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22.12.2019

08:42

Die Stimme der Linken

Sahra Wagenknecht ist die Aussteigerin des Jahres

Von: Peter Gauweiler

Auch wenn die 50-Jährige von allen politischen Ämtern zurückgetreten ist, bleibt sie die Stimme des linken Lagers. Und sie ist noch nicht am Ende.

Hermann Bredehorst

Niederlagen sehen anders aus. Mitte November gab Sahra Wagenknecht den Fraktionsvorsitz der Partei Die Linke im Deutschen Bundestag auf, indem sie sich nicht zur Wiederwahl stellte – einen Wimpernschlag später wird sie vom Meinungsforschungsinstitut Insa zur beliebtesten Politikerin Deutschlands ausgerufen. Bundeskanzlerin Angela Merkel – bis heute auch irgendwie, aber noch nicht wirklich zurückgetreten – verwies sie damit auf den zweiten Platz.

Vier Jahre zuvor hatte das ZDF-Politbarometer Wagenknecht noch zur unbeliebtesten Politikerin Deutschlands erklärt. Lieben und geliebt werden wollen alle, die dem Volke dienen. Bezogen auf das deutsche hat Sahra Wagenknecht im Jahr 2019 diese Erfüllung gefunden. „Bewege dich in deinen Eigenfarben, bis du im Recht bist“, sagte gerade in Stockholm der Nobelpreisträger Peter Handke.

Nicht, dass sie diese Alleinstellung gesucht hätte: Als Wagenknecht Anfang des Jahres aufgrund eines Burn-outs eine Auszeit nehmen musste, nannte sie auch die innerparteilichen Angriffe auf ihre Person als Grund. Kurz darauf kündigte sie an, nicht erneut als Fraktionsvorsitzende der Linken zu kandidieren. Sahra Wagenknecht hatte genug von den ewigen Kämpfen.

Denn das Kämpfen bestimmte schon seit frühester Jugend ihr Leben und zieht sich wie ein roter Faden durch die Biografie der Ostwestdeutschen. 1969 wird sie in Jena geboren. Der Vater stammte aus dem Iran, lernte ihre in der DDR lebende Mutter als West-Berliner Studentin kennen. Von einer Reise nach Teheran kehrte er nie mehr zurück. Wagenknecht selbst beschrieb dieses Erlebnis als „Verlustschmerz, den man mit ins Leben nimmt“ – ihr Elterngepäck auf dem Weg zur bekanntesten Einzelkämpferin der deutschen Politik.

Früh eckt sie mit ihren Ansichten an. Nach dem Abitur 1988 wird der außergewöhnlich begabten Gymnasiastin im real existierenden Sozialismus das Studium verweigert. Sie sei „nicht aufgeschlossen genug fürs Kollektiv“, wurde ihr attestiert. Wie klarsichtig!

Peter Gauweiler ist seit mehr als 50 Jahren CSU-Mitglied. Der 70-Jährige gilt als Ziehsohn von Franz Josef Strauß. In seiner Zeit als Bundestagsabgeordneter von 2002 bis 2015 lernte er Sahra Wagenknecht kennen. Als Anwalt hat Gauweiler einige prominente Unternehmer und Manager vertreten. ddp images

Peter Gauweiler

Peter Gauweiler ist seit mehr als 50 Jahren CSU-Mitglied. Der 70-Jährige gilt als Ziehsohn von Franz Josef Strauß. In seiner Zeit als Bundestagsabgeordneter von 2002 bis 2015 lernte er Sahra Wagenknecht kennen. Als Anwalt hat Gauweiler einige prominente Unternehmer und Manager vertreten.

Eine Arbeitsstelle als Sekretärin kündigt sie nach drei Monaten. Mit Nachhilfeunterricht hält sie sich finanziell über Wasser. Aber als alle sich von der delegitimierten DDR abwenden – im Jahr 1989 –, tritt Wagenknecht in die SED ein. Ich will kein Wendehals sein! Die 19-Jährige äußert demonstratives Verständnis für die Klassiker des Kommunismus. Für uns Antikommunisten eine unerhörte Provokation. „Lass dich ein“, heißt es bei Peter Handke. „Verachte den Sieg.“

Nach der Wende studiert sie in Jena und Berlin Philosophie und Neuere Deutsche Literatur. Dann schmeißt sie hin und lernt und forscht im niederländischen Groningen weiter. Mit einer Arbeit über die Hegelrezeption des jungen Marx schließt sie ihr Studium ab. Später promoviert sie in Volkswirtschaftslehre über das Verhältnis von Einkommen und Rücklagen in entwickelten Ökonomien.

Ihre politische Karriere gewann in all den Jahren weiter an Fahrt. Doch auch hier verlief ihr Weg voller Reibungen. 1991 wurde Wagenknecht Mitglied des Parteivorstandes der SED-Nachfolgepartei PDS. Vier Jahre später musste sie jedoch auf Druck Gregor Gysis aus dem Vorstand ausscheiden – er hielt sie für untragbar. 2000 wurde sie erneut in den Vorstand der Partei gewählt.

Vier Jahre später zog sie für ihre Partei in das Europaparlament ein. Vorausgegangen war wieder eine innerparteiliche Kampfabstimmung. 2007 wurde sie Mitglied des Parteivorstandes der Partei Die Linke. 2009 zog sie in den Bundestag ein. Ein Jahr später wird sie stellvertretende Parteivorsitzende, kurz darauf stellvertretende Fraktionsvorsitzende. 2015 übernimmt sie gemeinsam mit Dietmar Bartsch den Fraktionsvorsitz der Linken im Bundestag. Die ewige Eifersucht der zu kurz Gekommenen nimmt damit kein Ende. Im Gegenteil.

Liebe ist größer als Macht, und als die Partei immer mehr driftet, geht sie mit Oskar Lafontaine – der das alles schon einmal vorgelebt hat – den Weg ins Freie. Lafontaines Herz schlägt auch links. Aber er ist ein linker Gaullist und kennt den Wert des Rassemblements. Das heißt Sammlungsbewegung und meint Überparteilichkeit.

Politische Fingerübung

2018 der erste Versuch, mit der überparteilichen Initiative „Aufstehen“. Das war noch keine wirkliche Revolution, aber die Ahnung einer Alternative, vielleicht auch nur eine politische Fingerübung. Heute zitiert Lafontaine gerne Ortega y Gasset: „Wer nur auf die Linke setzt, ist wie halbseitig gelähmt.“ Rechtsherum gilt das natürlich genauso. Und damit ist eigentlich alles gesagt. Und jetzt, Ende 2019, der Rücktritt von allen Ämtern der Linken.

Trotzdem gibt es keinen Reinfall zu feiern. Denn zu den Besonderheiten der Sahra Wagenknecht gehört, dass sie zwar innerhalb der geschlossenen Parteilandschaft stört, nach außen aber wohl die Stimme des linken Lagers in Deutschland war, die am stärksten wahrgenommen wird. Eine wirklich gute Stimme, die auch anderswo gehört und geachtet wurde.
Bürgerlichkeit in Reinkultur

Gerne habe ich in meinen CSU-Veranstaltungen mit der Empfehlung gescherzt, bei Sahra Wagenknechts Reden im Deutschen Bundestag lieber das Plenum zu verlassen – sonst müsste unsereiner zu viel klatschen. Die politischen Schnittmengen sind ja leicht ausgemacht. So kritisierte sie von Beginn an klarsichtig den Umgang der Berliner politischen Klasse mit der Griechenlandkrise. Auch die nie zu Ende gedachten Auslandseinsätze der Bundeswehr, wie sie in den vergangenen Jahrzehnten so schnell beschlossen wurden, lehnt Wagenknecht ab.

Als sie auf dem Höhepunkt der Migrationsbewegung Anfang 2016 die Grenzen der Aufnahmebereitschaft der Bevölkerung ansprach und vor dem Hintergrund der Übergriffe in der Silvesternacht in Köln von Schutzsuchenden verlangte, sich an Gesetz und Ordnung im Gastland zu halten, war es, als lese sie den vereinsamten CDU-Leuten deren eigene Gedanken vor. Bürgerlichkeit in Reinkultur. Mehr als einmal hätten sich Angela, Röschen und AKK von ihr eine Scheibe abschneiden können.

Sie wollte nie nur Theoretikerin sein, sondern praktisch die Welt gestalten und zum Positiven verändern. Wenn man von Marx geprägt ist, dann kann man nicht reiner Theoretiker sein. „Marx wollte ja, dass die Welt verändert wird“, sagt Wagenknecht. Doch allzu oft legten das politische System und nicht zuletzt die Partei ihr ein zu enges Korsett an. „Jetzt bin ich 20 Jahre politisch aktiv. Da relativiert sich manches, was die Einflussmöglichkeiten betrifft. Selbst wenn man in Spitzenfunktionen einer Oppositionspartei ist“, stellte sie ernüchtert fest.

Doch vielleicht eröffnet ihr gerade der Rücktritt von allen Ämtern eine neue Tür. Passend dazu und zu ihrem 50. Geburtstag in diesem Jahr erschien ihre Biografie. Darin wagt Autor Christian Schneider eine Prognose. Dass sie an der Spitze der Linkspartei nochmals eine wesentliche Rolle spielen wird, glaubt er nicht. Er sieht ihre künftige Funktion eher als „öffentlich denkende Person, die durch ihre theoretischen Anstöße möglicherweise neue Formen des Politischen initiieren kann“. Befreit von den Zwängen der Parteipolitik können wir Großes von Sahra Wagenknecht erwarten.

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