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28.12.2021

04:23

Digitalisierung

Datenschutz, Netzsicherheit, wenig Bürokratie – Wie Finnland das Gesundheitswesen digitalisiert

Von: Mathias Brüggmann

Das nordische Land hat fast flächendeckend 5G-Netze, testet schon 6G und hat ein fortgeschrittenes digitales Gesundheitswesen. Auch die deutsche Politik kann davon lernen.

Auch eine Corona-App wurde in das Kanta-System eingebaut. dpa

Digitale Gesundheitskommunikation

Auch eine Corona-App wurde in das Kanta-System eingebaut.

Berlin Während in Deutschland der neue Gesundheitsminister Karl Lauterbach den Start des digitalen E-Rezeptes gerade verschoben hat, kann jede Finnin und jeder Finne einfach über die elektronische Gesundheitskarte Kanta Rezepte bekommen. „Das war der Durchbruch für Kanta, als alle über diesen elektronische Zugang Rezepte von Medizinern bekommen konnten“, sagt Teemupekka Virtanen, der für die finnische Regierung Kanta entwickelt hat.

Seit 2006 hat der 59-Jährige das finnische E-Health-System aufgebaut, auch eine Corona-App in das Kanta-System eingebaut – deutlich bevor es Corona-Apps und elektronische Impfzertifikate in Deutschland gab.

In Omakanta, „Mein Kanta“, über das sich Nutzer sogar über Bankzugangsdaten einloggen können, sind inzwischen alle Patienteninformationen gespeichert: alle Bluttests, Röntgenbilder, Diagnosen, Rezepte - bis hin zu Organspende- oder Patientenverfügung.

„Die Menschen wollen ja, dass beim Besuch in einer Praxis oder im Krankenhaus die Behandelnden die ganze Krankengeschichte kennen und nicht unnütz weitere Untersuchungen gemacht werden“, sagt Virtanen. Die 40 Millionen Euro Entwicklungskosten habe der Staat übernommen, jetzt zahlen Krankenkassen, Apotheken und Anbieter von Gesundheitsdiensten jeweils ein paar Cent pro Nutzung – 15 bis 20 Millionen Euro Betriebskosten jährlich.

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    Finnlands weitreichende Digitalisierung des Gesundheitswesens – bei dem die großen Datenmengen anonymisiert auch Unternehmen zur Verfügung gestellt werden – hat dazu geführt, dass auch Bayer, Pfizer, Roche, GE Healthcare und Novartis Millionen in Finnland investiert haben.

    „Wir sind eine nordische Gesellschaft, wir haben keine so große Angst vor der Regierung“, begründet Virtanen vom Gesundheits- und Sozialministerium das vorhandene Vertrauen in elektronische Krankenakten und Gesundheitssysteme.

    „Alles eine Frage des Vertrauens“

    Sozialdemokrat Timo Harakka pflichtet ihm bei: „Es ist alles eine Frage des Vertrauens“, sagt der finnische Minister, der wie in Deutschland der FDP-Politiker Volker Wissing das Verkehrs- und Digitalisierungsressort verantwortet.

    Finnland habe alles für den Datenschutz und die Netzsicherheit getan, was möglich sei, und das schon beim Aufbau der Netze in den 1990er-Jahren: „Da haben wir an höchste Sicherheit gedacht wegen einer Großmacht, die nicht China heißt“, sagt der Minister, ohne den großen Nachbarn Russland namentlich zu erwähnen, von dem Finnland erst nach der Oktoberrevolution 1917 unabhängig wurde.

    Heute habe Finnland „die effizientesten Netze der Welt“, weshalb viele IT-Firmen ihre Netzausrüstungen und Anwendungen in seiner Heimat testeten, unterstreicht Harakka. Bereits 70 Prozent seiner Landsleute hätten ein 5G-Netz zur Verfügung, in der Stadt Oulu, wo der IT-Konzern Nokia seinen Stammsitz hat, gäbe es sogar bereits probehalber ein 6G-Netz. Dadurch würden dort industrielle Anwendungen der Künstlichen Intelligenz in Echtzeit möglich.

    Finnland, das weltweit die erste Daten-Flatrate eingeführt hatte, wolle beim von der EU bis 2030 geplanten „Digitalen Kompass“ das erste EU-Land sein: Bis spätestens April solle der finnische Digitalisierungsplan stehen, in dem die digitalen Rechte aller Bürgerinnen und Bürger, der genaue Fahrplan zum Ausbau schneller und sicherer Digitalinfrastruktur und „gleiche, faire Bedingungen für alle europäischen Unternehmen“ manifestiert würden, sagt Harakka.

    „Smartere Gesetze und weniger Bürokratie“

    Denn ein Land wie seines mit nur 5,5 Millionen Einwohnern habe nicht das Geld, so große Forschungsfördergelder zu verteilen wie etwa Frankreich, meint der Minister. Aber: „Wir haben smartere Gesetze und weniger Bürokratie.“ Das locke Investoren und Forscher an.

    Den von der EU bis 2030 geforderten europaweiten elektronischen Identitätsnachweis (ID) habe Finnland bereits seit Jahren. Damit kann man sich bei Kanta einloggen oder einen Wagen in einer Autovermietung besorgen. Und das Recht auf die eigenen Daten (my data) fordert Finnland als EU-Recht „nun schon seit sechs Jahren“.

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