Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

22.08.2019

11:50

Dieselskandal

Politik und Verbraucherschützer fordern weitere Zugeständnisse bei Diesel-Nachrüstung

Von: Dietmar Neuerer

Immer mehr Systeme für Diesel-Nachrüstungen erhalten eine Zulassung. Doch für die Halter steckt der Teufel im Detail. Vor allem VW gerät deshalb in die Kritik.

In Deutschland sind weit mehr als fünf Millionen Diesel-Pkw mit der Abgasnorm Euro 5 auf den Straßen unterwegs. dpa

VW-Dieselmotor

In Deutschland sind weit mehr als fünf Millionen Diesel-Pkw mit der Abgasnorm Euro 5 auf den Straßen unterwegs.

Berlin Nach der Zulassung weiterer Systeme für Hardware-Nachrüstungen älterer Diesel-Autos fordern Politiker und der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) mehr Zugeständnisse der Autobranche – insbesondere des VW-Konzerns.

„Volkswagen hat manipuliert und bisher die geschädigten Verbraucher im Regen stehen lassen. VW sollte als eine demütige Geste allen Diesel-Kunden die Nachrüstung zugestehen und komplett fördern“, sagte die Leiterin des Teams Mobilität und Reisen beim VZBV, Marion Jungbluth, dem Handelsblatt. Konkret verlangte sie von Volkswagen, nicht nur Kunden in bestimmten Regionen bei der Hardware-Nachrüstung finanziell zu unterstützen.

Ein VW-Sprecher hatte indes kürzlich erklärt, dass lediglich in den von der Bundesregierung festgelegten 15 „Intensivstädten“ mit besonders hoher Schadstoffbelastung bis zu 3000 Euro für die vom Kraftfahrtbundesamt (KBA) genehmigten Nachrüstungen möglich seien. Auch Daimler gibt in „Schwerpunktregionen“ 3000 Euro dazu. Die Gesamtkosten für den Einbau werden auf 1400 bis 5000 Euro geschätzt.

VZBV-Expertin Jungbluth sagte dazu, der Wertverlust bei den Diesel-Autos treffe auch die Halter außerhalb von „Intensivstädten“. „Fair wäre, wenn alle Hersteller ihren Kunden die Hardware-Nachrüstung fördern würden“, sagte sie. Volkswagen komme dabei aber eine „besondere Verantwortung“ zu.

„Das wäre ein Gebot der Fairness“, sagte dazu der Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer dem Handelsblatt. Aber auch Daimler und insbesondere BMW müssten mitziehen. „VW kommt aktuell den Kunden noch am weitesten entgegen.“ Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) müsse zudem „Druck auf die PKW-Hersteller ausüben, dass Hardware-Nachrüstungen umfangreicher realisiert werden, sonst passiert wenig“.

FDP: Nachgerüstete PKW von Fahrverboten ausnehmen

Auch der FDP-Fraktionsvize Michael Theurer sieht die Autobauer in der Pflicht. „Wo manipuliert wurde, muss es eine Kostenübernahme durch VW flächendeckend geben“, sagte Theurer dem Handelsblatt. „Darüber hinaus wäre ein freiwilliges Entgegenkommen generell wünschenswert, um Vertrauen wiederherzustellen.“ Allerdings müsse auch die Bundesregierung „endlich Rechtsklarheit schaffen und sicherstellen, dass nachgerüstete PKW von Fahrverboten ausgenommen werden“, fügte Theurer hinzu.

Bisher können bestimmte Diesel-Autos von Volvo, Daimler und Volkswagen wegen zu hoher Schadstoffwerte nachgerüstet werden. Ende Juli war die erste Betriebserlaubnis für Nachrüstsysteme des Bamberger Technologie-Anbieters Dr Pley für verschiedene Volvo-Modelle erteilt worden.

Es folgten Genehmigungen für Mercedes-Modelle. In der vergangenen Woche hatte das KBA die Betriebserlaubnis für Systeme des Technologie-Anbieters Baumot veröffentlicht. Diese umfasse Nachrüstsysteme für mehr als 60 Fahrzeugmodelle des VW-Konzerns.

VZBV-Expertin Jungbluth forderte ein „niederschwelliges und verständliches“ Verfahren zur Übernahme der Nachrüstkosten. Der Antrag auf Kostenerstattung bei Volkswagen scheine jedoch Verbraucher eher abschrecken zu sollen, kritisierte sie. „Das ist wiederum wenig kundenfreundlich und kein Zeichen, endlich Verantwortung zu übernehmen.“

„Risiko der Umrüstung darf nicht bei Dieselbesitzern liegen“

Über die genauen Rahmenbedingungen für die genehmigten Nachrüstungen wollte VW in Kürze im Internet informieren. Allerdings lässt schon der Antrag für einen sogenannten „Mobilitätszuschuss“ nichts Gutes erahnen. VW schiebt darin jegliche Verantwortung für den nachträglichen Einbau der Hardware-Nachrüstung mit einem SCR-Katalysator an die Fahrzeughalter ab.

In einem Passus des Antrags heißt es etwa, dem Unterzeichner sei bewusst, dass infolge der Nachrüstung „Beeinträchtigungen für die dauerhafte Funktionssicherheit, Folgeschäden durch erhöhte Kraftstoffverbräuche und weitere Nachteile an seinem Fahrzeug auftreten können“. Und: „Es kann durch die Hardware- Nachrüstung auch zu dem Verlust gesetzlicher Gewährleistungsrechte oder einer noch bestehenden Garantie in Bezug auf das Fahrzeug und nachträglich erworbene Ersatzteile kommen.“

Verbraucherschützerin Jungbluth hält das für inakzeptabel. „Das technische und juristische Risiko darf aber nicht bei den Dieselbesitzern liegen“, sagte sie. Verbraucher erwarteten eine „einwandfrei funktionierende“ Abgasnachbehandlung und eine Garantiezusage dafür, dass die Nachrüstung zu keinen Schäden am Auto führe. Autohersteller und Anbieter von Nachrüstsystemen müssten daher „eine klare Regelung treffen, wer für welche Schäden am Fahrzeug die Haftung übernimmt“, betonte die VZBV-Expertin.

Zudem sollten aus Sicht Jungbluths die Autobesitzer genau informiert werden, wie hoch der Kraftstoffmehrverbrauch durch die Nachrüstung sei und dafür ebenfalls eine Garantie erhalten. „Weitere Veränderungen am Fahrzeug und mögliche Auswirkungen für die Halter, wie zum Beispiel der AdBlue-Verbrauch, müssen klar kommuniziert werden“, sagte sie.

Ziel der Nachrüstungen ist es, dass Fahrzeuge der Abgasnorm Euro 5 von Fahrverboten ausgenommen werden können. Die Umrüstungen am Motor sind Teil eines Maßnahmenpakets der Regierung für bessere Luft. Deutsche Autohersteller hatten sich nach langer Debatte auf Zuschüsse für Hardware-Nachrüstungen eingelassen. Sie favorisieren Software, um die Abgaswerte zu verbessern.

Erste Systeme für VW-Fahrzeuge im Oktober erhältlich

In Deutschland sind weit mehr als fünf Millionen Diesel-Pkw mit der Abgasnorm Euro 5 auf den Straßen unterwegs. Wegen des hohen Ausstoßes von Stickoxiden (NOx) sind sie an vielen Orten von Fahrverboten bedroht.

Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) sowie das Kfz-Gewerbe und der ADAC pochten daher zueltzt ebenfalls auf mehr Zugeständnisse der Autoindustrie. Die Hersteller müssten den Einbau der Nachrüst-Sets bezahlen, sagte Schulze kürzlich.

Ähnlich äußerte sich ADAC-Vizepräsident Karsten Schulze, der mehr Sicherheit für Verbraucher bei den Kosten verlangt. „Es gilt nach wie vor: Die Verbraucher haben sich nichts zuschulden kommen lassen und dürfen nicht mit den Kosten belastet werden.“

Aus Sicht des Zentralverbandes Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) sollte die Hardware-Nachrüstung von Euro-5-Dieselfahrzeugen von Autoherstellern flächendeckend gefördert und nicht auf Regionen begrenzt werden.

Der Dieselnachrüster Baumot will die ersten Systeme für VW-Fahrzeuge noch im Oktober 2019 ausliefern, wie Firmen-Chef Marcus Hausser der Nachrichtenagentur dpa sagte. Nach seinen Worten deckt die vom KBA erteilte Betriebserlaubnis (ABE) etwa 1,3 Millionen betroffene Autos aus dem Volkswagen-Konzern ab.

„Weitere ABEs für Fahrzeuge auch anderer Hersteller werden wir in Kürze ebenfalls beantragen. Wir gehen davon aus, zeitnah für alle relevanten Volumenmodelle eine Nachrüstlösung anbieten zu können.“

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×