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26.07.2021

17:14

Digitale Souveränität

Dieses Datenprojekt soll Europa verändern

Von: Teresa Stiens

Großprojekte wie autonomes Fahren brauchen einen funktionierenden Datenverkehr. Das Wirtschaftsministerium startet nun mit zehn Partnerländern in diese Jahrhundertaufgabe.

Cloud obs

Riesige Datenmengen

Bei Projekten wie dem autonomen Fahren müssen in Echtzeit enorm viele Daten verarbeitet werden. Dazu braucht es eine neue Infrastruktur.

Ein kurzer Exkurs in die Zukunft: Wir befinden uns auf einer Reise in einem selbst fahrenden Auto von Bukarest nach Lissabon, eine Strecke von fast 4000 Kilometern. Um dabei sicher an das Ziel zu gelangen, benötigt das Auto eine Unmenge an Daten.

Es muss ständig Berechnungen durchführen, sich selbst über den Zustand der eigenen Batterie auf dem Laufenden halten, aber auch über die Umgebung informiert bleiben: vom Verkehr übers Wetter bis hin zu möglichen Gefahrenquellen wie Menschen, Schlaglöcher oder Baustellen.

Um einen Eindruck zu bekommen, um welche Datenflut es sich dabei handelt, lohnt sich ein Blick in die beiden Rechenzentren, die BMW für nur 40 selbst fahrende Testfahrzeuge eingerichtet hat. Sie haben zusammen eine Kapazität von 500 Petabyte oder anders gesagt: Alle geschriebenen und gedruckten Wörter der Menschheitsgeschichte hätten darin fünfmal Platz.

Um den Traum einer autonomen Fahrt von Rumänien im Osten nach Portugal in den Westen Europas Wirklichkeit werden zu lassen, braucht es eine herausragende Infrastruktur, um diese Datenmengen in Echtzeit verarbeiten zu können. Idealerweise müsste das in regionalen kleinen Rechenzentren, den sogenannten Edges, geschehen.

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    Jede Landesgrenze, die auf der Reise passiert wird, ist dabei eine neue Herausforderung, denn jedes Mal stellt sich die Frage: Ist die Art der Datenverarbeitung mit der des Nachbarlandes kompatibel?

    An dieser Stelle wird die Tragweite des neuen Dateninfrastrukturprojekts des Bundeswirtschaftsministeriums in Kooperation mit zehn weiteren europäischen Ländern greifbar. Denn um die Frage nach einer tragfähigen europäischen Datenverarbeitung langfristig mit Ja beantworten zu können, arbeitet das Ministerium von Peter Altmaier (CDU) derzeit gemeinsam mit zehn weiteren EU-Mitgliedstaaten an einer europäisch einheitlichen Cloud-Edge-Infrastruktur. Auch die EU-Kommission ist an dem Projekt beteiligt. Deutschland hat dabei zusammen mit Frankreich die Koordination des Großprojekts übernommen.

    Das Vorhaben trägt den sperrigen Namen IPCEI-CIS, eine Abkürzung für „Important Project of Common European Interest – Next Generation Cloud Infrastructure and Services“. Diese Einstufung als „wichtiges Vorhaben“ gibt Mitgliedstaaten die Möglichkeit, Unternehmen, die sich an diesen Projekten beteiligen, entgegen den eigentlichen geltenden Regeln des EU-Binnenmarkts finanziell zu unterstützen.

    Die EU erhofft sich davon, dass diese Vorhaben sich positiv auf die gesamte europäische Wirtschaft übertragen und Effekte erzielen, die im „übergeordneten europäischen Interesse sind“, wie es das Bundeswirtschaftsministerium beschreibt.

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    Das übergeordnete europäische Interesse in diesem Fall lautet einerseits, eine europaweit einheitliche Infrastruktur für den Datenverkehr zu schaffen. Andererseits will sich die EU von der Konkurrenz aus Asien und den USA nicht noch weiter abhängen lassen.

    Denn momentan sind die europäischen Unternehmen auf die Dienste der großen Tech-Firmen wie Google, Microsoft oder Amazon angewiesen. Sie kommen mit dem Vorteil auf den Markt, dass sich ihre Angebote massiv skalieren lassen, weshalb sie auch als Hyperscaler bezeichnet werden.

    Hoheit über die Daten

    Souveränität über die Daten, Transparenz, was mit diesen passiert, und die Möglichkeit, schnell und einfach von einem Anbieter zum anderen zu wechseln, bringen die Hyperscaler allerdings nicht mit. Deswegen hatten Vertreter der europäischen Wirtschaft in Zusammenarbeit mit Politik und Wissenschaft 2019 die „Gaia-X“-Initiative gegründet, um „gemeinsame Anforderungen an eine europäische Dateninfrastruktur zu entwickeln“.

    Erste „Leuchtturmprojekte“ wie etwa das Catena-X-Projekt für einen standardisierten Datenaustausch im Automobilbereich hat das Bundeswirtschaftsministerium bereits auserkoren. Allerdings: „Gaia-X stellt keine eigene Dateninfrastruktur zur Verfügung, sondern fördert andere“, heißt es aus dem BMWI auf Anfrage.

    Genau diese Infrastruktur soll IPCEI-CIS jetzt liefern, noch bis Ende August können sich Unternehmen beim Wirtschaftsministerium um Förderung bewerben. Das Vorhaben richtet sich vor allem an Großunternehmen und die Industrie, weshalb die Ausschreibung als Bedingung vorgibt, dass die „Gesamtinvestitionskosten grundsätzlich mindestens zehn Millionen Euro betragen müssen“.

    Gesucht werden für das IPCEI-CIS keine theoretischen Forschungsprojekte, sondern tatsächliche Anwendungsfälle aus der Industrie, im besten Fall grenzüberschreitend. Diese industriellen Großvorhaben sollen dazu führen, dass die entstandene Infrastruktur auch von anderen Unternehmen gesehen und genutzt wird, und somit eine europäische Dateninfrastruktur bewerben.

    Dafür stellt Deutschland 750 Millionen Euro aus Mitteln des Europäischen Wiederaufbaufonds zur Verfügung, insgesamt rechnet das BMWI mit einem „hohen einstelligen Milliardenbetrag aus öffentlichen und privaten Mitteln“ aus ganz Europa.

    Durch diese paneuropäische Zusammenarbeit soll IPCEI-CIS eine ähnliche Skalierbarkeit erreichen wie die Anwendungen der Big-Tech-Unternehmen. Der Vorteil wäre, dass die vielen unterschiedlichen Anbieter miteinander kompatibel wären.

    Mit IPCEI-CIS bekommt die Idee einer europäischen Datensouveränität also eine erste konkrete Infrastruktur. Das theoretische Gerüst, das mit Gaia-X geschaffen wurde und europäische Grundwerte wie Souveränität und Transparenz digitalisieren will, soll auch auf die europäische Wirtschaft übertragen werden.

    Und es soll noch ein weiteres Ziel erreicht werden. Denn wenn die Daten mithilfe der Edges, die auch aus Rechenzentren von Mittelständlern entstehen können, dort verarbeitet werden, wo sie entstehen, anstatt sie in eine zentrale Cloud zu schicken, müssen sie eine kürzere Strecke zurücklegen. Dadurch könnte, so lautet die Hoffnung des BMWI, sehr viel Energie eingespart werden.

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