehmer.

Das Ausbildungsdesaster

Börsennotierte Unternehmen bauen kräftig Lehrstellen ab – Mittelstand und Handwerk empört

Von: Barbara Gillmann

Lieber ausschütten als ausbilden: Börsennotierte Unternehmen fahren in Deutschland ihr Engagement bei der Ausbildung deutlich zurück, zeigt eine Studie.

Berlin Wenn Kanzlerin Angela Merkel an diesem Montag die Sozialpartner und Teile ihres Kabinetts zum Fachkräftegipfel lädt, dann wird es vorrangig um das Einwanderungsgesetz und neue Anwerbeprogramme gehen. Aber natürlich müsse Deutschland auch sein „eigenes, heimisches Potenzial ausschöpfen“, betonte die Regierungschefin in ihrem wöchentlichen Videopodcast.

Und hier gibt es noch einiges zu holen. Das zeigt eine aktuelle Studie des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB), die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. Danach ist das Ausbildungsengagement börsennotierter Großunternehmen, zu denen auch die Dax-Konzerne gehören, stark rückläufig. Boten diese Unternehmen, die in Deutschland 1,6 Millionen Menschen beschäftigen, 2006/07 noch rund 85.000 Lehrstellen an, ist die Zahl bis 2016/17 um fast neun Prozent auf knapp 78.000 gesunken.

Die erfassten nicht börsennotierten Firmen, die nur rund 630.000 Mitarbeiter haben, erhöhten im gleichen Zeitraum die Zahl der Ausbildungsplätze um 17 Prozent von gut 26.000 auf 31.000. Zu dieser Gruppe gehören auch große Unternehmen wie die Deutsche Bahn, Bosch oder Rewe.

Investition in Ausbildung ist eine Investition in die Zukunft“, sagte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) dem Handelsblatt. „Das gilt für alle Arbeitgeber.“ Jedes Unternehmen – egal ob börsennotiert oder nicht – benötige schließlich kompetente Fachkräfte.

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    In der WZB-Untersuchung haben die Forscher Durchschnittswerte aus zwei Jahren gebildet, um den Einfluss von Ausreißern zu minimieren. Basis der Studie waren 130 Unternehmen mit mehr als 2000 Beschäftigten, davon 62 börsennotierte, aus dem Mitbestimmungsindex des WZB.

    In beiden Gruppen wurden sowohl klassische Auszubildende als auch duale Studenten erfasst, die die Unternehmen üblicherweise zusammen ausweisen. Die dualen Studenten bilden dabei nach Angaben des WZB rund ein Fünftel aller Auszubildenden aus.

    Wie der Studientitel „Ausschütten statt Investieren“ schon nahelegt, führen die Autoren das sinkende Ausbildungsengagement börsennotierter Firmen vor allem auf den steigenden Druck am Kapitalmarkt zurück: „Gerade in den Unternehmen, die der Kapitalmarktlogik unterliegen, wird also zunehmend weniger in die duale Ausbildung investiert“, schreibt das Team um den WZB-Experten Robert Scholz.

    Steigender Renditedruck

    Insbesondere seit der Finanzkrise 2008/09, in Zeiten fallender Zinsen und mangelnder Investitionsalternativen drängten viele Investoren in die Aktienmärkte. Das erhöhe den Druck, dort auch entsprechende Renditen zu erzielen. Die Ausbildung als langfristige Investition stehe offenbar in Konkurrenz zu kurzfristigen Ergebniszielen.

    Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) reagierte mit Unverständnis auf den Ausbildungsrückgang bei den Börsen-Unternehmen: „Wenn Dax-Betriebe ihren Aktionären in 2020 geschätzt rund 37 Milliarden Euro ausschütten können, erwarte ich von ihnen auch, dass sie mehr ausbilden“, sagte DGB-Vize Elke Hannack.

    Es könne nicht sein, dass börsennotierte Firmen sich bei der Ausbildung „einen schlanken Fuß machen“, kritisierte sie und forderte die Kanzlerin auf, die Dax-Konzernchefs zu einem Ausbildungsgipfel einzuladen.

    Gerade weil die börsennotierten Unternehmen in der Summe ungleich mehr Lehrlinge ausbilden als die nicht börsennotierten, sei der Rückgang des Ausbildungsengagement ein „Warnzeichen“, schreibt Studienautor Scholz.

    „Die Strategie, fertig ausgebildete Arbeitnehmer zu rekrutieren statt auszubilden, kann langfristig keine Lösung sein.“ Denn das gehe „zulasten der kleinen und mittleren Betriebe, der volkswirtschaftlichen Beschäftigung, des generellen Bildungsniveaus und damit der Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung insgesamt“.

    Man könne sich schließlich auch nicht darauf verlassen, dass die nicht börsennotierten Unternehmen weiter in dem Umfang Ausbildungsplätze aufbauen, wie sie bei börsennotierten wegfallen. „Langfristig könnte die starke Renditenorientierung also noch mehr Ausbildungsplätze kosten.“

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