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13.11.2018

18:54

Digitalisierung

Bundesregierung will Milliarden in KI investieren und den USA und China zuvorkommen

Von: Dana Heide

Die Große Koalition will mit einer neuen KI-Strategie der deutschen Wirtschaft zur Weltmarktführerschaft verhelfen. Das hat nicht nur wirtschaftliche Gründe.

KI: Bundesregierung will drei Milliarden investieren mauritius images

Industrieroboter

Wann bauen sich die Maschinen selbst?

Berlin Bisher hat die Bundesregierung über die digitale Zukunft Deutschlands vor allem geredet. Jetzt hat die Große Koalition eine umfangreiche Strategie entwickelt. Im Zentrum steht die Förderung der Künstlichen Intelligenz (KI). Bis 2025 will der Bund die Zukunftstechnologie mit drei Milliarden Euro unterstützen.

Das geht aus dem 78 Seiten starken Maßnahmenplan hervor, den das Kabinett am Ende der Digitalklausur an diesem Donnerstag beschließen will. Einen signifikanten Beitrag soll demnach auch die geplante steuerliche Forschungsförderung bringen.

Wenn Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) über Künstliche Intelligenz spricht, kommt er meistens auf eine kleine Firma aus Köln zu sprechen: DeepL. Das Unternehmen hat eine Übersetzungssoftware auf KI-Basis entwickelt, die laut eigenen Angaben wesentlich bessere Ergebnisse als die großen Konkurrenten Google Translate, Microsoft oder Facebook liefert. „Geben Sie da mal ‚Ich hab meine Mutter um die Ecke gebracht‘ ein“, erzählt Altmaier dann.

Am Anfang übersetze die Software noch: „I brought my mother around the corner“, stelle dann aber dank Künstlicher Intelligenz blitzschnell um auf die richtige Übersetzung: „I killed my mother.“ DeepL ist ein Vorbild, wie es die Bundesregierung gerne öfter sehen würde. Ein Dienst aus Deutschland, der es im Bereich Künstliche Intelligenz mit den ganz Großen aufnehmen kann. Allzu viele Beispiele gibt es darüber hinaus allerdings nicht.

Wie eine Analyse des Datenauswertungsportals CB Insights zeigt, kommt der größte Teil der 100 vielversprechendsten KI-Start-ups aus den USA. „Wir müssen jetzt alles tun, was geht“, sagt Bundeskanzleramtschef Helge Braun (CDU), der auch dafür zuständig ist, die Digitalisierung voranzubringen. Selbst Kritiker sind sich inzwischen einig, dass die Bundesregierung kein Erkenntnisproblem bei dem Thema mehr hat. Allerdings hapere es an der Umsetzung.

Diese Kritik „haben wir uns sehr zu Herzen genommen“, sagt Digitalstaatsministerin Dorothee Bär (CSU). Die KI-Strategie der Bundesregierung ist Teil der großen Digitalstrategie, die intern nur „Umsetzungsstrategie“ genannt wird und eine Fortsetzung der Digitalen Agenda der letzten Legislaturperiode darstellt.

In den vergangenen Monaten hatten die einzelnen Ministerien die Aufgabe, ihre wichtigsten Vorhaben in dieser Strategie zusammenzufassen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) meint es diesmal ernst damit, die Digitalisierung voranzutreiben. Die zweitägige Klausur ist ein Zeichen dafür. „Sie können sich vorstellen, dass nicht jeder Halleluja schreit, dass es jetzt zwei Tage eine Kabinettsklausur zum Thema Digitales gibt“, sagt Digitalstaatsministerin Bär.

Aber man wolle jetzt als Staat auch mal vor die Welle kommen und nicht immer nur reagieren. Drei Milliarden Euro will die Bundesregierung in den nächsten Jahren zur Förderung der Technologie ausgeben. Die Hebelwirkung dieses Engagements auf Wirtschaft, Wissenschaft und Länder werde mindestens zur Verdoppelung dieser Mittel führen, so die Hoffnung.

Grafik

Die steuerliche Forschungsförderung werde die KI-Strategie „signifikant und nachhaltig zusätzlich unterstützen“, heißt es weiter. Ein wichtiger Pfeiler der Strategie ist der Transfer von Forschungsergebnissen in die Praxis. „Während einige Unternehmen bereits weit in der Entwicklung von KI sind, hat das Gros der Unternehmen in Deutschland, insbesondere im Bereich der kleinen und mittleren Unternehmen noch keine KI-Expertise“, heißt es in dem Papier.

Die Bundesregierung will weitere Beratungszentren und sogenannte Reallabore schaffen, wo Unternehmen neue Technologien ausprobieren können. Außerdem sollen die Haushaltsmittel für Exist, ein Programm für Existenzgründungen aus der Wissenschaft, im nächsten Jahr verdoppelt und Förderprogramme im Bereich Wagniskapital und Venture Debt ausgebaut werden. Bundeswirtschaftsministerium, Forschungsministerium und das Arbeitsministerium sollen ein KI-Transferkonzept erarbeiten.

„Dass die Bundesregierung nun ankündigt, rund drei Milliarden Euro in KI zu investieren, ist ein wichtiger Schritt, damit wir im internationalen Wettbewerb bestehen können“, sagt Tankred Schipanski, digitalpolitischer Sprecher der Unionsfraktion dem Handelsblatt. Neben dem Transfer in die Wirtschaft müsse der Schwerpunkt davon vor allem in die Grundlagenforschung fließen.

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Derzeit ist Deutschland im Vergleich zu den USA und China bei der Anzahl von neu gegründeten KI-Unternehmen nicht gut aufgestellt. Aber auch bei den bereits etablierten Unternehmen gibt es Nachholbedarf, wie diverse Studien zeigen. In einem Gutachten für das Bundeskanzleramt hatte die Expertenkommission für Forschung und Innovation (EFI) erst im Frühjahr gewarnt, dass Deutschland nur beim autonomen Fahren konkurrenzfähig sei.

Auf anderen Feldern – vor allem den autonomen Systemen in der industriellen Fertigung, beim Smarthome und beim Einsatz von Computern in menschenfeindlichen Umgebungen liege Deutschland hingegen weit zurück. Dabei ist das Potenzial enorm. Laut einer Studie des Instituts für Innovation und Technik (IIT) im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums könnte der Einsatz der Technik allein im produzierenden Gewerbe in Deutschland in den nächsten fünf Jahren eine zusätzliche Bruttowertschöpfung von rund 31,8 Milliarden Euro ermöglichen.

„Wir wollen, dass Deutschland seine starke Position in der Industrie 4.0 ausbaut und führend bei KI-Anwendungen in diesem Bereich wird“, heißt es in der Strategie. Doch die Bundesregierung treibt neben ihrer Sorge um die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands noch etwas anderes um: Es geht ihr darum, dass Europa bei der Technologie maßgeblich die Standards setzen soll, und nicht Amerika oder China. Das hat nicht nur wirtschaftliche Gründe.

Künstliche Intelligenz wird maßgeblich von ihren Erschaffern bestimmt. Algorithmen können damit auch diskriminieren und ausgrenzen oder bestimmtes Verhalten fördern oder unterbinden – je nachdem, wie sie programmiert sind, und je nachdem, mit welchen Datensätzen die Künstliche Intelligenz gefüttert, also trainiert wird.

„Wir wollen eine europäische Antwort auf datenbasierte Geschäftsmodelle und neue Wege der datenbasierten Wertschöpfung finden, die unserer Wirtschafts-, Werte- und Sozialstruktur entspricht“, heißt es in der Strategie. Am Dienstag hat das Bundeskanzleramt die Ministerien zudem darum gebeten, eine Zustimmung zu dem Vertrag für das Internet zu prüfen, den Tim Berners-Lee ins Leben gerufen hat. Darin fordert der als Erfinder des Internets gehandelte Engländer neue Standards.

Frankreich hat das Regelwerk, das unter anderem einen besseren Schutz von Daten und den freien Zugang von allen zum Internet vorsieht, bereits unterzeichnet. Auch Unternehmen wie Google und Facebook haben sich dazu bekannt. Facebook hatte in jüngster Zeit massive Probleme mit Datenleaks und hat versucht, ärmeren Ländern kostenloses Internet zu vermitteln – allerdings nur, um auf Facebook oder anderen auserlesenen Webseiten zu surfen.

Google schickt sich Medienberichten zufolge derzeit an, seine Suchmaschine auch auf dem durch Zensur geprägten chinesischen Markt anzubieten. Als entscheidend für den Erfolg Deutschlands bei der Künstlichen Intelligenz sieht die Bundesregierung den Zugang zu Daten an. Tatsächlich ist die deutsche Wirtschaft im Vergleich zu den USA und China dabei im Nachteil.

Der Schutz persönlicher Daten ist in Deutschland und Europa traditionell ausgeprägter, vor allem im Vergleich zu China, wo Staat und Unternehmen riesige Datenmengen sammeln. Um dem etwas entgegenzusetzen, will die Bundesregierung Datenpools von Unternehmen stärker unterstützen, aber auch selbst mehr Daten der öffentlichen Hand bereitstellen – ein Versuch, der schon in der vergangenen Legislaturperiode unternommen wurde.

Wir müssen jetzt alles tun, was geht. Helge Braun, Kanzleramtsminister

Interessant ist bei der Strategie auch ein Hinweis auf die Notwendigkeit von sicherer Infrastruktur. „Eine KI nach europäischen Wertmaßstäben“ lasse sich nur verlässlich sicherstellen, wenn man auch die Technologiesouveränität bei den entscheidenden Hard- und Softwarekomponenten habe und nicht von Dritten anhängig sei. So müsse Mikroelektronik daher in Deutschland beziehungsweise Europa gehalten und ausgebaut werden.

In dem Papier heißt es: „Insbesondere für mobile Anwendungen von KI-Technologie – zum Beispiel beim autonomen Fahren oder bei Robotikanwendungen oder in sicherheitskritischen Bereichen wie kritische Infrastrukturen – sollen sichere und zuverlässige Systeme entwickelt werden, die deutlich über den derzeitigen Stand der Technik hinausgehen.“

In den vergangenen Monaten hatte es eine Diskussion darüber gegeben, ob der chinesische Netzwerkausrüster Huawei die Technik für den neuen Mobilfunkstandard 5G in Deutschland bereitstellt. Australien und die USA hatten den Einstieg in ihrem Netz wegen Sicherheitsbedenken untersagt.

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Kommentare (3)

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Herr Manuel Schmidt

14.11.2018, 09:05 Uhr

3 Milliarden.... will China nicht 140 Milliarden in den nächsten Kahren investieren?:/

Herr Christoph Ellinger

15.11.2018, 09:40 Uhr

Das ist lächerlich. Die Bundesregierung zeigt mal wieder, dass Sie überhaupt keine Ahnung von Digitalisierung geschweige denn von KI hat. Zum gefühlt 10x möchte die Regierung die Digitalisierung vorantreiben und Deutschland zum Technologie-Führer in diesen Bereichen entwickeln. Passiert als Absichtserklärungen ist in den letzten Jahren wenig. 3 Mrd. Euro ist nichts im Gegensatz zu den Investitionen, die China tätigt (dreistelliger Mrd. Betrag).

Herr Axel Braun

19.11.2018, 11:26 Uhr

Mal einen bemerkenswerten Satz zitieren: "Interessant ist bei der Strategie auch ein Hinweis auf die Notwendigkeit von sicherer Infrastruktur. „Eine KI nach europäischen Wertmaßstäben“ lasse sich nur verlässlich sicherstellen, wenn man auch die Technologiesouveränität bei den entscheidenden Hard- und Softwarekomponenten habe und nicht von Dritten anhängig sei. "
Gut erkannt.
Gemacht wird leider das Gegenteil: Statt digitaler Souveränität geht es mit Vollgas weiter in Richtung Abhängigkeit von amerikanischen Monopolisten. In Niedersachsen wird eine freie, sichere und kostengünstige Infrastruktur aufgrund eines politischen Beschlusses gekippt, ohne eine Risiko oder Kostenabschätzung durch die Einführung von 'Windows' zu haben.
Selbiges in München, nur kurz nachdem die Microsoft-Zentrale nach München gezogen ist. Der Schaden wird auf über 100 Mio € geschätzt, ohne dass ein Nutzen für die Stadt oder die Volkswirtschaft geschaffen wird.
Allein der Bund überweist mehr als 250 Mio Lizenzkosten nach Redmond.
Wenn IoT, KI und ähnlich Digitalisierungsprojekte funktionieren sollen braucht es offene Standards, und die kann es nicht ohne quelloffene Software geben. Es wird Zeit dass die Regierung mal an der Basis ansetzt und sich von proprietären Techniken und Produkten verabschiedet!

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